Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- Seite 533 (sequence 7)
- Language
- German
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Trotz der Toleranz der Satzllngen, jeden Kommilitonen als Mitglied aufzunehuren, hat der Verein in den 17 Jahrerr seiner reichen Thätigkeit keinen Christen als Mitglied gehabt. Hat er gegeir den Antisernitismus gewirkt? Wir sehen den Antisernitismus leider weiter wachsen. Da zudem der Abfall vom Jirdenthnm nicht geringer wurde, begann man vor etwa einem Jahrzehnt die Verbreitung der Kenntrriß der jüdischen Geschichte und Litteratur auf die große Masse zu übertragen. In Süd mrd Nord, in Ost rrnd West des deutschen Vaterlandes wurden mehr als 130 Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur gegründet; es wurde überall kräftig gearbeitet, man hat es sogar zu einem blühenden Verbände dieser Vereine gebracht, der Antisemitismus ist jedoch weiter gewachsen. Da kam man, weil die Juden in manchen Kriegervereinen nur gerade geduldet wurden, auf die Idee, in Berlin einen jüdischen Kriegerverein zu gründen. Bald darauf sahen wir jüdische Studenten vereine erstehen, und als letzte Erscheinung trat ein jüdischer Turnverein ins Leben. Die Taktik mancher Juden, sich abzusondern, wo eure zwingende Nothwendigkeit garnicht bestand, hat unserer unmaßgeblichen Meinung nach den Alltisemitismus eher gefördert als verringert, Und thatsächlich hatte der Antisemitismus weitere Fortschritte zu verzeichnen. Selbst der von lvirklichen Christen in dankenswerther Weise unternommene Versuch, die Allgriffe der Alltisemiten abzuwehren, hat im Großen und Ganzen eine Aenderung nicht herbeigeführt. Da trat vor etwa sieben Jahren der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ins Leben. Sein Programm war: die Selbstvertheidigull g in der Oeffentlichkeit. Hat er auch llicht allzuviel Erfolge in den wenigen Jahren seines Bestehens allfzuweisen — die antisemitische Seuche hat schon zu große Strecken infizirt — so werden selbst die Gegner des Centralvereins zugeben müssen, daß die Durchführung des Programms für die Zukunft wohl Aussicht auf Erfolg haben dürfte. Man will aber nicht länger warten, man hat genug geduldet, schon zu viel ertragen. Es ist auch nicht Jedermanns Sache, sich auf den Zukunftsstaat vertrösteil zu lassen, und ein Recht, das nur auf dem Papier steht, ist kein Recht. Das Feuer brennt bereits unter den Sohlen, und wenn bis jetzt auch nicht jeder Jude das Feuer verspürt hat, wer weiß, wie lange es dauert, bis es Alle erreicht. Man braucht llicht erst einen Sohn sein eigen zu nenilen, der nach Absolvirrlllg seines Studiums seine Hoffnungen auf Allstelllmg all einem Gymnasium gescheitert sieht, man braucht nicht erst einen Bruder zu haben, der als Arzt seine Militärpflichten llach Aussage des Vorgesetzten zur Zufriedenheit genügt hat, und dem trotzdenl das Avallcement vorenthalten blieb, man braucht auch nicht erst im Dienste ergraute und von den Behörden als tüchtig anerkannte Lehrerinnen über das ihnen durch die Entziehung ihrer Ordinate zugefügte Unrecht weinen zu sehen, unl die ganze Schmach der Erniedrigung, die allen Juden damit zugefügt wird, mit zu empfinden. Da mußte die Frage aufgeworfen werden: Kann noch etwas geschehen? Professor Dr. M. Philippson hat in Nummer 39 der „Allgenleinen Zeitung des Judellthums" einen sehr beachtenswerthen Vorschlag gemacht: Ein allgemeiner deutscher Judentag soll als dauernde Institution geschaffen werden. Wer die Entwickelung der ganzen Verhältnisse überschaut, wird sich auch von einem Judentage nicht zu viel versprechen, wenigstens nicht von heute auf morgen. Aber wenn er auch nur etwas nützen würde, er müßte dennoch einberufen werden. Ja selbst, wenn er nur den Abgrund beleuchten würde, in den man gleichberechtigte Söhne und Töchter des Vaterlandes hinabgestoßen hat, und weml uns Juden selbst bei diesem Fellerschein endlich die Binden von den Augen fallen würden, er müßte geschaffen werden. Zwei große Institutionen besitzen die Juden in Deutschland: dell Deutsch-Israelitischen Gemeindebull d und den Ceutral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Beide sind die berufensten Führer in dem neuen Kampfe, beide haben die hervorragelldsten Glaubensgenosselr in ihrer Leitung. Mögen sie beide unter Hinzuwahl allderer geeigneter Personen schleunigst zu einer Vorberathung zusammentreten, damit wir, wenn möglich noch vor Jahresschluß, deil I. Deutschen Judentag in Berlin begrüßen könllell. Wir sind überzeugt, daß man in allen jüdischen Kreisen der Einladung znill ersten Judentage gern Folge leisten wird. Ob nationalliberal oder freisilmig, ob orthodox oder Reformer, Jeder werde geladen, Jeder komme! Wir aber wollen uns dann als Mänller zeigell; wir sind nicht todt, noch leben wir! Unser Religionsunterricht. i. s ist wohl an der Zeit, den Wirkungen der vor etwa fünf Jahren zn neuem Leben erweckten Bestiinmungen von 1847, nach denen auch die jüdischen schulpflichtigen Kinder in ihrer Religion auf geeignete Weise unterwiesen werden sollen, nachzuspüren, und die während dieser Zeit gesammelte Erfahrung für die weitere Ausgestaltung der Institution des sogenannten obligatorischen Religionsunterrichts (zunächst an höheren Lehranstalten) zu fruktifiziren. Wir erkennen dankbar an, daß die Behörde dadurch, dah sie jene Bestimmung endlich hat in Kraft treten lassen, unserem Bekenntnisse einen unschätzbaren Dienst erwiesen hat. Der beklagensiverthe Jndifferentismus, der weite Kreise ergriffen hat, und der damit in Zusammenhang stehende Abfall vom Judenthum sind nicht zum wenigsten auf das Konto der jahrelangen Vernachlässigung des Religionsunterrichts zu setzen. Aber wir dürfen nicht auf halbem Wege stehen bleiben; das bisher Erreichte kann doch nur als der Anfang dessen angesehen werden, was wir aus Liebe zu unserer Religion und aus Gründen der Parität zu erstreben bemüht sein müssen. Denn noch giebt es eine stattliche Anzahl höherer Lehranstalten, besonders Privatschulen, die sich trotz des hohen Prozentsatzes jüdischer Zöglinge nicht entschließen können, auch den jüdischen i i - 31?