Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 527 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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527 mittelloses Kind ist immer schwer unterzubringen. Das hiesige Waisenhaus ist durchaus nicht glänzend gestellt, hat auch meist wenig Platz und berücksichtigt naturgemäß in erster Linie Einheimische." „Das arme Ding!" sagte Helene mitleidig. „Weißt Du, Helene, Du könntest es adoptiren," meinte ihr ältester Vetter, der Arzt war, halb im Scherz. Die Angeredete fuhr mit wahrem Schrecken zurück. „Ich, ach, Rudolf, das ist doch nicht Dein Ernst. Dafür tauge ich nicht." „Weshalb nicht?" fragte Rudolf ruhig. „Weil" — sie schaute sich hilfesuchend nach ihrer Tante um, bte auch im Begriff war, sich einzumischer^ auf einen Wink ihres Sohnes indes; davon abstand, — „ich verstehe ja nichts von Kinderpflege." „Das muß Jede einmal lernen," versetzte der junge Arzt, „einmal ist für Jede das erste Mal; glaube mir's, Helenchem ich sehe es genug in meiner Praxis, wie Frauen, jünger als Du, nicht nur mit einem, sondern mit zwei oder drei solchen kleinen Würmern famos umzugehen verstehen." „Das finb auch ihre eigenen," erwiederte sie aufgeregt. „Ich weiß nicht, warum Ihr Alle so grausam gegen mich seid. Erst zwingt Ihr mich, unter fremde Menschen zu gehen, und wenn ich auch zugestehe, daß Ihr damit Recht thatet und es mich freuen wird, dort etwas nützen zu können, was Ihr jetzt von nur begehrt, übersteigt meine. Kräfte. Ihr wißt, wie schmerzlich ich stets darunter litt, kein Kind mein Eigen zu nennen, aber nun statt dessen ein ganz fremdes, Gott weiß wie veranlagtes, Kind in mein Haus zu nehmen, das könnt Ihr nicht verlangen!" „Niemand zwingt Dich zu etwas oder verlangt etwas voll Dir," — freundlich beschwichtigend strich ihre Taute der Erregten über beit blonden Scheitel, — „Rudolf hat es doch nur gut mit seinem Vorschlag gemeint. Wenn Du sagst. Du kannst es nicht, ist die Sache einfach erledigt." „Nein, in der That, Tante, die Sorge, die Verantwortung, der bloße Gedanke daran macht mich unglücklich," betheuerte Helene mit solcher Heftigkeit, als müsse sie sich mit ihren Worten vor sich selbst rechtfertigen. „Gut, niein Kind, reden wir nicht mehr davon." Darauf gab ihre Tante der Konversation endgiltlg eine andere Wendung und trug auch während des Nestes des Abends Sorge, daß dieses Thema nicht wieder gestreift wurde, während Helene, die sich bewußt war, zu schroff gewesen zu sein, ersichtlich strebte, ihre Rauheit durch verdoppelte Liebellswürdigkeit vergessen zu machen. Seit dem Tode ihres Mannes hatte sie Sophie als Gast bei sich gehabt. Als sie nunmehr einige Stunden später nlit ihr den Heimweg antretell lvollte, sagte bereu Mutter zu ihr: „Ja, liebes Kind, es thut mir leid, aber, wie ich Dirs schon heute Mittag sagte, mit der Zeit milß ich mir Sophie zurückerbitten. Auf die Dauer kann ich sie schlecht entbehrell, die Jungen machell mir zu viel Mühe. Mit dem Großen würde ich wohl fertig," voll mütterlichen Stolzes klopfte sie Rlldolf auf die Schulter, „aber meine drei Herren Schuljungen möchte ich lvieder unter die schwesterliche Obhut thuu." Helene war zusammengezuckt. „Wenn es denn sein muß!" entgegnete sie leise. „Ich danke Dir, daß Du sie mir so lange ließest. Einmal muß ich mich ja an das Alleinsein gewöhnen." Sie wollte