Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- Seite 538 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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538 daß die Saat des protzen Herodes nicht jene Früchte getragen, die sie tragen konnte. Daß aber Herodes mit seinem großen Gedanken, den er über die Wiedergebnrt Israels als Volk und Mensch gedacht. Jene mit seinem Schatten verdunkelt, sieht Jeder, der die Dinge ohne jede Nebenabsicht betrachtet. Man vergleiche nur Esra und Nehemia und Konsorten, die die Erlösung ihres Volkes durch Thränen und Fasten ins Werk setzen, mit jenem großen Geschlecht, das mit dem Schwerte in der Hand gefallen, mit „diesen Rebellen" (Sikarier). .. . und es wird sich zeigen, wer die Rieselt und lver die Zwerge sind. — — — — — — — — — — — — — Und auch das glaube ich: „diese Rebellen" waren größer als die Helden der „achtzehn Verordnungen"; das Schwert bedeutet mehr als das Buch, Diejenigen, die sich lebendig ans ihr eigenes Schwert werfen, waren wohl mehr als Jene, die sich in Särge steckten und als Todte durch das Stadtthor durchschmuggelten." In diesem Tone klagt Berdyczewski die Geschichte an, voll den cilteften Zeiten bis auf die Gegenwart. Die trostlose Gegenwart sieht er in einer zufälligen Vergangenheit wurzeln. Und diese zufällige Vergangenheit drücke uns mit ihrer viertausendjährigen Wucht, verschlinge unsere Gegenwart und ersticke unsere Zukunft: .. Unsere Vergangenheit verdrängt unsere Gegenwart, sie ninunt uns unsere ganze Gegenwart und setzt sich selber an deren Stelle; sie macht uns zu ihren Lastträger:: und nur zu Lastträgern-- Eines verdrängt das Andere, die Schrift verdrängt das Leben, die Bergan gell heit verdrängt die Gegenwart... Zwei Jahrtausellde hatten wir gar keine Gegenwart und lebten nicht unser eigenes Leben .. . unsere Kinder waren geboreile Greise, wir waren die Beute unseres Schatteils. ... keine Nach k o mmen, nur Vorfahren haben wir. von Geschlecht zu Geschlecht, und auch sie sind geschrieben auf beschriebenem Papier, entseelte Figureil. Eine lange Vergangenheit umfaßt Misere Geschichte. eine Vergangenheit ohne Gegenwart, ohne Zukuilst, eine Vergangenheit, die sich selber verschlingt und sich selber wiederkäut .. ." Aber diese verlästerte Vergangenheit ist stärker als der Dichter; er schließt in ergreifender Weise: „Schreieil will ich. einen großen und bitteren Schrei, der dem ganzen Sturm meiner Seele, der ganzen Qual meiner Seele Lllft macht. Laut will ich meine Stimme erheben, eine Stimme, die von einem Ende der Welt zum andern hallt, aus daß alles in uns erzittere, alles, was in uns begraben liegt: Rach all dem Wühlen und Wogen der Gedailken. nach all bem großen Sturm, der in uns alles entwurzelt. alles zerstört, bleibt noch imnier ein Rest geschichtlicher Seele in uns begraben, und sie lebt in uns. Unser geschichtlicher Schmerz, unsere geschichtliche Tragödie ist tiefer denn der Abgrund, ist der Abgrund ... Und dieser geschichtliche Abgrund ist grauenhaft; jede Taste mlserer Seele hört sein Schäumen, alles in uns schöpft aus seinem Gewoge, unsere ganze Seele ist oft nichts als sein Widerhall. Und all diese Gedanken, all dieses Nachdellken und Zerstörer: prallell mir oft ins Gesicht zurück. Mächtige Gedankell. mächtig genug, alles zu verdächtigen, alles umzustürzeu; mächtig genug, die Werthe aller Geschlechter mit der Schleuderkelle durcheinander zu werferr, die Hoffnung aller Geschlechter und den Glauben aller Geschlechter; aber wenn sie siegen, bin ich der Besiegte, wenn sie gewinnerr, muß ich Verlierer:. Und ich Armer, mich trifft der Streich meiner eigenen Ruthe, ich fühle