Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- Seite 539 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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539 „Wenn kleine Kinder ins Spiel kommen, reden die verständigsten Frauenzimmer Unsinn!" sagte der Rechtsanwalt trocken. „Sechswochenkinder lachen noch nicht, Fräulein Marcus. Und was das Waisenhaus anlangt, Frau Goldberg," fuhr er, sich zu Dieser wendend, fort, „so wird unser kleiner Schützling gut genug daselbst aufgehoben sein; ich wollte nur, wir hätten es erst dort, das arme, kleine Blatt im Winde. „Na, versuchen wollen wir's." Er zog eine Brieftasche hervor und begann zu schreiben: „Eltern: Jakob und Liba Epstein... Vorname des Kindes?" „Hannah." Helene Wagner, die bis dahin wortlos der ganzen Szene gefolgt war und gegen eine eigene, undefinirbare Bewegung gekämpft hatte, fühlte die Blicke ihres Vetters und ihrer Cousine seltsam beredt auf sich ruhen. Das war der Name ihrer Mutter gewesen. Früher, als sie noch eigene Kinder erhoffte, hatte sie stets gesagt, würde ihr ein Töchterchen beschieden, so solle es ebenso gerufen werden... Stärker und stärker wurde die sie durchwvgende Erregung. Sollten die Begebenheiten der letzten Tage sie aufrütteln aus der selbstsüchtigen Abgeschlossenheit ihres eigenen Leides, ihr zeigen, welche Aufgaben ihrer noch harrten! Sie gedachte ihrer eigenen Jugend, wie die Schwester ihrer Mutter keinen Augenblick gezögert hatte, trotz der mannigfachen bereits auf ihr lastenden Pflichten sie, das vereinsamte, verlassene Kind, in den Kreis ihrer eigenen Sprößlinge, an ihr großes, weites Herz zu nehmen, in nimmermüder Gewissenhaftigkeit ihre Erziehung zu leiten. Wahrlich, Tante Fannys verstorbener Gatte hatte Recht gehabt, wenn er in Bezug auf seine Frau häufig den Salomonischen Spruch citirte: „Ein tngendsames Weib ist viel edler denn die köstlichsten Perlen." . . Was wäre aus ihr geworden, wenn auch Jene „die Sorge, die Verantwortung" gescheut hätte? — — Im Geiste sah sie die Kleine dort aufwachsen, überflüssig, kaum geduldet, herumgestoßen unter fremden, liebelosen Menschen, sie sah sich selbst, alternd, verbittert nnd mit dem Geschick hadernd, allein in ihrem großen Hause. ... Wie gebannt schaute sie auf den Rechtsanwalt, hörte sie ihn seine Fragen fvrtsetzen, bis er zum Schluß das Portefeuille mit den Worten einsteckte: „Wir müssen also sehen, wo die kleine Hannah bleibt!" Von einem unbezwinglichen Impuls getrieben, trat sie plötzlich vor und nahm das Kind der überraschten Sarah ab: „Wenn es Ihnen Allen recht ist, bleibt es bei mir!" .. . * -i- * Frau Fanny Marcus sah besorgt zum Fenster in die immer tiefer werdende Abenddämmerung hinaus, zum dritten Male innerhalb der letzten Viertelstunde. „Ich begreife nicht, wo die Kinder bleiben," sagte sie unruhig, „so spät kommen sie sonst nie. Willst Du schon gehen, Clara?" Die letztere Frage galt ihrer älteren, sich zum Ausbruch rüstenden Tochter. „Ich inuß wohl, Mama. Sie warten zu Hause auf mich, es ist Essenszeit." „Das ist es doch für uns auch, und dabei läßt sich noch Nienrand blicken. Ich fange im Ernst an, mich zu ängstigen; die Gegend am Hafen ist gegen Abend kein Aufenthalt für Helene und Sophie." „Sie sind