Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 526 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228410--56966-3293307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
526 üblichen Waschungen gedient zu haben scheinen. Von außen unscheinbar, überrascht die eigenartige Struktur des mneren fünsschiffigen Raumes mit seinen 32 achteckigen massiven Pfeilern und Wandpfeilern, die 28 Hnfeisenbogen tragen. Erstere mit Azulejosbasen sind mit reichen, zierlich verschlungenen Kapitalen gekrönt. In den Zwickeln der Bogen befinden sich reizende Medaillons, die nach oben durch reiche Friese und Triforien einen harmonischen Abschluß finden. Die Decke ist flach. Das Licht fällt durch runde Oeffnungen der Seitenwände sowie durch kleine Lucken an der Westwand, wo die Franenempore war, spärlich herein. Der Fußboden ist hübsch guadratisch getheilt und verhältnißmüßig gut erhalten. Seit 1550 dienten die Räume einem Asyl für Büßerinnen; 1791 bis 1798 als Kaserne und Magazin. Jetzt steht die Synagoge unter Aufsicht der königlichen Monmnentenverwaltnng, die beflissen ist, das merkwürdige Gebäude lvürdig zu erhalten. Sinnend über den Wandel der Zeiten verließ ich mit meinen Freunden das denklvürdige Gotteshaus unserer unglücklichen Glaubensgenossen. Der Abend senkte sich bereits über die eastilische Hochebene nieder. Drunten im Tajothal lagerten schon die violetten Schatten, während die untergehende Sonne die Kuppeln und Thürme Toledos übergoldete. Am anderen Morgen erging ich mich zuerst ans dem schöllen Paseo bei Transite, von welchem mall eine herrliche Ferilsicht genießt, um danll in die schon oben erwähnte prachtvolle Synagoge bei Transite zu treten. Sie ist ebenfalls im Mudejarstil erbaut. Der Name des Baumeisters soll Nabbi Mei'r Abdeli sein, den der Schatzmeister Samuel Abulafia- Levi mit ben reichstell Mitteln zum Bau versehen hatte. Das Jllnere des eillschiffigen, herrlichen Tempels ist denn auch voll einem staunenswerthen Reichthum prachtvollster Arabesken und Friesen — meist aus Cedernholz vom Liballon, wie man sagt. Das Schnitzwerk ist so frisch rrnd schön erhalten, als Hütte es erst gestern der Meister geschaffen. Jll dem Laubwerk der Wandfriesen silld die Wappell beider Castilien Ulld Leons angebracht, unter denselben ein nrilPfl \T\TjT\ mit billiger Umschreibung, in welcher auf die Verdienste des „Fürsten Samuel Levi Ben Mei'r" hingewiesen wird, „ben Gott in den Augen des Kölligs Doll Pedro hat Gunst, finden lassen, der ihn über alle Großen des Reiches erhoben, 311m Rathgeber ernannt und ihm fürstliche Ehren erzeigt hat." Die in hatberhaberrer Arbeit angebrachte Inschrift läßt den Nanlell des Königs mit Überalls großen Buchstaben hervortreten. Die herrlichen Blattgewinde mit Pinienüpfel, die in die zierlichen Arabeskerl hineillverschlullgen sind, haben oben und unten breite Bänder, in welchen auf grünem Grunde mit weiß hervortretender scharfer Schrift Verse alls deni 80. und 99. Psalm eingeschnitzt sind: bx djtm? nns irnbs bt' Dpn anb rrn kim las ich tief erschüttert meinen Freunden vor und erläuterte ben betreffenden Inhalt. Sie verstanderl mich. lieber den Friesell silld Halbarkaden voll unvergleichlicher Schönheit. Die halben Doppelsüuten aus Porphyr mit ihren prächtigen Kapitälen beleben den Abschluß ungemein. Der Dachstuhl ist offen, mit Zedernholz verkleidet und mit Elfenbein ausgelegt. Kleine vergitterte Fenster lassen das Licht spärlich hereinfallen. Die Ostwand zeichnet sich ganz besonders durch reichen Arabeskerlschmuck aus. Dort, lvo jetzt der Hochaltar steht, war einst der x^ipn - fl'nx* Nach der Vertreibung der Juden (1492) übergaben die Könige das Gebäude dem Lalatrava-Nitterorden und llannten es San Benito. Der heutige Nanle staulmt von trausiie --- Tod (der Virgen Maria). Schweigend begleiteten mich meine Freunde über die große Brücke zum Bahnhof. Druntell wälztell sich die schäumenden Fluthen des Tajo dem Meere zu wie vor 500 Jahren, als man in Dei gloriam Hunderttausende unschuldiger Menschen vertrieb oder hinschlachtete. Da pfiff die Lokoillotive — das Kind unseres Jahrhilllderts! Der Banll, der auf meiner Seele lag, wich. Nach herzlichenl Abschiede fuhr ich wieder Madrid zu. EUILLETON Die Kettung. Eine Hamburger Answanderergeschichte von Paula Faber. V. ns dem Heimwege waren beide Collsinen Zehr schweigsam; aus Helenens kurzell, gelegentlichen Benlerknngen gewahrte illdeß Sophie, wie sehr das Geschaute sie beschäftigte, so daß sie hernach ihrer sie daheinl wie verabredet erwartendell Mutter bei der erstell Gelegenheit ein Zeichen befriedigten Einverständnisses machte. Zum ersten Mal seit sie Wittwe war fiuib sich die junge Frau dann bereit, am Abend einige Stunden bei ihrer Tante in deren, der ihrell gegenüber belegenen, Villa zu verbringeil, statt daß wie bisher Diese oder ihre Killder die Vereillsalllte in ihrer Häuslichkeit aufsuchteil. Das Gespräch drehte sich hallptsächlich um die Ereignisse des Vormittags. Die Söhne des Hauses erzählten Beispiele von der rohen Willkür, mit der die russischen Behörden den Allsgewieseneil begeglleten, von der Wehrlosigkeit der ganzen, hilflosen Massen gegen die Briltalität Einzelner, die eben die Macht besaßen - sowie ferner von dem, lvas von Jenen, die nicht nur den Willen, sonderll auch die Mittel zum Helfell besaßen, geschehen sollte, um ihre Glaubensgenossen vor dem Untergang zu belvahren. So lebhaft hatte Helene sich seit langer Zeit llicht all einer Unterhaltung betheiligt. Vor allem beschäftigte sie das Schicksal der unglücklichen Liba Epstein, immer von Neuem kam sie darauf zurück. „Sollderbar ist es eigentlich, daß sie nach bem kleinen Kinde so wenig zu fragen scheillt," meinte sie nachdenklich, „ihre ganze Sorge gehört ihrem Mann rmd ihrer Aeltesten." „Sie hat das Kleine ja bei sich und sieht, daß es wohlauf ist," entgegllete Tante Fanny darauf. „Sie ängstigt sich eben um Jene. Im Uebrigen kalln man sich über jede solcher arnlen Krankeli ersparte Allfregullg in deren Interesse nur freuen." „Das Kind ist übrigens wirklich ganz allerliebst!" bemerkte Sophie. „Wo bleibt es, lvenn die Mlltter dorthin geht, lvohin sie es nicht mitnehmell kann?" Ihre Mutter zllckte bedauernd die Achseln. „Ich denke — im Waisenhaus" — „Das wird gar nicht so leicht halten, Maina," unterbrach sie ihre älteste, verheirathete Tochter, „solch völlig lalldfremdes,