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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-02 · Heft 44 (2.11.1900) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 44 (2.11.1900)
Date
1900-11-02
Page
Seite 519 (sequence 5)
Language
German
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510 Herbeirufen militärischer Hilfe nothweudig machteil, und diese Ausschreitungen am 10. Juni in bedeutend schärferer Form wiederholten, so das; nochnlals Militär herbeigernfen werden mußte, so verdienell diejeuigeu, die dabei gefaßt wurden, mit voller Strenge des Gesetzes bestraft zu werden. Meine Herren Geschworenen! Sie fofleu die Angeklagten nicht bestrafen, weil sie bei einigen Juden ein paar Fenster eingeworfen. sonderil weil sie sieb in schwerster Weise gegen die Gesetze vergangeli haben. Sie sollen durch Ihren Urtheilssprnch den Gesetzen lvieder Achtung verschaffen!" - Es verdient noch bemerkt zu werden, daß der als Zeuge vernommene Polizeikrnnmissar Plack auf die Frage des Staatsanwalts ausdrücklich erklärte, es sei seine Ueberzeuguug, daß „die Krawalle vorher unter dem Landvolk verabredet worden seien." Snpienti sal! 4 Der hundertste Geburtstag des Grafen Moltke, der in dieser Woche allgemein gefeiert wurde, gab den antisemitischen Patrioten natürlich wieder Veranlassung, die alte, längst widerlegte Lüge aufzufrischen, der große Schlachtendenker sei ein Gegner der Juden gewesen. Zu diesem Zwecke wurde die kleine Schrift über Polen hervorgeholt, die Moltke als junger Leutnant 1882 auf Grund von polnischen Quellen schrieb und in der manche harte Urtheile über die Juden sich finden. Die ehrlichen Antisemiten haben es aber wohl unterlassen hiuzuzufügen, daß Moltke bei den; zweiten Abdruck dieser Schrift fünfzig Jahre spater alle jene Stellen ausdrücklich selbst gestrichen hat, weitste auf falschen Informationen beruhten. Ja, eines der antisemitischen Blätter geht sogar so weit, diese Weglassungen - den Juden in die Schuhe zu schieben; es schließt seine Auseinandersetzungen mit dem Stoßseufzer : „So weit ist es im deutschen Reiche scholl gekommen, daß man aus Judenfnrcht die Schriften unseres Moltke fälscht." Das nennt man in antisemitischen Kreisen „deutsche Ehrlichkeit". £ Das „Bayerische Vaterland" des Herrn Sigl mußte in dieser Woche folgende Berichtigung bringen: „In Nummer 229 des „Bayer. Vaterland" ist behauptet, das; die „Alliance israelite universelle“ in Paris während des dentschfranzösischen Krieges einen Preis auf den Kops Seiner Majestät des damaligen Königs von Preußen ntib nachmaligen deutschen Kaisers Wilhelm I. ansgesetzt habe. Diese Behauptung beruht auf Erfindung und i st a u derselben kein w a h re s W o r t. Paris, den 11. Oktober 1900. Der Vorsitzende des Centralkomitees der ,,AIlicinee israelite universelle“. N. Leve n." Trotzdem erklärt Herr Sigl, daß er seine Behauptung aufrecht erhalte, und beruft sich kurioser Weise darauf, daß fast um die nämliche Zeit auch die „Deutschsoz. Blätter" des Reichstagsabgeordneten Liebermann von Sonneuberg über das Preisausschreiben der Alliance das nämliche wie das „Vaterland" gebracht Hütten, ohne daß dort berichtigt worden wäre. Ein braver Mann dieser Dr. Sigl! Professor Mar Müller, der am 29. d. M. in Oxford verstorbene große Sanskrit-Forscher, dessen hervorragendste Verdienste auf dem Gebiete der orientalischen Litteratureu liegen, war nicht nur ein begeisterter Apostel der Humanität, sondern auch ein warmer Freund der Juden und ein entschiedener Gegner der Antisemiten. In feinen Glasgower Vorlesungen sagte er u. a.: „Die Idee der Humanität und der Menschenfreundlichkeit, wie wir sie in; alten Testament finden, ist