Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 518 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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518 der Ueberzeugnng, daß selbst die Austelluugsverhältuisse bessere uud würdigere sei» könnten, daß viel mehr Gemeinden ihren Rabbinern nach einer gewissen Probezeit eine definitive Anstellung gewähren würden, wenn erst eine solche Reliktenkasse den materiellen Hintergrund für die Sicherstellung des Verhältnisses gewähren möchte. Daß aber die Rabbiner selbst bei ihrer gegenwärtigen Stellung nicht in der Lage sind, eine solche Hilfskasse zu begründen, bedarf nach den vvrhergegangenen Ausführungen nicht erst der Begründung. Es ist wohl auch besser, im Interesse der Sache jedenfalls zweckmäßiger, wenn gerade bei diesem Anlasse nicht alles frei heransgesagt wird, was über die Angelegenheit noch etwa zu sagen wäre. Denn heute steht nichts anderes im Vordergründe als die unabiveisliche Forderung, durch einen ansehnlichen Fonds die Gründung einer solchen Penstons- und Reliktenkasse für die preußischen Rabbiner so rasch als möglich zu erwirken. Auf der letzten Rabbinerversammlnug wurde auch der Ueberzeugung kräftiger und würdiger Ausdruck verliehen, daß es für diesen Zweck eines Appells an die Gesamnltheit, an die großen Gemeinden, vor allem aber au die einzelnen hochherzigen Mitglieder unserer Glaubensgemeinde, die bereit sind, einem solchen Werke ihre Kräfte zu widmen, bedürfe. Diese Hoffnung wird sicher nicht zu Schanden werden. Es ist unmöglich, daß ein solcher Appell an das jüdische Herz ungestört verhallen könnte. Es fehlt in unserer Mitte Gott sei Dank noch immer nicht an dem Gemeinsinn und der Opferwilligkeit, wo es gilt, ein großes Werk ins Leben zu rufen. Uud um ein großes Werk handelt es sich hier in der That! Zum ersten Male appelliren die Männer in eigener Sache an Euch, die sonst das ganze Leben hindurch nur für fremde Noth Eure Hilfe erbitten. Werden sie da nicht ein willfähriges Herz und eine offene Hand finden? Die Männer, die Euch in den heiligsten Stunde» des Jahres, in den ivichtigsten Augenblicken Eures Lebens Muth und Trost, Mahnung und Belehrung geben, die eure Führer, eure Berather und Lehrer sind! Geiviß, ihr Appell wird kein vergeblicher fein! Vor allem aber, so hoffen ivir zuversichtlich, wird er in unserer Gemeinde nicht ohne großen und nachhaltigen Erfolg bleiben. Hier findet ja jedes Leid und jede Noth Gehör und Hilfe. Tie Berliner Gemeinde ist heute nicht nur die erste nach der Seelenzahl, sondern auch nach ihrer Intelligenz und geistigen Bedeutung, ebenso wie nach ihrer Opserfreudigkeit und Hilssbereitschast. Sie wird ein solches Werk, das zur Ehre des Judeuthums unternommen, sicher in großherziger Weise fördern und Herrn Rabbiner Dr. Mahbaum in seinem heiligen Eifer für dieses große Hilfswerk mit freudigem Herzen stützen. Es wird ihr Stolz und ihre Ehre sein, den Fonds aufzubringen, der dazu dienen soll, die Penstons- und Reliktenkasse für Rabbiner noch in diesem Winter ins Leben zu rufen. Und die übrigen Großgemeinden Preußens, ja ganz Deutschlands, vor Allem Frankfurt a. M., Breslau, Hamburg. Posen, Königsberg, Danzig, Leipzig, Dresden u. s. w. aber auch München, Nürnberg, Augsburg, Marinheim, Stuttgart uud andere große Gemeinden werden diesem schönen Beispiel sicher willig Folge leisten. Und so denn mit Gottvertranen ans Werk. Es nuiß und wird gelingen! Nie Woche. Berlin, 30. Oktober. äonitz und kein Ende! Ein Prozeß schließt sich an