ja nicht allein dort," beruhigte sie ihr zweiter, hinter einer Zeitung sitzender Sohn, ein baumlanger Primaner. „Rudolf ivird schon dafür sorgen, daß ihnen nichts geschieht. Und wenn Du zu hungrig wirst, essen wir einfach allein." „Ich glaube, den Georg bringt nichts aus seiner Ruhe," erklärte die Mutter halb lachend, halb ärgerlich, „nicht einmal die Aussicht auf verdorbenes Essen." „Nein, nicht einmal die," scherzte Jener. „Und verlaß Dich darauf, durch Dein beständiges Hinausspähen erscheinen die Vermißten nicht eine Minute eher. Geh' doch vom Fenster fort." „Ich glaube, da kommt ein, Wagen, das sind sie!" rief Clara aufhorchend. „Gottlob, es wird Zeit. Ich habe vor allem immer Sorge um Helene." „Na, natürlich, sie bleibt iminer Dein Nestküchlein, uni Deine eigenen Kinder bangst Du Dich lange nicht so!" neckte Georg, sich, als nunmehr das Läuten der Hausglocke erscholl, erhebend und die in den hellerleuchteten Hausflur leitende Thür öffnend. „Da seid Ihr ja endlich," rief er den An-! kömmlingen zu, „wir glaubten schon, Ihr wäret insgesammt! unter einen Wagen gerathen. Ihr habt Euch gehörig ver- > spätet." j „Dafür bringen wir auch was Schönes mit," gab Rudolf > lakonisch zurück. „Geh' nur voran, Helene!" Damit schob er seine Cousine, ihr dann mit seiner Schwester folgend, ins Zimmer. Etwas in ein großes Tuch Gehülltes ziemlich ungeschickt im Arme haltend, schritt die junge Frau auf ihre Tante zu und schlug behutsam einen Zipfel des Bündels zurück. Die kleine Hannah schlief so fest, daß sie nicht eimual munter wurde, als Helene sie ein wenig verlegen der alten Dame mit den Worten hinhielt: „Ich habe das Kind doch behalten, liebe Tante!" „Bravo, Helene!" riefen ihre Angehörigen einstimmig, und die Mutter sagte liebevoll: „So fandest Du also den Muth dazu!" „Wenn es in seiner Verlassenheit zu Grunde gegangen wäre, würde ich mir eivig Vorwürfe machen. Ich möchte wenigstens versuchen, es vor dem Untergang zu retten." „Dann steh vor allen Dingen nicht mit ihm im Zug und fass' es nicht so schrecklich fest an. Du erdrückst es ja beinahe!" Mit sachkundiger Hand »rahm sie ihr die Kleine ab nnd legte sie vorsichtig auf einen großen Sessel. „Schließ die Thür, Sophie." Dann wandte sie sich wieder zu ihrer Nichte und umarmte sie herzlich. „Du hast recht gehandelt, mein Kind. Und ich bin überzeugt, ans Deiner Handlung selbst wird Dir Dein Lohn dafür hervorgeheu. So wie Du dies kleine Mädchen vor dem sicheren Verderben gerettet hast, so wird cs auch Dir eine Rettung sein, Dich dem Leben, vor allem der Freude am Leben zurückgewinnen" .. . * * * Eine Reihe von Jahren ist seitdem verstrichen. Aus dem hilflosen Säugling, den Helene Wagner aus den Gängen beim Hafen entführte, ist ein zierliches Mädchen geworden, das so schön zu werden verspricht, wie eS die arme Liba Epstein in gesunden Tagen gewesen sein muß, und dessen Lachen und Jubeln die große Wagner'sche Villa mit heiterem Leben erfüllt. Nicht umsonst heißt es, ein Kind kann Wunder wirken, — sein fröhliches Wesen hat die schwermüthige, menschenscheue Hausherrin in eine frische, thatkräftige Frau verwandelt, wohl befähigt, ihren Platz auf Erden auszufüllen nnd den an sie herantretenden Forderungen gerecht zu werden.