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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-02 · Heft 44 (2.11.1900) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 44 (2.11.1900)
Date
1900-11-02
Page
Seite 525 (sequence 11)
Language
German
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525 konnten. Der Toledaner ist liebenswürdig und weicht zuvorkommend dem Fremden aus. „Acqui es el Palacio de Don Samuel Abulafia-Levy“ rief mir mein Begleiter zu. Ich schaute mich nach allen Seiten um, entdeckte aber keinen Palacio. „Acqui! Acqui!“ (Hier! Hier!) rief der Mann nochmal eifrig und zeigte auf ein kleines, unansehnliches Häuschen mit hervorspringendem Dachfachwerk. Die Straßenfront zeigte verwittertes Backsteingemäuer mit einem einzigen Fenster und etwa ein Dutzend kleiner viereckiger Luftlöcher. Der ausgemauerte Thorbogen ruht mit einem breiten Abschluß auf zwei starken Säulen, welche die schwer mit Eisen beschlagene Doppelthür, die ein kleines Einlaßpförtchen zur Linken besitzt, umrahmen. Ein schwerer eiserner „Klopfer", stark abgenützt, am lülken Thürflügel zeigt noch die Spuren vielfachen Gebrauchs. Ueber der Thüre sind die drei Wappen beider Castilien und Leons noch gut erhalten. Rechts an der Ecke des Hauses ist noch eine Art Gedenktafel angebracht, deren Inschrift aber bis auf die Jahreszahl „1367" und einigen Buchstaben der Aufschrift zerstört ist. Das war also der „Palast" des Don Samuel ben Meir Allavi, des allmächtigere Schatzmeisters Don Pedro des Grausamen (1350—1369). Don Samuel stammte aus der hochangesehenen Toledaner Judenfamilie Abulafia-Halevi. Es gelang diesem gewandten Marine bald, das uneingeschränkte Vertrauen des Königs Don Pedro zu erhalten. Durch seine klugen Rathschläge, seine vorzügliche Fiuauzverwaltung gelangte er zur höchsten Gunst beim König, so daß die Granden auf ihn eifersüchtig wurden. Er führte einen fürstlichen Haushalt, 30 Sklaven bedienten ihn. „Und doch ein solch bescheidenes Heim?" fragte ich mich, als ich vor dem Häuschen stand. Die Toledaner, im maurischen Stil gebauten, Wohnhäuser sind indes alle nach außen unscheinbar und schmucklos. Desto geräumiger und anmuthiger ist der Patio (Lichthof.) Hier in Don Samuels Palast ist er jetzt verfallen — ein Schutthaufen. DltD ttHlY' sagt eine Inschrift von dem berühmten Manne. Thatsache ist, daß Don Samuel seine Stellung im Interesse seiner Glaubensgenossen ailsnützte, indem er dieselben vor Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit schützte. Er verschaffte auch vielen unter ihnen einflußreiche uud lukrative Stellungell. Schöne Synagogen ließ er auf eigene Kosten bauen, die schönste in Toledo selbst — es ist die herrliche Synagoga del Transits, voll welcher weiter untell noch die Rede seiir wird. Für die Wisseilschaft des Judenthums aber hat Don Samuel wenig oder llichts gethan. Er war eben durchaus Realist. Sein tragisches Ende ist bekanllt. Sein königlicher Gönner ließ ihn verhaften, seill enormes Vermögen mit Beschlag legen, ihn selbst in Sevilla foltern, bis er seinen Geist aufgab. Eine Grabschrift meldet dies in kurzen Wortell. Das Wort Jeremiä: „Wehe dem Manne, der auf Menschen sein Vertrallen setzt," sprach ich so für mich hin, als ich, erschüttert bis irr die Tiefe der Seele, mein Maulthier wieder bestieg, um meine Wanderung fortzusetzen. Das Bewußtsein, auf dem klaffischelr Boden der reichen Geschichte unserer Toledaner Glaubensgenossen 31t sein, da wo Juda Halevis „Zioniden", Salomo Gabirols, des Sängers voll Saragossas, „Königskrone", Santos (Schem-tob) herrliche Lieder sich zum jüdischen Volksgesang verdichteten, versenkte mich in eine Art Trallmleben, Ulld es war mir, als ich durch die Judengaffen wanderte, eigellartig zu Muthe. Ich glaubte die uralten i Weisen der niiT^D JTirp DTDV’B (Poetim) in meinem Ohr! klingen zu hören, jenes Allsjauchzen zum ewig blauen Himmel, ulld danll wieder die in chrolllatischen Figurationeil sich Luft machende Stimmung der gebeugten Seele, die Sehnsucht nach dem Unendlichen, die Liebe zum Unerreichbaren. „Santa Maria la Bianca!