Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-09 · Heft 45 (9.11.1900) · p. Seite 537

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 45 (9.11.1900)
Date
1900-11-09
Page
Seite 537 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228411--56986-3293334
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

537 aufhören in strenger Konsequenz eürzutreffen, trotz aller Kritik, die an diesen Begebenheiten geübt wird! Ohne Zweifel, aber diese Frage darf nicht gestellt werden. Wenigstens ist die Zweckfrage kein Maßstab zur Beurtheilung derartiger Geislesprodukte. Man kann Nietzsche überhaupt nur so gerecht werden, wenn man die Zwecksrage beiseite läßt. Die „Umwerthung aller Werthe" darf nicht als ethisches Zukunftsprogramm aufgefaßt werden. Man hat die poetische Diktion Nietzsches zu sehr als Philosophische Shstemsprache behandelt, mail nahm daher beit Uebermenschen, die Herrenmoral und alle sonstigen Träume Zarathustras als baare Münze, als Zukunftsideale, als wirkliche, zu verwirklichende Ideale. Da konnte freilich nichts anderes herauskommen als der umgekehrte sozialistische Zukunstsstaat. Und so gab es eine ganze Menge billiger Kritik. In diesen Fehler ist denn auch Berdyczewski verfallen. Auch er nimnit Anlauf, seine Zerstörung zum Fundament eines Neubaues zu machen. Erträumt von einem neuen Judenthum, von einem Zukunftsjuden, Ueberjuden. Und auch da fordert das unklare, weil unmögliche Zukunftsprogramm berechtigte ulld unberechtigte Kritik heraus. Die Vernichtung Berdyczewskis ist in hebräischen Litteraturkreisen Rußlands geradezu aktuell geworden. Man begreift sogar die Gereiztheit eines so ernsten Schriftstellers wie M. L. Lilienblum (Luach-Aschiasaf 5661). Diesem Kritiker Berdyczewskis Passirte nämlich dasselbe Malheur, das schon so vielen Nietzschekritikern passirte. Er kritisirt das Zukunftsprogramm Berdyczewskis, was er aber durchaus nicht sollte. Auch der: großen komplizirten Apparat (der übrigens zu einem anderen Zwecke hergestellt zu sein scheint und deshalb auch nur sehr lose mit der beabsichtigten Kritik Berdyczewskis zusammenhängt) zur Vertheidigung der Geschichte hätte sich Lilienblnm füglich ersparen können. Die Geschichte bedarf keinerMertheidung; die kühnste und schärfste Kritik wird ihren ewigen Strom nicht um eine Haaresbreite von seiner Richtung ablenken. Kritik der Geschichte, ohne Rücksicht auf ihre ewige Nothwendigkeit, ist eine von Nietzsche geschaffene, von Berdyczewski mit mehr künstlerischer Naivetät als philosophischem Berständniß nachempfundene Kunstdisziplin. Es ist dies eine künstlerische Geschichtsauffassung, die dem natürlichen Lauf der Geschichte eine selbstkonstruirte ideale Möglichkeit entgegenhält. Die ideale, poetische Möglichkeit darf aber nie den Anspruch machen, die Wirklichkeit zu korrigiren. Auch die idealisirende Kunst setzt dem darznstellenden Naturprodukt eine ideale, künstlerische Möglichkeit entgegen, auch idealisirende Kunst ist eine Kritik der Wirklichkeit, ohne aber sich deshalb zu dem Versuche verleiten zu lassen, von einem konstitutiven Eingreifen in die Wirklichkeit zu träumen. Auch die Wissenschaft übt zuweilen Kritik an der Wirklichkeit. Ein fachkundiger Optiker dürfte sich ein Auge mit so viel Konstruktionsmängeln wie das menschliche Auge nicht zu Schulden kommen lassen. Helmholtz hätte eine solche Konstruktion als mangelhaft ausgeführt zurückgewiesen. Deshalb jedoch fiel es Helmholtz nie ein, sein wissenschaftliches Möglichkeitsideal jemals verwirklicht haben zu wollen. Nietzsche selber träumte allerdings von der Verwirklichung seiner Herrenmoral. Wir aber haben keine Ursache, einen Dichter-Philosophen in seinen Träumen zu kontroliren und zu stören. Ein anderer Dichter-Philosoph hat noch mehr als geträumt. Plato hat die Verlvirklichung seines Staates sogar in Angriff genommen. Wir aber werden seinen „Staat" trotzdem nie anders als ein Kunstwerk, eine künstlerisch ideale Möglichkeit betrachten. Platos Staat rst eine philosophisch-künstlerische Kritik der