Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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64. Jahrgang. Nr. 44. Gerlin, 2. November 1900 Der Gerneindebote. Weitage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLhurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 30. Oktober. Wie berichtet wird, ist nunmehr der älteste ständige Hilfsarbeiter der Nechtsabtheilung des Auswärtigen Amts, Geh. Leg,-Rath Dr. Wilhelm Cahn, auf seinen Antrag in den Ruhestand verseht worden. Cahn. ein geborener Mainzer, hat sich vor 30 Jahren um die Deutschen in Paris unvergessene Verdienste erworben; er war bei Kriegsausbruch Wirklicher Rath bei der bayerischen Gesandtschaft in Paris, blieb während des Krieges unter dem Schuhe der Schweizer Gesandtschaft in Paris zurück, und verließ auch fetneu Posten nicht, als nach dem Emporlodern des kommunistischen Aufstandes der schweizerische Gesandte der französischen Hauptstadt den Rücken gewandt hatte. In dieser gailzen Zeit hat der damals Dreißigjährige sich der in Roth befindlichen deutschen Landsleute, oft mit Einsetzung seines eigenen Lebens, aufs wärmste angenommen, sie thatkräftig gefördert und unterstützt und ihre Interessen den französischen Behörden gegenüber nachdrücklich wahrgenommen. In Anerkennung dieser hocheinzuschätzenden Dienste wurde Dr. Cahn 1874 vom Fürsten Bisinarck ins Auswärtige Amt einberufen, und in diesen: ist er in der Nechtsabtheilung volle 25 Jahre ununterbrochen thätig gewesen. Er war der eillzige jüdische Beamte im Neichskanzleramt, und ist es wohl noch in Aller Erinnerung, daß Fürst Bismarck ihn einmal in: Gespräche seiner besonderen Werthschähullg deshalb versicherte, weil Cahn es abgelehnt hatte, sich um der Karriere willen taufen zu lassen. Hier hat er auch eine hervorragende schriftstellerische Thätigkeit entfaltet; namentlich ist sein Kommentar zum Reichsgesetz über die Erwerbung und den Verlust der Staats- und Reichsangehörigkeit, der vor vier Jahren in zweiter Auflage erschienen ist, mnstergiltig. Vor Jahresfrist hat ihn ein schweres Leiden, eine Netzhautablösung am rechten Auge befallen. Seine Aerzte wünschen indeß zur Wiederherstellung seiner Sehkraft völlige Schonung beider Augen, und so hat er jetzt seine Versetzung in den einstlveiligen Ruhestand nachsucheil müssen. Berlin, 30. Oktober. Der Israel. Fr au en-Un t erst ützungs-Verein. dessen Mitglieder in allen Stadttheilen Berlins U'ohnen, und der auch seine Thätigkeit nicht auf einzelne Bezirke beschränkt, bietet auch in diesem Jahre einen Cyklus von vier Vorträgen, die im Bürgersaale des Rathhanses stattfinden. Den ersten dieser Vorträge wird Herr Dr. Gustav Karpeles am Sonnabend, den 3. November über „Heine in Berlin" halten; es folgen die Herren Julius Freund. Ulrich Frank, Eugen Zabel, Alex. Moszkowski, Julius Stettenheim. Halls Olden, die in uneigennützigster Weise dem so wohlthätigell Zlvecke des Vereins, arme kranke Frallen und Wöchne rinn eil zu unterstützen, ihren Beistalld frelindlichst zugesagt haben. Die Vorträge beginnen Abends acht Uhr. Bittets für den ganzen Cyclus ü 3 Mark sind ill der Trautweinschen Buchhandlung, Leipzigerstraße 13 und bei Herrn Max Schimmel, Königstraße 41, 311 haben. Einzelbillets a 1 Mark au der Abendkasse. Während des Willters mehren sich regelmäßig die Uuterstützungsgesuche, denn zu den uothwendigsten Lebensbedürfnissen gesellt sich das Heizungsmaterial, das zu beschaffell beu Armen ohne Beihilfe oft unmöglich wird. Der Vorstand bittet alle Mellschenfrenude uln rege Betheiligung. 22 Berlin, 29. Oktober. Dem Synagogenvorsteher R. war zur Last gelegt worden, das Gesetz über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847 übertreten zu habeil. indeni er unbefugt einen ausländischen Juden als Synagogen beamten angenommen habe. Sch. war vorübergehend beschäftigt gewesen, für die Juden der fraglichen Gemeinde Thiere zu schächten. R. bestritt, daß ein Schächter zu den Synagogenbeamten zu rechnen sei; alkch habe er Sch. nicht als Synagogellbeamtell angenommen. Im Gegensatz zum Schöffengericht vernrtheilte die Strafkammer den Allgeklagten zu 60 Mark Strafe. R. legte Revisioll ein. Das Kammergericht wies jedoch die Revision als unbegründet zurück, da die Strafkammer ohne