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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-02 · Heft 44 (2.11.1900) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 44 (2.11.1900)
Date
1900-11-02
Page
Seite 521 (sequence 7)
Language
German
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521 welche den Anjang der Bewegung charakterisirten, hatten das Unglück nur verschärft; das planlose Aufsuchen von Ländern, welche 311V Aufnahme nicht geeignet waren, hat die schlimmsten Folgen gehabt. Etwa 2000. welche nach Anatolien gezogen waren, ließen sich in ungesunden Gegenden nieder; sie hatten gegen heftige Fieber und schwere Krankheiten zu kämpfen und mußten leider erkennen. daß Anatolien keine Zukunft für sie bietet, sie müssen von dort wegziehen und suchen nnrthlichere Gegenden auf. Die Züge nach Kanada fanden daselbst wenig gastliche Aufnahme. Das Land eignet sich gegenwärtig nur zur Kolonisation für Ackerbauer, aber uicfot für Industrielle. Die Hinwandernden wcnen aber keine Landwirthe, und deshalb wird auch dort ihres Bleibens nicht sein; sie werden sich voll dort wieder zerstreuen müssen. Diese mit) ähnliche Erfahrungen haben den Zurückgebliebenen bald gezeigt, daß es nicht genügt, den Wanderstab zu ergreifen und dem Elend zu entfliehen, sondern daß ruhige Erwägung auch in der schrecklichen Noth eingreisen muß. und daß nur eine richtige Organisation wirklich helfen kann. Mau hat einen Theil der rumänischen Auswanderer in Argentinien untergebracht; inan bemüht sich, ihnen in Australien Heimstätten zu gründen, und namentlich haben die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen eine neue Heimath eröffnet. Jetzt lvie vor 10 Jahren bewährt sich Amerika als das Land der Freiheit und der Hoffnung für alle Unterdrückten. Zögerten auch zunächst die Hafenbehörden von New-Iork, als das Schiff „Phönizin" die ersten Gruppen landen wollte, so war der Widerstand bald nach Klarstellung der Verhältnisse gewichen. Unsere Freunde dort nahmen muthig die große Bürde auf. die Schaaren, welche den gastlichen Hafen aufsuchten, zu empfangen, ihnen dort eine neue Heimath zu begründen und sie neuem Leben zuznführen. Die zunächst wegen der Besorgniß einer Einwanderung von Armen etlvas ängstliche Negierung der Vereinigten Staaten zog an Ort und Stelle in Numänien Erkundigungen ein, nm sich über den Grund und den Umfang des Elends der dortigen Juden zu informiren. Wenn, wie wir hoffen, die Wahrheit durchdringt, so nnrd, trotzdem die rumänische Regierung in offiziellen und offiziösen Commnniques ihrer Beamten das Elend und die planmäßige Unterdrückung der Inden zu leugnen suchte, bald aller Welt klar werden, daß in der That in Rumänien die Juden bis auf den heutigen Tag die unschuldigen Opfer von Haß und Verfolgung sind. Wird dies aber festgestellt, so nnrd Amerika seinem Prinzip der Menschlichkeit treu bleiben und seine Häfen den Hilfesuchenden nicht verschließen. Den europäischen Komitees aber erwächst daraus die doppelte Verantwortung, die Bürde unserer amerikanischen Freunde nicht zu vergrößern und dem guten Willen der Vereinigten Staaten nicht zu viel zuzumuthen. Die europäischen Komitees müssen verhindern. daß schwache, kranke, hilflose Menschen hinüber wandern, das würde das Hilsswerk zerstören! Wir müssen ferner verhindern, daß die Auswanderung einen größeren Umfang annimmt, als die Aufnahmefähigkeit der fremden Länder ertragen kann. Dies in die Wege zu leiten, hat schwere Kämpfe gekostet. Großen Schaaren von Auswanderern, die in Wien und Pest lagen, mußte die Hilfe zur Weirerwanderung versagt werden; sie kamen, nachdem sie, um die Reisekosten zu decken, ihre armselige Habe veräußert hatten, im größten Elend nach Rumänien zurück, und man suchte dort ihnen und den ihnen zugehörigen Familien zur Seite zu stehen. Doch hört die natürliche infolge der traurigen Verhältnisse sich stetig entwickelnde, freiwillige, aber nunmehr methodisch geregelte Auswanderung keineswegs auf. Allein man sorgt dafür, daß Diejenigen, die in fremde Länder hinauskommen, ein Gewinn für diese fremden Länder sein werden; es sind zumeist tüchtige und strebsame Menschen, eine Arbeiterbevölkerung, die ein Nutzen für das Land sein wird, in welchem sie ihre Thätigkeit entwickelt. Gelingt es diesen Auswanderern, festen Fuß zu fassen, so werden sie ihre