Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-02 · Heft 44 (2.11.1900) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 44 (2.11.1900)
Date
1900-11-02
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228410--56970-3293311
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

2 zu haben. Angeklagter Böckler gab seinen Warten eine andere Auslegung. Er habe lediglich auf einige sehr dreiste jüdische Aeußerungen Bezug genommen, die bei dem Bütower Prozeß in die Erscheinung getreten, und auf diese bcstinnnten, der Vergangenheit angehörenden Fälle das Rezept des Grafen Pückler für praktisch erachtet. Er habe besonders hinzugesetzt, daß er keineswegs zu Gelvaltthätigkeiten anfreizen wolle, sondern nur von Vergangenem spreche. Dies ttuirbe von dem als Zeugen vernommenen Polizeilentnaut Hartung bestätigt. Dieser Zeuge bekundete. daß die Versammlung sehr zahlreich voll eineln sehr feinen Publikum besucht gewesen sei; der Theil des Volkes, der dort war. habe zu Gelvaltthätigkeiten nicht aufgereizt werden können, man habe bem Redner beifällig zugejnbelt und zngeklatscht. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärte der Zelige, daß nach seiner Allstassnng nicht alles wörtlich zu nehmerl sei, was der Graf Pückler sagte. Dieser bedielie sich einer sehr blumenreichen Sprache. Er selbst habe die Worte des Angeklagtell nicht dahin ausgefaßt, daß sie nun auch ins Praktische übersetzt werden sollen. Staatsallwalt Filbry erachtete die Thatbestaudsmerkmale des 8 130 St.-G.-B. für erfüllt. Dieser Paragraph verlange llicht. daß die Hörer des Grafeil Pückler ijach dessen Wort hinauslaufen uub auf die Inden losdreschell; es gellüge, lvellll bei bcn Zuhörern die Geneigtheit hervorgerufell werde, bei passellder Gelegenheit. bei Ullruheil rc. ilach denl Rezept des Grafen Pückler zu verfahrell. Wie jetzt die Dillge bei lins liegen, liege sogar eille nahe Gefahr dazll vor. Die Augeklagteil lllögen durch gewisse Auswüchse, namentlich der jüdischen Presse, 311 kräftigen Ergüssen gereizt gewesell fein, solche aufreizenden Reden seien aber unzulässig. Wohin sollte nlall fominen, wenn solche aufrührerischen Reden voll beu Vertretern der Arbeiter gegeil die Arbeitgeber, voll den Jndell gegeil die Christen, voll Katholiken gegen Evangelische gehalten würden? Was denl Grafen Pückler recht sei. nlüsse doch beu All deren billig sein. Er bealltrage gegeil beu Grafen Pückler 200 Mark, gegen den Angeklagten Böckler 50 Mark, gegen Dr. Bötticher 200 Mark Geldstrafe. Rechtsanlvalt Dr. Hahn beailtragte dagegeil die Freisprechung aller drei Angeklagten. Es sei llicht allsreichend, daß 31t Feindseligkeiten aufgereizt lverde. es müsse direkt zu Gewaltthätigkeitell in etuev den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise allgereizt lverdeil. Diese Absicht habe Graf Pückler llicht gehabt. Er habe lediglich die Gefahren geschildert, die denl Vaterlande dllrch das Judeilthum drohen llild dabei sich in Hyperbeln gefallen. Wegen viel stärkerer Ausdrücke sei er ill Breslau nnb Glogan sreigesprochell worden, ulld deshalb habe allch Dr. Bötticher das Referat ohlle Bedenken aufgellomnieil. Der Allgeklagte Böckler habe nichts gesagt, lvas eitler Auffordertulg zu Gelvaltthätigkeitetl ähnlich sehe. Der Gerichtshof faut zllr Freispre ch