Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 thätig, mußte der Entschlafelle gleichwohl bis zu feiner vor zwei Jahren durch einen Schlaganfall erfolgten Erkrankung sich die Muße abzwingen, um dem Thorastudium, das ihm unabweisbares Herzensbedürsniß lvar, täglich ulld unuilterbrochen obznliegell. Ein gründlicher Kenner der Halachah und der religionsgesehlichen jüdischen Litteratur Zog ihln nach Alllage und Neigling in noch weit höherem Maße der hagadische Theil derselben an, in welchem er unablässig neue geistige und sittliche Wahrheiten zu entdecken bemüht gewesen ist. Ein strenger, ullelltwegter Anhänger lind Verehrer des Sitten und Ueberlieferten, hat er gleichwohl für die Forderungen und Bedürsnisse der Gegenwart Sinn Ulld Verständniß zll entwickeln vernlocht, und in erster Reihe war seine Aufmerksamkeit darauf gerichtet, das geheiligte Alte mit modernen Gedanken zu versöhnell und durch geistvolle homiletische Interpretation biblischer und talmudischer Stellen den Nachweis zu versuchen, daß gar manche die moderne Zeit bewegenden Ideen in mehr oder minder ftaren Andeutungen bereits m den grundlegenden Schriften des Judenthums, iix Bibel und Talmud, zu ftnbeit seien. Besonders reiche Ausbeute sand diese seine Geistesrichtung in den sozial-ethischen Partien des jüdischen Schriftthums, welchen beim auch in der That meist sowohl feine allsabbathlich einem in seinem Hause um ihn sich versammelnden Kreise voll Zuhörern gegebenen Belehrnngen, wie die von ihm im hiesigen Verein sür jüdische Geschichte und Litteratur seit dessen Bestehen gehaltenen anregenden Vorträge gegolten habell. Voll der richtigen Erkenntniß geleitet, daß die Heranbildullg und Heranziehung des jungen Nachwuchses zur verständnißvollen Theilnahme am religiösen Leben eine Lebensfrage sür das Judenthum bildet, trat er mit der ganzen Wärme seines religiösen Gemüths sowohl für die Hebung und Ausgestaltung des Religionsunterrichts wie auch sür dieEilirichtung nndErhaltung der Jugendgottesdienste ulld die Entwickelung des Chorgesanges bei den Freitagsabend- und Festtagsandachten ein nnb begegnete, obwohl selbst ein Vertreter der alten streng konservativen Richtung. Denen, die in verständnißlosem Uebereifer einer Verschöllung des Gottesdiellstes durch einen regelrecht geleiteten Chor Hindernisse bereiten wollten, mit schonullgsloser Schärfe und unbeugsamer Energie. Als vor einer Reihe von Jahren im Aufträge des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes zu den voll demselben herausgegebenen Grundsätzen der jüdischen Sittenlehre Belegstellen aus Bibel, Talmud ulld Midraschim gesammelt lverden sollten, gehörte der Verblichene zu den mit dieser Arbeit Betrauten, und er stellte seine reichen Kenntnisse aus diesem Gebiete mit liebevoller Hillgebung in den Dienst dieser für das Jndenthum so bedentsamen Aufgabe. Es bedeutet somit sein Heinlgailg nicht nur für nnfeve hiesige Gemeinde, sondern auch für weitere Kreise in Israel den ullersetzlichen Verlust eines Mannes, der. ein tiefer Kenner und begeisterter Verehrer des Alten und Traditiollellen. dieses mit den unabweisbaren Forderungen der neuerell Zeit in Einklang zu bringen bemüht gewesen ist. Mit Louis Kalischer ist ein Mann dahingegangen, lvie er in dieser Eigenart ilicht wieder erstehen kailn. Ein Stück alten patriarchalischen Judenthums ist mit ihm elitschwunden, von dem der Satz unserer Alten „Weh' unl die Dahingeschiedenen. die mir nie vergessen werden" in vollem Maße gelten kann. Dieser Empfindung ist denn auch bei der Trauerfeier im Hanse wie bei der Bestattung auf dem Friedhofe theilnahmsvoller und beredter Ausdruck verliehen wordeil. # Könitz, 28. Oktober/Unter dem Vorsitz des Lalldgerichtsdirektors Schwedowitz, der auch im Meineidsprozeß gegen den Prüparallden Speisiger die Verhaildlungen leitete, fand am 17. ulld 18. d. M. vor den: hiesigen Schwllrgericht der Aufruhrulid Lau dsried ensbruchprozeß gegell nelnl EilUvohner der Stadt Kouitz, die der Theilllahme an den tnmultarischen Vorgängen vom 10. Juni d. I. beschuldigt silld. Es sind dies die Arbeiter Pikarski, Kniewel, Gatz und Schulz und ferner der Schlosserlehrling Gierschewski. der Besitzer Kath, der Schmiedelehrlilig Werlier, der