die Hiebe meiner Gedanken an meinem eigenem Leibe; oft fühle ich. daß ich Harrd an ruich lege. Und rueirre Seele ist erfüllt von unsäglicher Qual, mein Herz birst vor all deu: Schnrerz. vor unserem großen, abgrundtiefen Schmerz. Gräber rvill ich zerstören. Gebeine exhumiren; aber die Gebeine sind meine eigenen Gebeine und die Gräber «reine besten Gräber. Schreien will ich. geißeln und tadelrr, rrene Werthe prophezeien auf den Gräbern der Alterr, aber das Alte komrrrt und straft mich Lüge, das Alte lebt irr mir und läßt mich rricht nach meiner Fa^on leber:. Gedanken, nichts als Gedaukerr, Schmerze,', nichts als Schmerzerr. Gebet uns doch die Möglichkeit zu leben; gewähret uns die Möglichkeit zu schreien; gönnet uns jenen einzigen großen Schrei, durch den der ganze Sturm unserer Seele austobt, die gar:ze Qual unserer Seele. — Gönnet rrns die Geburtswehen des Schönen, die schmerzensreichen Vorboten des Messias..." EUILLETON Nie Kettung. Eine Hamburger Auswanderergeschichte von Paula Faber. VI. ine Viertelstunde später standen Alle im Zimmer der Hauswirthin um die kleine, nunmehr beider Elter:: beraubte Waise versammelt. Der Rechtsanwalt versprach, für alles Erforderliche, vor allem auch dafür zu sorgen, daß das Ehepaar im Tode vereint bleibe und neben einander bestattet werde. „Sie müssen dvch tvdtmüde sein. Sie Arme!" sagte seine Frau bedauernd zu Sarah Goldberg. „Sie sollten etwas ruhen." „Wie kann ich, gnädige Frau?" gab Jene eintönig zurück. „Morgen müssen wir aufs Schiff. Da Hab' ich noch viel zu schaffen und zu richten." „Kann man Ihnen denn garnichts helfen?" „Nein, gnädige Frau, schönen Dank." „Vielleicht ist es auch besser für Sie, durch Ihre Thätigkeit von dem Schmerz um Ihre Freundin ein wenig abgelenkt zu werden, als wenn Sie sich ihm ganz hingeben würden," meinte Helene in: Vollgefühl ihrer Unbeholfenheit ziemlich zaghaft. Sarah Goldberg richtete sich aus ihrer stets etwas gebückten Haltung gerade empor und schaute die Sprecherin fest an. „Um die Liba trauere ich nicht, gnädige Frau," sagte sie dann ernst, „der gönn' ich die Ruhe, — ihr ist wohl. Für solch Leben, wie unsereins es hat, paßte sie gerade so wenig wie ihr Mann, — wie ich gestern schon sagte, lang hätten die Beiden es doch nicht ansgehalten. Weh' thut mir's nur um das liebe kleine Ding dort!" sie wies auf das schlummernde Kind, das jetzt, als ahne es, daß von ihm die Rede sei, erwachte und hierzu weinen begann. „Was soll aus ihm werden?" klagte sie, während sie es aufnahm und zu beruhigen suchte. „Am liebsten behielte ich's bei mir. aber — wenn man selbst drei Kinder hat, — das darf ich meinem Mann nicht zumuthen, wo ich noch nicht einmal weiß, wie es uns drüben gehen wird." „Die eigene Mutter hat sich seltsamerweise um sein zukünftiges Geschick garnicht gesorgt." warf Frau Rechtsanwalt Schwarz ein. „Sie hat das Kleine entschieden vergessen, und das war eine wahre Gnade von Gott," versetzte ihr Mann. „Denn eine befriedigende Antwort wäre da nicht leicht zu ertheilen gewesen. Nun, irgendwie bringt man das Dingelchen schon unter. Man wird sich an die Behörde in der früheren Heimath des Epsteinschen Ehepaares wenden, obwohl nicht allzuviel Erfolg davon zu erwarten ist. Da heißt es meist, wer weg ist, geht uns nichts mehr an, Punktum. Und vorerst versucht man es hier mit den: Waisenhause." „Jst's da auch gut versorgt?" fragte Sarah angstvoll. „Solch reizendes Kind!" Die Kleine hatte sich beschwichtigen lassen und lag jetzt auf den: Schooß ihrer Beschützerin, mit den schönen, dunklen Augen verständig von Einem zum Anderen blickend. „Ich glaube, es lacht schon!" rief Sophie bewundernd.