u n g der drei Allgektagten. Die Aellßernllg des Allgeklagteil Böckler sei nur eilte Kriti^ vorallgegallgener Dinge gewesell lind unter beu $ 130 zu bringen. Die dem Grafen Pückler zur Last gelegten Aenßernngen seien nach Ansicht des Gerichts „nur bildlich und nicht wörtlich zu nehmen, es seien Uebertreibungen, die auf den ersten Blick sich als solche zu erkennen geben, nicht ernst genommen werden können und sollen und nicht geeignet seien, zu Gelvaltthätigkeiten anznreizen." t. (Hollub, 28. Oktober. Das seltene Fest der diamantenen Hochzeit begingen am 23. d. M. hier in geistiger und körperlicher Frische der einer. Lehrer S. Braunstein und seine Frau Johanna geb. Cohn. Die Liebe und Hochachtung, die das greise Jubelpaar ani hiesigen Orte genießt, gab sich kund in der regen Theilnahme an dem Feste seitens der Bürgerschaft, die ohne Unterschied der Konfession die Gelegenheit gern benutzte, nnl dem seit fünfzig Jahren am hiesigen Orte ansässigen Jubelpaare Be»veise der Verehrung und Anerkennung für seine segensreiche Wirksamkeit ans mannigfachen Gebieten des öffentlichen Lebens darznbringen. Schon in den Vormittagsstunden erschienen Depntatiollen verschiedener Körperschaften, des Magistrats, des Vorstandes der Synagogengemeinde, des Lehrerkollegiums. des Franenvereins. und überbrachten ihre Glückwünsche und prächtige Geschenke. lvährend im Lause des Tages bis spät in die Nacht hinein Hunderte von Briefen und Glüchwunschtelegrammen von auslvärtigen Freunden und ehemaligen Schülern einliefen, in denen allen der Wunsch znm Ausdruck kam, daß es dem Jubelpaar vergönnt sein möchte, auch die eiserne Hochzeit noch zu erleben. Der hiesige Litteratnrverein veranstaltete zu Ehren des Jubelpaares am darauffolgenden Sonnabend Abend eine besondere Sitzung, in welcher der mit seinen Kindern ans Berlin herbeigeeilte Schwiegersohn des Jubelpaares, Herr Albert Ka tz. einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über den Talmud hielt. kl Nativor, 23. Oktober. Der Synagogengemeindev erb and des Regierungsbezirks Oppeln hielt gestern hier in Brucks Hotel seine diesjährige Hauptversammlung ab. Dem Verbände gehören 25 oberschlesische Synagogengemeinden an. Es erschienen neben den Vertretern der Ratiborer Gemeinde Delegirte aus Gleiwitz, Kattowitz, Königshütte. Tarnowitz, Lnblinitz, Groß-Strehlitz, Neustadt. Neisse. Vom oberschlesischen Nabbinerverband nahm Rabbiner Dr. Blumenthal aus Ratibor, als Delegirter des oberschlesischen Lehrerverbandes Lehrer Bernhard aus Tarnowitz theil. Der Vorsitzende Rechtsanlvalt Schütter-Gleiwitz begrüßt die Erschienenen und gedenkt in ehrenden Worten des verstorbenen Bankdircktors Fränkl-Gleiwitz solvie des Ratiborer Gemeindevorstehers Louis Bartenstein. den der Ausschuß znm Ehrenmitgliede ernannt habe. Der Bericht über die Thätigkeit des Verbandes liegt gedruckt vor. Die Bemühungen einer einheitlichen Organisation zur Bekämpfung der Wanderbettelei durch Errichtung von Grenzbüreans bleiben vorläufig erfolglos. In theilweiser Erledigung eines früheren Beschlusses wurde in Berlin ein Fortbildnngsknrsns für Kantoren errichtet. Das Waisenhaus in Rhbnik entwickelt sich lveiter erfreulich. Die Zahl der Waisen betrug am 1. April 22, das Anstaltsvermögen etlva 90 000 Mark. Zahlreiche Spenden und Vermächtnisse