Wirklichkeit. Berdyczewski ist kein Philosoph, ihm fehlt alles zum Philosophen, aber er zeichnet sich durch unleugbaren künstlerischen Scharfblick aus. Seine Kritik frappirt oft durch die Originalität der Auffassung. Wir müssen bei der Lektüre seiner lyrischen Essays oft innehalten, um uns zu sagen: Von dieser Seite habe ich die Sache noch nie gesehen! Dem Kundigen entgeht es nicht, daß der poetische Essaist, weit entfernt davon, seinen Stoff zu beherrschen, vielmehr mit demselben oft kämpfen nnlß. Oft fehlt ihm die Kenntniß des Details, von dem aus sein Meister Nietzsche seine wirksamsten Allgriffe auf ganze Jahrtausende unternimmt. Berdyczewski wird an sich diesbezüglich noch viel arbeiten müssen. Nichtsdestowelliger staunen wir oft über den sicheren, intuitiven Blick, mit dem er ganze Geschichtsperioden durchdringt. Berdyczewski wirkt hauptsächlich durch schwungvolle Jdeenverbindung und kraftvolle Diktion. Und seine Kritik, mag sie Zuweilen noch so scharf und bitter sein, ist von einer innigen, hillgebungsvollen Liebe zil seinenr Volke getragen, die ben bedenklichsten Leser oft entwaffnet und hinreißt. Das hat der Schüler vor seinem von ihm unerreichten und wohl auch ullerreichbaren Meister voraus: Nietzsche ist der Sohn eines siegreichell Volkes. Das kraftvolle Nationalleben und die Machtfülle des deutschen Volkes, die übermüthige Lebensfreude der „blonden Bestie" reizt seinen Widerspruch. Er sucht daher seine Mängel rücksichtslos alls Licht zu zerren, um von hier aus seine Angriffe auf den Lauf der Weltgeschichte zu unternehmen. Der Angreifer triumphrrt, frohlockt, schwelgt in übermenschlicher Schadenfreude. Berdyczewski ist der Sohn seines Volkes. Er hat eine zweitausendjährige Leidensgeschichte zu kritisiren. Seine Kritik ist Selbstanklage, Zerknirschung, Selbstzerfleischung. Berdyczewski triumphirt nicht frohlockt nicht, er zerreißt seine eigene Seele, schneidet in fein eigenes Fleisch und wühlt in seinem eigenen Schmerz: „Eben erinnere ich mich, die Talmudisten verglichen Israel unter den Völkern mit einem Lamm unter Wölfen-und es ist dies ein großes Wunder, daß das Lamm nicht znin Fraß der Wölfe wird.... Ich sehe das Wunder, aber ich begreife nicht, wie sich ein ganzes Volk zum Lamm macht uiib sich damit zufrieden giebt. Ich sehe die Wohlthat nicht ein, uns zu einem ewig verfolgten und unterdrückten Volke zu machen und nur vom Mitleid zu leben, das wir erregen. Ich verstehe nicht, was das für ein Volk ist. dem Nomadenthum und Ausnahmegesetze Weltordnung sind, und es schämt sich dessen garnicht. .... Es ist wohl leicht, die Schuld aus den Allheiligen zu wälzen, Er hätte uns aus unserem Lande vertrieben, Er hätte uns unter die Völker zerstreut, aber der Allheilige ist doch nicht schuld daran, wenn wir uns beeilten, ins Exil zu gehen, wenn wir es vorgezogen haben. Nomaden unter schollenangestammten Völkern zu sein, als in unserem eigenen (wenn auch verheerten) Lande zu bleiben. — Und darin stehen wir fast beispiellos da. Nur wir brachten unserem Lande nicht nufere eigene Existenz zum Opfer, wir fingen an fortzulausen aus unserem Lande, noch bevor es un§ ausgespien — wir zogen den Völkerhandel vor. ohne uns einen Nest im eigenen Lande zu lassen. Ich kenne wohl alle geschichtlich nothwendigen Ursachen unserer Zerstreuung; aber all diese Nothwendigkeiten war keine wirkliche Nothwendigkeit. wir hätten sie ablenken können durch einen starken Nationalwillen, wenn nur ein einziger Lebensfunke in uns noch geblieben wäre! Das Volk, der Kern des Volkes, kannte den Werth seines eigenen Bodens, es kämpfte für ihn bis zum letzter, Tropfen seines Blutes. Das Volk besaß Lebensmuth, der sich und feine Aufgabe kannte. Aber die Führer des Volkes haben seine natürliche Neigung durch ihr geistige Falschmünzerei irregeleitet. Sie lehrten es. Jabne und Filialen der Festung Jerusalem vorziehen, der Hochburg des Volkes und seiner Existenz. Sie. diese geistigen Falschmünzer, trifft die Schuld,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.