Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 520 (sequence 6)
- Language
- German
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520 eine Wiederwahl verzichtet, während Sir Samuel Montagne seinen sicheren Wahlkreis in Whitechapel aufgab, um in Leeds dem Staatssekretär Mr. Balfonr entgegen 311 treten. Außer Mr. Montague bewarben sich weitere 20 Kandidaten. Bon diesen sind 13 durchgefallen, während 9 gewählt wurden, von denen 2 (Rothschild und Sasson) derartig gesicherte Wahlkreise hatten, daß man ihnen keine Gegenkandidaten entgegen zu stellen wagte. Von den übrigen 7 Kandidaten wurden 4 mit zum Theil rednzirten Majoritäten wieder gewählt. Neu gewählt wurdet: im Wahlkreise Lowestolt-Suffolk Colonel Lucas, Montague- Samuel von den Juden des Whitechapel sowie Mr. Maurice Levy in Lightborough-Leicestershire. Unter den Siegern figurirte auch Mr. Sinclair, der als Jude 1897 sich für den Erlaß eines Einwanderuugsverbotes erklärt hat. Mr. Sinclair ist selbst Ausländer und erst im Jahre 1896 kurz vor seiner erfolgten Wahl 1897 in Rnnford-Essex naturalisirt worden. Trotzdem fühlte er sich nach so kurzer Zeit schon so sehr als Urengländer, daß er in einer Wahlrede ausrief: England für die Engländer! Es darf nicht gestattet werden, daß die Fremden nach einer langen Wanderung in England landen! Mit einer solchen Gesinnung ist es Glicht zu verwundern, daß der geborene Schlesinger in der letzten Khakiwahl mit einer Majorität von 3062 Stimmen wieder gewählt wurde. & Eine seltsame Nachricht kommt aus Amerika. Die „Newhorker Staatszeituug" läßt sich nämlich aus Washington Folgendes berichten: Infolge der jüngsten starken Einwanderung rumänischer Israeliten im New-?)orker Hafen hat der Schatzamtssekretär den Spezialagenten Robert Watchorn mit der Untersuchung der Ursachen dieser starken Einwanderung betraut. August Watchorn hat jetzt nach einem Besuch Rumäniens dem Schatzamt den Bericht erstattet, daß die Einwanderung aus Rumänien hierher sehr bald aufhören werde, da die dortige jüdische KolonisationsgeseÜschast mit der Negierung Brasiliens einen Kontrakt abgeschlossen hat, welchem zufolge 35O00 rumänische Israeliten dahin auswandern werden. Agent Watchorn sagt in seinem Bericht, es sei ganz erklärlich, daß die Israeliten den Stand Rumäniens von ihren Füßen schütteln, denn sie würden daselbst auf die unglaublichste Weise und fast nicht mehr als Menschen behandelt." Der erste Theil dieser Nachricht beruht wohl in keinem Falle auf zutreffende Informationen. Bon Brasilien ist bis jetzt im Verlauf der ganzen Angelegenheit überhaupt noch nicht die Rede gewesen. -- Inzwischen ist in Rllmänien doch wieder ein Akt der ausgleicheuden Gerechtlgkeit vollbracht worden. Wie man uns berichtet, hat der Minister des Inneren die Präfekten beauftragt, die nicht naturalisirten, aber dort ihre Militärpflicht erfüllenden Israeliten zur Bewerbung um das Staatsbürgerrecht aufzufordern. Das ist lvahrhaftig das Mindeste, was diese zu fordern hatten. -Xw- Die Nothlage der rumänischen Juden und die seitherige Kilfr. fas Frankfurter Hilfskomitee für die nothleidendeu Juden sendet uns den nachfolgenden sehr interessanten Bericht: Vor vier Monaten haben wir zum ersten Male unsere Fretinde zur Linderung der Roth unserer unglücklichen Glaubensgenossen in Rumänien ausgerufen. Seither sind die Verhältnisse nicht besser geworden. Bekanntlich hat zwar der Regierungswechsel einen humanen, nach Gerechtigkeit strebenden Mann, Herrn Carp, an die Spitze des rumänischen Ministeriums gebracht, ihm zur Seite stehen einige Gleichgesinnte. Allein das System, welches in Rumänien | herrscht, zu ändern. Menschlichkeit und Gerechtigkeit walten zu lassen, die unsägliche Unbill, ben Jahrzehnte dauernden Rechtsbrnch gegenüber der jüdischen Bevölkerung Rumäniens gut zu machen, dazu suhlt sich offenbar das Ministerium außer Stande. Kleine Mittel, gewissermaßen winzige Abschlagszahlungen, sucht man anzuwenden, um das Vertrauen Europas zu deu guten Absichten des rumänischen Staats wieder zu gewinnen, was ja namentlich sür die