den arischen Völkern fremd. Ein Gefühl wie: Es soll einerlei Recht sein unter euch, dein Fremden wie dem Einheimischen. denn ich bin der Herr, euer Gott! würde den Dichtern des Veda nub selbst Homer höchst fcltfam geklungen haben." Mit großer Entschiedenheit sprach sich Max Müller zu wiederholten Malen gegen den Antisemitismus ans. In einem Briefe aus Oxford vom 7. August 1892 schrieb er folgende beherzigenswerthe Worte: „Ich habe schon zu wiederholten Malen mein Mißfalle!; gegen das Treiben der Antisemiteil ausgesprochen. Ich bin in allen Dingen gegen seichtes Generalisiren. Ich habe viele Juden gekanut. bin ja in Dessau geboren. Viele nreiner besten Freunde waren Juden. Nun giebt es ja auch schwarze Schafe unter den Juden, aber nach ihnen das ganze Volk zu benrtheilen. das geht doch gegen alle Regeln der induktiven Logik! Ich habe seit lauge jedem Deutschen in England gepredigt, daß er als Einzelner für den guten Nanien des deutschen Volkes in England verantwortlich ist. Dasselbe möchte ich jedem Judell predigen können. Jeder einzelne Jude ist für den guten Nanien der Judell verantwortlich. Wenn jeder einzelne Jude das fühlte, oder wenn die Gemeinde ihn das fühlen ließe, so würde es keinen Antiseniitismus geben. Das im Bausch und Bogen Aburtheilen ist der Ruin aller Wissenschaft; lvas für Unheil es in der Gesellschaft und im Staate aurichten kann, sehen wir in den Exzessell der Antisemiten. Ich bin Anti-Antisemit lind iverde es bleiben."j Er ist es geblieben bis zum Tode. Ehre seinem Andenken! * Graf Pückler- Kl.-T sch irne, der Bilder-Redner, ist lvieder einmal und zwar von einem Berliner Schöffengericht freigesprochen worden. Das Urtheil unterliegt noch einer anderen Instanz, die der Vertreter der Anklage imcft seinen Ausführungen im Prozeß unbedingt anrufeu wird. Immerhin ist es bemerkenswerth geling, daß sich in Berlin zum Urtheil berufene Männer auf einen Spruch vereinigen konnten, der de;n edlen Grafen eine, wenu auch nur „poetische" Liceuz bewilligen will, aitf deutsche Staatsangehörige zu dreschen oder dreschen zu lassen, sie, wie es in seiner Rhetorik heißt, „durchznhauen und rauszuschmeißen". Der als Zeuge vernommene Polizeitentnant erklärte die Zuhörer, welche in der Versammlung vom 18. Juli dein Herrn Grafen zugejubelt haben, für ein „feilles" Publiknnr und die Ausdrucksweise des Redners für eine „blurnenreiche" Sprache. Ulid unter drei Schöffen haben sich mindestens zwei gefnudell, welche „bildliche" Aufforderungen zu Mord und Todtschlag in dem vorliegenden Falle als harmlose Redefloskeln augeseheil haben. Ob ein Sozialdeulvkrat, der in ähnlicher Weise Propaganda für seine Ideell zu machen versuchte, auch ein solches „Schweineglück", um in der Bildersprache des Grafeil Pückler 31t bleiben, haben würde? * Seit mehr als 60 Jahren spielen die ellglischeu Judell trotz ihrer geringen Zahl eine hervorragende Rolle im englischen Unterhause. Lange noct) bevor die Judenemauzipation ihnell das passive Wahlrecht verliehen hat, gab es int Parlament eine Anzahl hervorragender Männer, welche, lvie Sir Menasseh Lopes, der berühmte Nationalökonom David Ricardo ilnd vor allem Benjamill Disraeli, jüdischer Abstammilllg waren. Die Parlamentslvahleil vom Jahre 1895 brachten nicht weniger als 17 Juden auf ben Kampfplatz, von denen 8 gewählt wurden. Allßerdem wurden in zwei Nachwahlen weitere 2 Juden gewählt, so daß das ellglische Unterhaus bei seiner Auflösung 10 Jllden zu feinen Mitgliedern zählte. Von diesen jüdischen Mitgliedern des Unterhauses hat diesmal Mr. Marks, der 1895 mit einer Majorität voll nur 4 Stimmen gewühlt wurde, auf

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