Rechtsirrthum festgestellt habe, daß R. einen ausländischen Juden ohne die erforderliche Geilehmigllng als Synagogenbeamten angenomnlen habe. Eili Schächter gehöre ebenfalls 31t den Synagogenbeamten; R. sei auch nicht befugt gewesen, einem ausländischen Inden ohne Genehmigung vorübergehend das Schächten 3u übertragen. — Berlin, 23. Oktober. Aus Anlaß des 25 jährigen Bestehens der Firma Sinioll Boehm ist von den Kindern des Begründers der Firma eine Stiftllng unter ben Namen Simon, H e r m a n n und Ella Boehmstiftullg ins Lebeil gerufen worden. Aus dieser Stiftung lverden alljährlich am 10. Januar, 31. Mai, 12. Juni und 5. August einmalige Unterstützungen in Höhe von 100 bis 400 Mark an solche alleinstehende, ganz oder theilweise erwerbsunfähige lveibliche Personen gewährt, die noch llicht der öffentlicheli Arlllellpstege anheilngefallen sind. Insbesondere sollen aber allch Familien unterstützt werden, die ihres Ernährers beraubt sind ulld denen durch Gewähruilg einer Unterstützung die Möglichkeit zur Begründung oder Wiederausrichtllng einer Existenz geboten wird. Das Vermögen der Stiftullg besteht zlir Zeit in 177 000 Mark Hypothekenkapitalien, 27 000 Mark Berliner Stadtanleihescheinen ä 3J/2 Prozent. 15,-4 Mark Sparbuchguthaben. Aus den Eilmahmell dieser Stiftung pro 1899 silld im Jahre 1900 insgesammt 66 Unterstützungen gezahlt worden, imb zwar all 42 christliche Bewerberinnen 5200 Mark, 24 jüdische Bewerberinnen 2600 Mark; Summa 7800 Mark. Vorstehende Rechnung wird auf Grund des Statuts der Stiftllng hiernlit bekannt gemacht. Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftullg ist Stadtrath Mamroth. 22 Berlin, 28. Oktober. Wegen Anfreizllng verschiedener Klassen der Bevölkerung zu Gewaltthätigkciten standen an: 26. d.M. der Rittergutsbesitzer Gras W al t er v. P ü ck l er - Klein-Tschirne, der Schriftsteller Otto Heinrich Böckler nlld Redaktelir Dr. Paul Bötticher vor der siebellten Strafkammer des Lalldgerichts I. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Voigt, die Anklage vertrat Staatsanwalt Filbry. die Vertheidiguug führte Rechtsailwalt Dr. Hahn-Charlottenburg. Unter Allklage standen die Reden, die die beiden erstell Angeklagten am 13. Juli d. I. in der Tonhalle in einer vom Wahlverein der deutschen Reformpartei eiuberufeiien antisemitischen Volksversammlung gehalten haben. In dieser Versammlllng sprach Graf v. Pückler über das Thema „Die praktische Lösung der Judenfrage". Ill einer überaus kräftiger: Sprache führte er daril: aus: Zrvei Völkerschaften belvohnen unser deutsches Vaterland, die Germanen :n:d die Juden, ein Vertragen zwischen beider: sei nicht möglich, die eine müsse „herausgeschmissen" Werder:. Das sei die einzige praktische Lösung der Judenfrage: „Durch Hauer: und rau ssch n: eitze u" sei das eillzige Mittel, lln: mit der „Juderrballde" fertig zu werden. Ausnahmegesetze seien „Mumpitz". Der Redner wandte sich dann gegen d:e „Frechheit der jüdischer: Presse", erwähnte, daß gegen ihi: als Amtsvorsteher eil: Disziplinarverfahren irrszenirt worden sei, und sagte ungefähr: Es ist gairz schlluppe. ob ich u:it oder ohne Amtsvorsteher auf die I u d e n b a i: d e l 0 s d r e s ch e, g e d r 0 s ch e 1: m u ß w e r d e n . bis die I u d e i: rv i ll d e l lv e i ch gehauen und z e r s ch u: e 1 t e r t an: Bo der: liegen. Das tapfere Burenvolk wehre sich bis zun: letztei: Blutstropfen gegen die Angriffe eines hinterlistigen Volkes, mau nröge diesem Beispiele nachahmen und den Inden kräftige Burenhiebe appliziren. Nach deni Grafei: Pückler sprach der Angeklagte Böckler über die „Judel:schützer". Er kan: dabei auf die Stolper und Bütower Prozesse zu sprechen uird soll das Bedauern ausgedrückt Habel:, daß die Bütower Aufrührer blos all die Fensterscheiben der Juden sich gehalter: haben; es Hütte gegen die frechen Juden nach den: Rezept des Grafel: Pückler verfahren lverden sollen, das hätte ihnen llicht geschadet, lieber den Gang der Versammlung unb die Reden, die gehalten worden, erschien in der „Staatsbürger-Zeitung" ein sehr eingehender, in den Kraftstellen wortgetreuer Bericht, den der Dr. Böttcher zu vertreten hat. Graf Pückler erkainite diesen Bericht im ganzen als 311 tieffeub an und gab zu, kräftige Worte gebraucht