anscheiilelld noch etwas hinzufügen, verstummte dann aber und hüllte sich in ein tiefes Schweigen, das sie auch hernach Sophien gegenüber nicht mehr brach. * * Der Nachmittag des folgenden Tages neigte sich feinem Ende zu. Gleichsam als letzten Scheidegruß an das junge Weib, dessen Lebenslicht dicht vor dem Verlöschell stalld, sandte die Oktobersonne ihre rothgoldenen Strahlell in die engen Räume irr dem kleinen Gäßchen unweit des Hafens. Liba Epsteins Leben zählte nur noch nach Stundell. Aber wenigstens war sie, bis sie die große Fahrt ins Unendliche antrat, nicht alleill. Außer ihrer treuen Freundin weilte bei ihr die alte Hauswirthin, die der Sterbenden während ihres ganzeir Dortseius jene Güte und Hilfsbereitschaft bezeigt hatte, die lUlr die Armell den Armen zu erweisen verstehen. Einzig Gott allein weiß, was diese Enterbten einander zu sein verlnögen, wie sie einander helfen. Ferner jedoch unlgaben sie Mellschen, deren Augen sie bis vor einigen Tagen nie erblickt, deren Namen ihre Ohren vorher nie gehört hatten. Menschell, Hergetrieben von beu edelsten Regungen, die die Brust der Staubgeborenen beseelen können, — von delll Wunsch, die Schwachell zu stützen, die Last der Müdell zu erleichtern, eingedellk der schönsten Vorschrift ihrer Religion, die der große Lehrer Hillel einst einem bekehrt lverdell wollenden Heidell als deren Quintessenz erklärte: „Du sollst Deinen Nächstell lieben wie Dich selbst." . . . Neben dern Rechtsallwalt Schwarz und seiner Frau hatten sich Helene und Sophie, begleitet von dem Bruder der letzteren, dem jungell Dr. Marcus, eingefunden. Das eine Fenster war weit geöffnet, — in die das Zimmer erfüllende Stille tollte bisweilen schwach der Lärm des Treibens am Hafen herüber, das dumpfe Rauschen des vorbeifluthenderl Lebensstronles, der sie, die dort ruhte, nie wieder mitnehmen würde. Mehr mit) mehr breitete sich über das Gemach die rvunderbare, geheimnißvolle Stimniung, die in feierlicher Majestät alles zu beherrschen scheint, wenn ein Mensch in die Ewigkeit eingehen soll. Die Kranke, die seit einer halben Stunde fast regungslos dagelegen hatte, wurde unruhig und rallg mühsam nach Luft. Dr. Marcus beugte sich, ihren Puls fühlend, zu ihr hinab und winkte darauf der alten Wirthin, das friedlich in seinem Korbe schlafende Kind hinauszutragen. Liba Epstein nahm nichts davon wahr, mit geschlosseileu Augen murmelte sie unverständliches vor sich hin. Plötzlich schlug sie. die dunklen Sterne weit auf und heftete auf ihre neben ihr stehende Freundin einen eigenthümlichen Blick. „Ich weiß es, Sarah, ich sterbe!", sagte sie mit fremder, wie von weither klingender Stimme. „Mir wär's nicht leid darum, — aber mein Mann, mein Kind! Ich kann sie nicht allein lassen! Jakob, Mirjam!" rief sie. — aus den Tönen sprach übermenschliches Trennungsweh. „Wie der Gedanke, Jene zurückzülassen, sie quält!" flüsterte Frau Rechtsanwalt Schwarz. „Könnte man nicht?" — Der Arzt hatte sie verstanden und machte Sarah Goldberg ein Zeichell, das die schlichte Frau wie inspirirt sofort richtig auslegte. Sie neigte sich tief über die Sterbende. „Höre mich, Liba! Du wirst Jakob und Mirjam dort droben Wiedersehen!" Hatte Jene den Sinn der Worte erfaßt? Ueber ihr Antlitz breitete sich selige Verklärung. „Jakob, Mirjam!" wiederholte sie mit ganz anderem, glücklichem Ausdruck. „Gelobt sei der