Familien in der Heimath stützen und diese befähigen, auch ihrerseits später ein glücklicheres Loos zu erlangen. lieber Rotterdam, dessen Verein Moutefiore unermüdlich für die Unglücklichen thätig war. über Hamburg, Bremen und Havre werden bis jetzt 4—5000 ausgelvandert sein. — die Kosten dieser Auswanderung betrugen gegen 700 000 Francs, im Lande selbst sind gegen 400 000 Francs bis jetzt für Unterstützungen verausgabt worden. Thatsächlich ist das Elend im Lande jetzt, wo der Winter heran naht, so furchtbar, und die Nothrnfe, welche aus den einzelnen Ortschaften zu uns dringen, sind so herzbewegend, daß man nicht aus hören darf, immer wieder zu spenden. Die Delegirten unserer Komitees senden uns Schilderungen von den unzugänglichen feuchten Gelassen' in welchen diese Aermsten der Armen zusammengepfercht Hausen, von ihrem Mangel an Nahrungsmitteln, von den daraus entstehenden Krankheiten, daß der ein Herz von Stein haben müßte, der nicht vom Mitgefühl ergriffen würde! Rathlos stehen wir solchem Elend gegenüber. Wenn wir bedenken, daß von 250 000 rnmänischenJuden nahezu die Hälfte vollständig jeden Besitz entbehrt und Morgens nicht weiß, wie sie die Nahrung sich und ihren Kindern für den Tag verschaffen, wo man die frierenden Glieder wärmen, wer die Kranken verpflegen wird, so müssen lvir uns sagen : hier kann nur eine f 0 rt gesetzte unablässige Liebesthä tigkeit helfen. Immer und immer wieder müssen Summen aufgebracht und hingeschickt werden. Denken wir doch daran, daß bei 100000 Unglücklichen ein Aufwand von 40 Mark für die Person schon eine Summe von vier Millionen erfordert! Da muß es Jedem klar »verden, daß er sich nicht mit einer geringen Gabe begnügen darf, sondern daß die große schwere Aufgabe auch eine große Opsecfreudigkeit von einem Jeden verlangt! Die Organisation, die iu Rumänien getroffen ist. arbeitet wirksam und gut. Die Persönlichkeiten sind gerecht und theilnahmsvoll. Was wir gewähren, kommt zuverlässig den Aermsten zu! Wir wollen aber nicht nur Almosen geben, sondern ivolleu die Hilfe so bringen, daß dadurch die Existenz für längere Zeit gehoben und gesichert wird. Aber nur bedürfen hierzu einer Hingebung jedes Einzelnen, der Großherzigkeit unserer Begüterten und der T h e i l n a h m e All e r. Die Organisationen, die in Deutschland geschaffen sind, das Komitee in Frankfurt, die Landeskomitees in Bayern. Württemberg und Hessens suchen die Herzen zu entflammen und den Sinn für die große Aufgabe zu erwecken; wir können nicht genug darin thnn, nur müssen immer von neuem Alle aufrufen, und wir müssen namentlich auch iu denjenigen Kreisen, in welchen das Verständniß für die Ausgabe noch nicht erwacht ist, immer von neuem zu wirken suchen. Jeder muß sich sagen, daß Kälte und Theilnahmlosigkeit solchem Schmerz und solchem Unglück gegenüber eine Mitschuld in sich birgt. Helfen wir Alle unausgesetzt! Helfen wir rasch und r e i ch l i ch! Brief aus Oesterreich. Mitte Oktober. enn man unseren Tagesblattern glauben darf, sv befinden wir uns mitten in der Wahlbewegung. Man We darf ihnen aber nicht glauben. Von einer Bewegung ist bei ulls schon gar keine Rede. Es kann nicht ruhiger sein, als es ist. Um es nur herauszusagen: Niemand im Volke kümmert sich um die bevorstehenden Wahlen, außer die es angeht; das sind ein paar Streber, welche, auf den Schultern der Parteien stehend, ein Mandat und was drum und dran hangt ergattern wollen. Das Volk ist parlamentsmüde, es hat genug des „Geschwefels". Wenn irgend wann, so hat das volksthümliche Sprichwort jetzt in Oesterreich Giltigkeit: „Selten kommt was Besseres nach!" Die sogenannten radikalen Parteien werden aus diesen Wahlen als Sieger hervorgehen, der kindische Krawall loird wieder von Neuem anfangen, und das „Parlament" wird, kaum geboren, wieder sterben. Das ist nun einmal das Schicksal Oesterreichs, welches seine weitausblickenden Staatsmänner. Taaffe ttnb Badeni, gemacht haben. Ehe sich Jungtsrhecheil und Deutsche nicht über die hochlvichtige Frage geeinigt haben, was für des Staates Zukunft besser sei. „hier" zu sagen oder „Zde" zu rufen, eher giebt es in unserem Vaterlande keinen Frieden, mögen sich die Sozialdemokraten h Auch das Berliner Hilfskomitee entwickelt die gleiche eifrige Thätigkeit für Norddeutsclstand. Die Red.

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