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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-09 · Heft 45 (9.11.1900) · p. Seite 532

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 45 (9.11.1900)
Date
1900-11-09
Page
Seite 532 (sequence 6)
Language
German
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532 Vom ersten Tage an hat sie dergleichen abgelehnt, weil sie es als einen wirklichen Rest von Barbarei betrachtet hat. Indem sie dies thut. ist sie nicht mir erfüllt von den elenientarsten Gefühlen der Gleichheit und den wichtigsten Ideen der Revolution, sondern sie ist auch bemüht, die Einigkeit aller Franzosen in voller Kraft zu erhalten." Ebenso hat der Präsident der Republik Loubet bei dem großen Empfang in Lyon am 4. d. M. auf die Begrüßungsrede des dortigen Rabbiners in gleichem Sinne geantwortet. Er sagte, „es wäre kindisch zu glauben, es könnte Jemand in Frankreich mächtig genug sein, um die Gewissensfreiheit und die Religionsfreiheit anzutasten." * Im Staate Illinois ist von der demokratischen Partei Samuel Allschuler, ein jüdischer Advokat aus Aurora, als Kandidat für das Amt des Gouverneurs aufgestellt worden. Unser Newyorker Korrespondent berichtet uns des Weiteren darüber: Daß die Gegenpartei alle Mittel ausivendet, um seine Wahl zu verhindern, ist begreiflich. Von besonderem Interesse ist aber der Umstand, daß antisemitische Neigungen zu diesem Zwecke anfgerusen werden. Der „La Salle County Herold", ein in Ottawa. Illinois, erscheinendes deutsches Blatt, sagt in der Nummer vom 27. August Altschulers Niederlage voraus, „weil semitisches Blut in seinen Adern, fließt. Die Abneigung des Amerikaners gegen den Inden, den er wie einen Aussätzigen, einen Paria, meidet, ist grenzenlos. Die schroffe Feindseligkeit des Amerikaners gegen die Rasse der Raubvogelnasen hat aber ihre guten Gründe. Feige, schmutzig, herz- und erbarmungslos, falsch und geldgierig sind — mit rühmlichen Ausnahmen natürlich — die krummen Nasen der Gegenwart." Die demokratische Partei verbreitet einen photographischen Abdruck dieses Artikels mit englischer Uebersetzung als Kampagne-Dokument. Ihre Folgerungen, daß, wenn die republikanische Partei sich im Besitze der Macht behaupten sollte, die Lage der Inden in Amerika auf das Niveau der russischen Zustände sinken würde, ist natürlich eine thörichte Uebertreibuug. Andererseits kann, das Argument des Chicagoer Rabbiners Emil G. Hirsch, eines Mitgliedes der republikanischen Partei, der in seinem Blatte „The Reform Advocate" vom 20. Oktober aussührt, daß die Partei nicht für jede Aeußerung eines Mitgliedes verantwortlich gemacht werden könne, so richtig es ist, an der Thatsache nichts ändern, daß antisemitische Regungen in der Partei vorhanden sind, und daß man glaubt, durch einen Appell au dieselben auf die Wähler Eindruck zu machen. Daß gegebenen Falls auch ans demokratischer Seite ein gleicher Fall sich ereignen könnte, muß zugegeben werden. Auf die Schanzen! Von M. Lipschih-Berlin. Jpht Schrei der Entrüstung entringt sich seit Jahren der >) Brust jedes einzelnen Juden im deutschen Vaterlande ob des Einflusses, den jene unchristliche und kulturseindliche Erscheinung, der Antisemitismus, in Stadt und Land errungen hat. Dieser Schrei ist angesichts des Anwachsens der antisemitischen Strömungen zum Sturme geworden, und in dem Augenblicke, da der Antisemitismus in Könitz seine Orgien feiert, schwebt auf den Lippen ctir unserer Glaubensgenossen die bange Frage: Wie wird das enden? Ist doch jenes kleine westpreußische Städtchen durchaus nicht ein für den Antisemitismus besonders geschaffener Boden! Einst Schüler