“ rief mein Freund und weckte mich aus meinen Träumereien auf. Da stand sie, die herrliche Syllagoge, die interessanteste Schöpfllng des Mudejarstils (Estilo mudejar) — eine Mischung maurischer Reminiszenzen mit golhischen Eleulenten. Sie scheint im 13. Jahrhundert gebaut worden zu sein, also zur Zeit, als Nachmanides ulld Raschba in Catalonien ihre wissenschaftliche Wirksamkeit entfalteten. Seit 1406 ist sie christliche Kirche geworden. Danrals beherrschte der zllm Chrlstenthum übergetretene, früher orthodoxe Rabbiner Salomo Levi aus Burgos (Paulus Burgensis oder de Santa Maria genannt) die weltlichen ulld kirchlichen Machthaber Castiliens. Ganz wie sein Gesinnungsgenosse Pfefferkorll brachte er unsägliches Leid über seine Elaubeilsgellosseli. Er war ihr erbittertster und gefährlichster Feind. Geloalldt mxb geistvoll, den übrigen Hofgeistlichen an theologischem llnd philosophischem Wissen bedeutend übertegell, gelang es ihm, immer höher ulld höher zu steigen. Er wurde Bischof von Cartagena, Kanzler von Castilien und Geheimrath des Königs Don Heinrich III. Obgleich schwach utib krank, ließ sich der König von Paulus de Santa Maria doch nicht gegen feine jüdischen Unterthanen einnehmeu. Im Gegentheil. Er schenkte feinen beiden jüdischen Leibärzten Rabbi Me'i'r Algnades uud Don Cari-al (? großes Vertrauen. Letzterer zeichnete sich auch als Dichter aus. Gegen den blutdürstigen Apostatell Paulus traten einige beherzte Männer auf, die ihn in Wort und Schrift bekämpften: Profiert Dnran, der Maimonides' „Führer" kommentirte und der bekannte Philosoph Chasdai Crescas. Sogar der Erzbischof von Pampeluua gebot den schändlichen Anklagen des Konvertiten Salomo-Paulus gegen seine ehemaligen Glaubensgenossen Schweigen. Nach Heinrichs 111. Tod (1406) gestaltete sich aber die Lage der Juden in Castilien sehr trübe. Die Königin-Mutter Catalina, welche für den kaum 2jährigen Thronerben Juan II. die Regentschaft übernahm, war ganz in der Hand der Hofgeistlichen und der von diesen beherrschten Kamarilla. Paulus de Santa Maria errang Oberwasser, und seinem Einfluß im Regentschaftsrathe beugte sich Alles. Jetzt begann eine blutige Hetze gegen die wehrlosen Juden. Alte judeufeindliche Gesetze wurden erneuert und streng durchgeführt. Ein Hostienschäuduugsprozeß wurde inscenirt und vor allen Anderen der greise Leibarzt Rabbi Meir Alguades zur Folterbank geschleppt. Dort gestand dieser und seine Mitverhafteten alles, was die Folterknechte haben wollten. Alle wurden auf die grausamste Weise hingerichtet. Mit dem 7 auf den Lippen hauchten sie ihre Seelen aus. Paulus de Santa Maria triumphirte, und zum Zeichen seines traurigen Sieges veranlaßte er die Umwandlung der schönen Synagoge in eine Kirche, der er den Namen Santa Maria la Bianca gab. (1406). An diese Ereignisse, die fast ein halbes Jahrtausend zurück liegen, dachte ich mit Bewegung, als ich den prächtigen Borhof der Synagoge mit den hübschen Gartenanlagen betrat. Alles schien mir so feierlich und weihevoll — i-jtdöi mn *]m bxb m^nn glaubte ich von Geisterstimmen zu hören. Zu beiden Seiten des Eingangs sah ich Vertiefungen, die zu den

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