den andern, mtb das, Dunkel, das über dem Morde liegt, ist noch immer, auch durch den Prozeß Masloff, nicht aufgehellt. Heute ein Verfahren wegen Landfriedensbruchs, morgen eins wegen Beleidigung; Meineidsprozetz folgt auf Meineidsprozeß, und schon verzweifeln erfahrene Kriminalisten, daß jemals die Wahrheit ans Licht kommen werde, es sei denn durch einen glücklichen Zufall. Wie unzuverlässig heute Zellgenaussagen, die in dem Konitzer Drama gemacht werden, auch wenn sie im besten Glauben erfolgen, dem unbefangenerr Richter erscheinen müssen, ist lleuerdings schon von hervorragenden Medizinern betont worden, die mit der epidemischell Suggestion bekannt sind. Es ist zu befürchtell, daß der Rattenkönig von Prozessen auch in Zukunft nicht zur Klärung des Sachverhalts, sondern mtr zur Steigerung der Verwirrung beitragen werde. Aber es ist traurig, zu beobachten, mit wie viel Voreingenommenheit die unglücklichen Konitzer Juden auch in diesem neuen Prozeß, der sich nult schon fünf Tage lang hinzieht, und auch in dem Moment, da dieses Blatt in Druck geht, noch nicht beendet ist, zu kämpfen haben. Und dabei finb Diejenigen, die im Lande der allgemeinen Schulpflicht mit „Erbschlüssel'' und „Erbbuch" Vorgehen, die an Geisterspnk, an Teufel und Gespenster wirklich glaubell, noch lallge nicht die Schlimmsten in dem Konitzer Drama. Es wird natürlich nach Abschluß dieses Prozesses nothwendig sein, die einzelnen Vorgänge desselben eingehend zu erörtern. Dagegen erscheint es unnöthig, die Berichte über den Verlauf der Gerichtsverhandlungen selbst auch all dieser Stelle im Wortlaut zu reproduziren, zumal die Blätter aller Parteirichtungen diese ja sehr ausführlich llnd — mit Ausnahnre der alltisemitischen — auch ziemlich objektiv bringen. * Die Rubrik „Gerichtssaal" ist also in dieser Woche in sämmtlichen Tagesblättern von Berichten aus Könitz förmlich überfüllt. Was für Zuställde hat die antiselnitische Agitation in diesem friedlichen Landstüdtchen heraufbeschworen! Wir begllügell lms zur Charakteristik dieser Zustände aus dem Plaidoher des Staatsanwalts tut ersten Landfriedensbrnchsprozeß die folgende Stelle herauszuheben: „Meine Herren Geschworenen! Die Vorgänge, die den zur Allklage stehenden Ausschreitungen voransgegallgen sind, dürften Ihnen bekannt sein. Am 11. März oerschlvand Plötzlich ein Schäler des hiesigen Gymnasiums. Es wird Jhneil bekannt sein, daß die Leichentheile des Verschwulldenerr all verschiedeliell Orten 31t verschiedenen Zeiten gefunden wnrdell. Nach Ausfilldllng der Leichentheile wurde behauptet: es handle sich um einen Ritualmord. Die Juden hätten den Gymnasiasten Winter geschlachtet, um sein Blut zu rituellen Zlvecken zu bemltzen. Diese Behallptlmg wlirde verbreitet voll Leuten, die offenbar ein Interesse daran hattell, die ohnedies bereits bestehende Abneigung gewisser Volkskreise gegeil die Inden 31t schüren und zu schärfen. Die Folge dieser Verhetzllngen lvareu Ausschreitungen gegen die Juden. Es wird Ihnen ausgefallen sein, daß, obwohl berichtet lvnrde, in Könitz habe ein großer Krawall stattgeflmdell, bei deln das Leben 1111b Eigenthnm der Inden gefährdet, die Synagoge demolirt worden sei, die Anklage nur einen verhältnißmäßig geringen Umfang hat; dies erklärt sich daralls, daß bei einen! solchen Krawall, wo die Polizeimannschaften nicht allsreichten, nur ein geringer Theil der Exzedenten gefaßt lverden konnte. Wenn man erwägt, daß schon eillmal Ausschreitlingen gegell die Inden stattgefnllden haben, die das