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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-26 · Heft 43 (26.10.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 43 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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bürg bildere den Gegenstand eitler Verhandlung vor dem Verwaltungsgerichtshose. und zwar klagt, nach der „Landeszeitung", der Kaufmann Leopold Tarlowski aus Halberstadt gegen die Kreisdirektion Wolfeltbüttel auf Kouzessionsertheilung zu eineur solchen Hotel. Ein Gesllch des Klägers tun die Ertheilung der Koilzession ist von der Kreisdirektion Wolfeubüttel abgelehut lvordei», nachdem der Magistrat iu eitlem Gutachten erklärt hatte, es liege zu der Errichtung eines solchen Hotels kein Bedürfniß vor, da in dem „Parkhotel" (Bes. Herr- Hecht) bereits ein rituell verwaltetes Hotel bestehe. Außerdem befürchtet der Magistrat, daß hillter dem Unternehmen russisch-polttische Juden stünden, und daß es dazu bestimmt sei, russisch-polnische Juden „drittelt und vierten Ranges" nach Harzburg zu ziehen, deren Erscheinen dort llicht wünschenswerth sei. Um den Beweis zu führett, daß für ein zweites jüdisches Hotel in Harzburg ein Bedürfniß vorhanden sei, hat der Kläger zahlreiche Zeugen vorgeschlagen, voll denen ztt der gestriger» Verhandlung fünf, sämmtlich Israeliten der strellg kvllservativen Richtuilg. geladen worder» waren. Sänlmtliche Zerigen sprachen sich für die Nothwendigkeit eiiles zweiten nach strerrgelll Rituell verlvalteten Hotels iu Harzburg aus. Demgegenüber sagte Bürgermeister v. Stutterheim aris, daß ihm von einer Ueberfüllung des Parkhotels llichts zu Ohren gekonlmen sei. Er habe die Erfahrung genracht, daß die allspruchsvollsten Badegäste die rnillderbenlitteltell (?) Juden feien. Die ganze Bewegung zu Gullsteil eiiles zweitell jüdisch geleiteteil Hotels gehe von einen» rujsisch-polnischel» Vorbeter aus, den» mau schon die Ratnralisirung im Herzogthnme abgeschlagen habe. Dieser habe ihnl auch gesagt, es bestehe ein Bedürfniß, für ärmere Juden alls dem Osten ein Hotel zu errichten. Der Gerichtshof beschloß, vor Abgabe einer Elltscheidullg l»och weitere Zeugen darüber zu vernehmen, ob das „Parkhotel" lviederholt überfüllt geweseil ist. /. Wesel, 22. Oktober. Dieser Tage verließ n»ls Herr Dr. nred. Neustadt, welcher als praktischer Zahnarzt viele Jahre hier anerkannt gewirkt hat. nnl micfi Berlin überzusiedeln. Derselbe stand der „Neuell Harmonie", etnein litterarisch-geselligel» Vereille, seit denl sechsjährigell Bestehell als Präses vor ulld wirkte, der Tendenz der Grüllduilg entsprechend, z»rr Hebung des frelludschaftlicheu Verkehrs ullter ben Genleindemitgliedern mit großer Liebe. Eine Festseier, welche die Ueberreichullg eilles Ehreilgeschenkes tu sich schloß, zeigte ein schönes Bild treuen ZusanlUlellhattells; es sollte jede Gemeillde dallach streben, elllen solchen Verein zu gründe». Als Nachfolger wurde Herr Lehrer Spier gewählt; auch ein.Zeichen der Zeit, welches beweist, wie sehr der »vahre Lehrer geschätzt lvird. /X Nürnberg, 17. Oktober. Gegen ben protestantischen Hilssgeisttichel» Winter w»»rde die Diszipliuaruutersuchuug eingeleitet, weil er bein» Religionsmlterricht iu der Volksschule eine die Konitzer Affäre betreffende antisemitische Aeußerung gemacht hatte. Er hatte den Kinderll erzählt, daß ein Jude iu einem Orte bei Berlin einen Gymnasiasten geschlachtet habe. Gerneint ist natürlich der Kollitzer Mord. U»»d der Herr Vikar hat hinzugefügt, nun» dürfe einem J»»den ilichts zuwenden, »veil die Juden die Christen betrügen. Statt des Ausdrucks „betrügen" gebrauchte der Neligiouslehrer ein schmutziges Wort, „das sich", »vie eil» Berliner Blatt hinznsügt, „ans dem Munde eines Pädagogen »loch »veit gemeiner anhören nluß. als wenn es voll den Lippen eilles rohen, ungeschliffenen Ackerkuechtes fließt." Oesterreich-Ungar». □ Wien, 22. Oktober. In der abgelaufeneu Woche hat sich hierein lleuer Vereil» konstituirt, der sich „Christlicher Reformvereiu" nennt, und der mit aller Macht gegen die Mißlvirthschaft der sogenannten Christlich-Soziale»» handeln »vill, die sich auf allen Gebieten breit gemacht hat. — Nach schrverem Leiden ist in Baden Dr. Ludlvig Ritter v. Gutmann, öffeiltlicher Gesellschafter des Hauses Gebrüder Gutmani», gestorben. Er »var der eil»zige Sohn des Herrr» David Ritter v. Gutmann. Nach Beendigung seiner juristische!» Studieil trat Dr. v. Gutmann iu die Firma eil» und zeichnete sich durch besondere kaufmännische Intelligenz, ungewöhnliche Tüchtigkeit und großen Scharfsinn aus. Er war auch ein guter Jude, der den