lvnrden der Anstalt überwiesen. Der Walsenhansetat wird mit 15 540 Mark festgesetzt. Amtsgel ichtsrath Gloganer-Taruowitz erstattete Bericht über die Zuschüsse an Gemeinden für Religionsschüler. Rabbiner Dr. Blumenthal bittet den Verband in dringenden Worten, eine Enquete darüber zu veranstalten, in lvelchen kleinen oberschlesischen Gemeinden oder zerstreut auf dem Lande israelitische Kinder ohne jüdischen Religionsunterricht anfwachsen, die Nachbargemeinden zur Ertheilung des Unterrichts zu veranlassen, und wo es Noth thut. Unterstützungen zu gewähren. Lehrer Bernhard lenkt das Interesse der Gemeiuden auf die Altersversorgung der Lehrer. Dr. Blumenthal theilt mit. daß der im Kreise Ratiboc ansässige Baron Nathaniel v. Rothschild in Wien für den Religionslehrer in Hultschin einen jährlichen Zuschuß von 400 Mark belvilligt habe. Weiter beschließt die Versammlnug, zur rituellen Beköstung der in den Strafanstalten von Ratibor und Großstrehlitz internirten jüdischen Gefangenen einen größeren Zuschuß zu gewähren. Eine lebhafte Debatte entspinut sich bei der Frage der Beerdigung jüdischer Gefangenen. Stadtrath Wiener-Kattowitz und Dr. Blumenthal-Ratibor verlangen, daß die verstorbenen Gefangenen unter jeder Bedingung auf dem Friedhofe der betreffenden Synagogengemeinde zur rituellen Bestattung kämen; die entstehendell Kosten dürften keinen Einfluß auf die Erfüllung des Religionsgesetzes üben. Amtsgerichtsrath Gloganer lveist auf ein neues Gesetz hin, wonach bei der Zwangserziehung von Kindern möglichst ans die Konfession der Betreffenden Rücksicht zu nehmen sei. Rechtsanlvalt Berger-Königshütte bedauerte. daß die Gemeinde Leo.bschütz sich so lvenig solidarisch fühle, daß sie dem Verbände nicht mehr angehöre. Es wird festgestellt, daß in der zn Leobschütz gehörenden Stadt Baserlvitz die jüdischen Kinder überhaupt keinen Religionsunterricht genießen. Thatsächlich hänfen sich die Taufen in Leobschütz in erschreckender Weise. Ein Antrag des Dr. Blnrnenthal, daß der Verband znm Vorschläge des Vorsitzenden des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes. einen Kongreß der deutschen Israeliten ins Leben zu rufen, Stellung nehme, wird aus die Bitte des Vorsitzenden vorläufig zurückgezogen, da der Ausschuß noch keine Gelegenheit fand, zn der Frage Stellung zu nehmen. In den Ausschuß wurden wieder gewählt: Rechtsanwalt Berger-Königshütte, Amtsgerichtsrath Lewy - Benthen, Amtsgerichtsrath Gloganer-Taruowitz, Ml'lhlellbesitzerStern-Königshütte.Grüufeld-Benthen, Stadtrath Wiener- Kattowitz und Rechtsanwalt Schüller - Gleiwitz, und neu gelvählt Rentier Nochmann-Gleiwitz. Am Schluß lenkte der als Gast amvesende Dr. Ernst Tuch aus Berlin das Interesse der Versammlnug auf die Tendenzen des „Vereins zur Verbreitung der Bodenkultur unter den Inden." Mit Daukesworten an den bisherigen Ausschuß und an den Vorsitzenden schloß die Versammlung, der ein Diner folgte, welches die Ratiborer Gemeinde den Delegirten gab. M. Hamburg, 23. Oktober. Dr. Hermann May ist ill Florenz, wo er sich zur Stärkung seiner Gesundheit aufhielt, im 69. Lebensjahre verstorben. Diese Todesnachricht, welche unsere Stadt durcheilte, erlveckte in allen Kreisen schmerzliche Theilnahme. Der Verstorbene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.