Regelung der rumänischen Finanzen von der größten Bedeutung ist. Das System aber ist daffelbe geblieben. Was nutzt es, wenn jetzt endlich den jüdischen Gemeinden die Korporationsrechte verliehen werden, was nutzt es, daß der Minister seinen Präfekten allempfiehlt, in derBefolgung des Verbots gegen Niederlassungen Fremder ans dem Lande nachsichtig zu sein? Dem Grundübel ist doch damit nicht abgeholfen, daß außer den paar hundert naturalisirten Juden die übrigen rechtlos, der Willkür jedes einzelnen Gendarmen ausgesetzt, von den Gesetzen als Parias gekennzeichnet, von der Bevölkerung als solche gehaßt und verachtet und in der Möglichkeit des Erwerbs nach wie vor geschädigt sind. Solange ihnen nicht das durch den Berliner Vertrag verbriefte Recht auf vollständige Anerkennung ihres Staatsbürgerthums gewährt wird, solange man den von der Regierung durch Jahrzehnte geforderten und genährten Vorurtheilen der Bevölkerung nachgiebt und ihr immer neue Opfer bringt, solange datiert das Elend fort. Es bleibt ein schleichendes Uebel, dem jahraus, jahrein Tausende zum Opfer fallen müssen. Die Sache der rumänischen Inden ist die Sache des Rechts und der Menschlichkeit. Würde das rumänische Ministerium mit starker Hand dem Recht zum Sieg verhelfet!, dann würde den rumänischen Juden geholfen sein. Wir könnten sie dann ruhig, da sie eine tapfere, arbeitsame, ihr Vaterland trotz aller Verfolgung liebeube Bevölkerung bilden, ihrem Schicksale überlassen; sie würden sich selber aufhelfen können, und im freien Wettbewerb der Kräfte würden sie ihrem Vaterlande und dem allgemeinen Wohl die größten Dienste erweisen und einen nützlichen Theil der Bevölkerung bilden. Solange dies aber nicht der Fall ist, muß die Hilfst hätigke i t fortdauern; das ist Allen, die mit dieser Frage sich beschäftigen, vollkommen klar, und deswegen müssen die Komitees unausgesetzt die begonnene Thätigkeit fortentfalteu. An erster Stelle gebührt dem europäischen Centralkomitee der wärmste Dank für sein unausgesetztes muthiges Eintreten für die Unglücklichen. Diesem Centralkomitee, welches in einer Ende Juni dieses Jahres stattgehabten Versammlung von den Delegirten der größeren europäischen jüdischen Wohlthätigkeitsinstitutionen gebildet wurde, gehöreil Männer aus Deutschland, England, Frankreich, Italien, Oesterreich-Ungarn. Belgien und Holland an. und Alle wirken harmonisch für das gemeinsame Werk der Menschlichkeit zusammen. Das Centralkomitee hat mehrere Delegirte in Rumänien. welche die Ortschaften bereifeu und die augenblickliche Roth 31t stillen suchen! — Viele, viele T a u s e n d e s i u b thatsächlich dem Verhungern ausgesetzt. — Man errichtet, wo es nur möglich ist, Volksküchen, beschafft die llothlvendigsteu Kleider und ein Lager für die Nacht; man grüildet Leihkassen, um deul arbeitenden Handwerker, dem kleinen Krämer die Mittel zum weiterell Erlverb 311 gewähren, man sorgt für Halldlverkszelig; mall begründet in den Genleinden Konritees für Wohlfahrtseinrichtnngen; man sucht ihr SelbstbelvußLsein und ihr Vertralleil zu stärken. Nühreud ist bei allem Elend die tapfere Treue, welche die Aermsten ihrem Glauben bewahrell. Rur selten lassen sich einige Wenige unter dem Druck der Roth zunl Abfall bewegen; das Belvnßlsein. sür ihre Ueberzellgullg. für Wahrheit und Recht zu leiden, stützt die Unglücklichen und erhebt sie weit über das Niveau derer, die um materieller Vortheile lvilleu, um Ehrenstellen und um äußeren Glanz das Opfer ihrer Ueberzeugung bringen und in die Reihe ihrer Bedrücker eilltreteu. Die Versuche, die rmnänifctje Regierung selbst zur Besserung der Lage zu bewegen, an ihre Einsicht nnb au ihre Menschlichkeit zu appellireu, werden fortgesetzt. Unser Vertrauen, daß das Recht schließlich siegeil. der die Unglücklichen aufrecht haltende Optimismus, daß die Kultur trotz aller Rückschläge vorwärts gehen wird, verläßt auch uns nicht, lind wir schreiten auf dieser Bahn unentwegt fort. Der erste Ansturm der großen jüdischen Auswanderungsmassen hat nach und nach aufgehört. Die ungeregelten Auswandererzüge,