des Konitzer Gymnasiums, darf ich wohl als kompetenter Beurtheiler der Verhältnisse gelten. Die Juden in Könitz sind genau so gut und schlecht wie die Jude»! jeder anderer! Stadt, und auch die Christen in Könitz sind genau so gut und schlecht wie die Christen an anderen Orten. Jnr Bürgervereine haben Juden und Christen Jahrzehnte hindurch sich gegenseitig belehrt, im Turnvereine haben sie gemeinsam ihre Kräfte gestählt, und wenn es galt, im vaterländischen Frauenvereine zum Besten der Armen der Stadt helfend einzugreifen, dann haben Juden und Christen — echt jüdisch und echt christlich und echt menschlich — selbstlos ihre Schuldigkeit gethan. Manch edler Zug von Christen, auch von christlichen Gymnasiallehrern, Juden gegenüber ist mir im Gedächtniß geblieben, und um zu beweisen, daß auch Juden in Könitz menschlich fühlen und handeln können, brauche ich bloß an die brave That jenes jüdischen Feuerwehrmannes zu erinnern, der vor etwa einem Jahrzehnt bei einem Brande — wenn ich nicht irre, war's in einem christlichen Hause — als er Andere retten wollte, selbst den Feuertod gefunden hat. Was ist aus dem Könitz der achtziger Jahre geworden! Als im Jahre 1881 die antisemitischen Hetzer von Neustettin aus nach Könitz kamen, da wurde die judenfeindliche Bewegung im Keime erstickt; jetzt haben sie bester gearbeitet. An Ort und Stelle haben sie ihre „Bannerträger" gesucht und leider auch unter den „Gebildeten" gefunden. Was aber heute von den Antisemiten in Könitz erreicht wurde, das kann morgen in einer Stadt Westfalens und übermorgen in einer Stadt Schlesiens oder Posens in die Erscheinung treten. Der fortgesetzten Wühlarbeit des Antisemitismus können auch die besseren Elemente aus dem Volke nicht auf die Dauer Stand halten — der täglichen Suggestion durch Wort und Schrift kann sich so leicht Niemand entziehen — und die deutsche Volksseele, die auch im letzten Jahrhnndert noch nicht jene Höhe des Goethe'schen edlen Menschenthums erreicht hat, ist nicht mehr fähig, der Einimpfung des antisemitischen Giftes kräftigen Widerstand entgegen zu setzen. Die bösen Triebe, die im Menschen schlummern, brauchen nur des Oefteren angerufen zu werden, und sie treten mit einer Gewalt in die Erscheinung, daß nicht nur für unsere Glaubensgenossen, sondern für das gesanunte Staatswesen die größten Gefahren entstehen. Wer wollte an dem Vorhandensein der bösen Triebe zweifeln? Der Mahnruf, den Max von Schenkendorf vor hundert Jahren in seinem Frühlingsgruß an das Vaterland ertönen ließ, hat auch heute noch seine Berechtigung: Hah »nd Argwohn müht ihr dänipfen, Geiz und Neid und böse Lust — Dann nach schweren, langen Kämpfe» Kannst du ruhe», deutsche Brust. Wäre es möglich, die bösen Triebe im Merrschen zum Schwinden zu bringen, dem Antisemitismus wäre für immer der Boden abgegraben. Da wir das aber von heute auf morgen nicht erreichen können, so müssen die direkten Förderer und die indirekten Begünstiger in ihrer Thätigkeit lahmgelegt werden. Zwei Fragen sind es, die hierbei zu beairtworteu sind: Was ist bisher hierfür geschehen? Kann noch etwas geschehen? Treten wir zunächst der ersten Fragen näher. Man hoffte, den Antisemitismus einzndämmen, wenn man unter den Juden selbst die Liebe zum Judenthum und damit die Liebe zu allein Guten, Wahren und Edlen förderte. Man gründete in den siebziger und achtziger Jahren in verschiedenen Städten Deutschlands die Bne-Brith-Logen. Hat es etwas genützt? Der Antisemitismus ist weiter gewachsen. Im Jahre 1883 thaten sich Berliner Studenten zu einem „Akademischen Verein für jüdische Geschichte und

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