Traditionel» feiner Familie und seines Glaube»»s stets treu blieb. Die zahlreichen Freunde, »velche ihn» sei»» liebenslvürdiges und bescheidenes Wesen verschaffte, werden seinen frühzeitigen Tod lebhaft bedauern. Dr. v. Gutrnanr» »var mit einer Tochter des Petersburger- Baron Günzburg verheirathet. Er hinterläßt eine Witlve und sechs un»nül»dige Kinder. — Das Bezirksgericht Nen-Sandec führt achtzehn Untersuchungen gegen den antisenlitischen Agitator P. Stojato »v s k i »vegeu öffentlicher Gewaltthätigkeit, Ruhestörung, Vergehen nach 88 300 »»nd 302. Ehrenbeleidigung, An»tsbeleidigln»g uub andere Delikte. Das Gericht iit Neu-Sander verlangt die Delegirnng des Krakauer Gerichtes zur Verhandlung. — In Budapest ist Freitag, de»» 12. d. M. der Nestor der ungarische»» Aerzte. Dr. Siegmund Kn ne walder, im Alter von 84 Jahren gestorben. Mit dem Tode Dr. Kuuewalder's der einer geachteten Budapester Patrizierfamilie entstammte, hat ein reichbewegtes Leben abgeschlossen. In» Jahre 1848 nahrn Knnewalder als Stabsarzt der Ho»»vedarmee an dem Feldzuge theil und war zuletzt den» General Ben» zngetheilt. Ji» Großwardein gerieth er in Gefangellschaft und »vurde von dei» Russen »»ach Arad transportirt. Es gelang ihm zu entkommen, er »vurde jedoch nocl)- mals gefa»»gen, in der Karlskaserne vor das Kriegsgericht gestellt und zun» Genleine»» degradirt. Von» Todesurtheil rettete ihn die Aussage mehrerer österreichischer Offiziere, die bezeugten, daß er auch die feindlichen Verwundeten in humaner Weise Pflegte. Nach de»n Kampfe setzte er seine ärztliche Thätigkeit in Budapest fort und war einer der beliebtesten Aerzte der Hauptstadt, der sich durch seine. Humanität allgemeiner Hochachtu»»g erfreute. Don Nah und Fern. Der Kaiser hat die Rothe Kre»»zn»edaille III. Klasse verliehe»» : der Frau Nanny Böhm geborene Böhm zu Berlin, Frau Konnnissionsrath Bertha Cohn geborene Biberfeld in Ralvitsch und Herrn Sanitätsrath Dr. Schlesi»»ger in Berlin. — Regierungsbaumeister a. D. Max Grünfeld in Kattowitz hat anläßlich der Einweihung des neuen Ghmnafialgebäudes den Krouenorden IV. Klasse erhalten. — Jl» Florenz ist au» 17. d. M. der bekan»lte Hamburger Rechtsanwalt Dr. Hermann May an einer Nierenentzündu»»g gestorben. — Der verstorbene Bankier S i eg »nun d Neustädter in München hat in seinen» Testa»nente 100000 Mark z»r einer Stiftung ausgesetzt, die den Namen Rosa ui»d Siegmund Neustädtersche Stiftung führen soll, und deren Renten dazu verwendet werden sollen, arme u»»d würdige »veibliche Patientel» der städtischen Krankenhäuser, die dort Operationen zu bestehen hatten, zu unterstützen und insbesondere die Mittel zur Gesund»»»»g zu gewähre»». Bei Vertheilung der Renten soll die Konfession der Patientel» ganz außer Betracht bleiben. — Kommerzienrath Alex von Pflaum in Stuttgart hat den Kronenorden II. Klasse erhalten. — Für de»» nächsten Zionistenkongreß kom»nt neben Basel und London auch Amsterdam i»i Frage. — Der Regisseur des Dreysus-Dramas, Oberst Du Paty de Clam, der sich seit zwei Jahren rnit Halbsold in Nichtaktivität befindet, »vird demnächst nach Vollendung seines dreißigsten Die»»stjahres verabschiedet. — In Toulouse ist der frühere Rabbiner M. L. Oury gestorben, der während des Krieges Almosenier der Rheinarmee war und mit dem Orden der Ehrenlegio»» dekorirt wurde. — Die preußische Staatsangehörige Fräulein Ungar, Schulvorsteheritt der israelitischen Mädchenschule »»» Adria»» opel. hat die Erlanbniß erhaltet», den ihr von» Sultan verliehenen Nischan-el-Chefeket- Orden III. Klasse zu trage»». — Die Ankunft des A»»tisemitel»führers Max Regis in Algier gab wieder, »vie bereits kurz berichtet, zu Unruhen und Gewaltthaten Anlaß, Einige tausend Perso»»en »varen dem Bürgermeister von Algier »nit den antisenlitischen Ge»neinderäthen dieser Stadt ul»d der anstoßenden Villeilstadt Mustapha bis an den Hafen entgegengegange»» uub hatten ihn mit den üblichen Hochrufen sowie auch »nit Gezeter gegen die Republik nach den» Stadthause geleitet. Hier trat er auf den Balkon, um eine Brandrede gegen die Verleumder zu Halter», »velche die algerischen Judenfeinde als „Wilde" bezeich»»en. Der Pöbel jubelte und zog »»ach der Place de Chartres, rvo einige jüdische Kauslädei» geplündert und »nehrere Händler, die sich widersetzte»», mißhandelt wurden. Die U»»ruhen lvährten bis in die Nacht hinein. Die Polizei schritt nur lässig ein und nahm eitrige Verhaftiulgeu vor, welche nicht hinderten, daß die Stadt die ganze Nacht von antisemitischen» Geschrei »viederhaüte. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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