Knecht Gohr und der Arbeiterssohll Frhdrichowicz. Die Allklagebehörde vertrat Staatsanwaltsassessor Schulz, die Vertheidigung führten die hiesigen Rechtsanwälte Hunrath Ulld Zelewski. Die Allklage lautete gegen die neull Angeklagtell ncict) dem Eröffaungsbeschlub auf Landfriedensbruch. Widerstand gegell die Staatsgelvalt. Körperverletzung ilnd Sachbeschädigung. Der Gerichtshof vernrtheilte, ben Allgeklagten Knielvel zu fünf Moilaten Gesängniß wovon vier Monate Ullterslichnngshaft abgerechnet werden, den Angeklagten Kath zu fünf Monaten uliter Allrechllllng voll drei Mollatell uild den Angeklagteil Gohr zll neun Monaten Gesängniß. Die Angeklagten Werner und Gierschewski wurden mit der Maßgabe freigesprochen, daß sie ihren Eltern überwiesen wurden. — Wegen der Ausschreitungen, die am 17. Juni in dem Dorfe Gr. Konarczyu im Kreise Schlochau gegen jüdische Einwohner begangen wurden, ftanben am 19. d. M. 1. der Knecht Paul Studzinski, 2. Arbeiter Adam Rekowski. 3. Arbeiter Max Zienier. 4. Knecht Johann Mischke, 5. Knecht Leo Trapp vor dem Schwurgericht. Diese habell sichwegen Lalldfriedensbruch u. s. w. zu veralitwortell. Die Angeklagten, die zumeist unbestraft sind, befiudeli sich im Alter von 18 bis 25 Jahren. Dell Vorsitz führt Landgerichtsdirektor Böhnke. Die Anklage vertritt Staatsallwalt Witte. Die Vertheidigung hatten die Rechtsallwätte Gebauer unb Hasse (Könitz) übernommen. Vier der Angeklagten imtrbeu wegen Sachbeschädigung verurtheilt, lind zwar Studzinski, Rekowski und Mischke zu je 8 Monatell 14 Tagen, Ziemer zu 4 Monaten Gesängniß. Allen wird die Nntersuchllllgshaft voll angerechliet. Der süllste Angeklagte Trapp wurde sreigesprochen. — Heute erschienell uilter der Anklage des schweren Landfriedellsbruchs vor dem Schwurgericht die 50 jährige Wittwe Hübner, Kaufmalln Otto Rösler, SchlÜchtergesette Franz Doran. der tanbftnnime Schuhmacherlehrling Johalln Dobberstein unb der Arbeiter Emil Wiedenhöft. Die Angeklagten sollen am 10. Juni all den Krawallen in Tuchel theilgenommen haben. Doran wurde zu 4 Monat Gesängniß verurtheilt, die Anderen freigesprochen. — Kaufmann Rosenthal und Frau aus Kamill wurdeli unter dem Verdachte der wissentlich falschen Anschuldigung und der Verleitung zum Meilleide in der Konitzer Mordsache verhaftet. — Jul Prozeß Jsraelski ist die von der Staatsanwaltschaft eingeleitete Revision zurückgezogen worden. Br. Schwerseirz, 22. Oktober. Der Lehrer Moritz G r ü n fe l d, lvelcher Ihren Lesern bereits seit Anfang der sechziger Jahre als fleißiger Mitarbeiter bekannt ist, trat jetzt nach 38 jährigem segensreichen Wirkeil in hiesiger Gemeinde in den Ruhestand. Sein Ruf als Schulmanli reicht weit über die Grenzen der Provinz. Nach Hunderten zählen selbst die auswärtigen Schüler, Juden wie Christen aus den höchsten Ständen, welche seine Lehrstätte aufsuchten. Mit Genugthuung blickt Herr Grünfeld auf eine beträchtliche Zahl von Männern in hohen und ehrenvollen Stellungen, welche einst zu feinen Zöglingen gehörten. Es verdient auch, zumal in heutiger Zeit, hervorgehoben zu werden, wie Grünfeld darauf hinzuwirken versteht, daß unter seinen Pellsionären und Schülern verschiedener Konfessioli das schönste Einvernehnien lvaltet. Am 18. d. M. fand feine feierliche Entlassung statt. Zu derselben hatten sich außer dem Königlichen Kreisschulinspektor, Pastor, Bürgermeister, den Schul- und Gemeindevorstehern und Repräsentanten, den Lehrern aller Konfessionen eine große Anzahl von Gönnern und Freunden eingefunden. Kreisschulinspektor Brandenburger schilderte die Verdienste des Jubilars, lvelcher vorher einige Jahre als Hauslehrer in Schlesien wirkte, und dessen Personalien lvährend seines ganzen Wirkens nur Löbliches aufzuweisen haben. Da die Schule, bisher zweiklassig, wegen Abnahme der Schülerzahl in eine eiuklassige umgewandelt wird, wies der Kreisschulinspektor — katholischer Konfession — den Lehrer Broh auf seine nunmehr doppelten Pflichten hin, lvährend er den Schülern eine treffliche Btumenlese talmudischer Sprüche über die Ehrfurcht vor dem Lehrer vorführte. Hierauf überreichte er dem Jubilar den Hohenzollernffchen Hausorden. Dann sprachen noch Pastor Heyse, Bürgermeister Hoppmann, Lehrer Broh, Stadtverordneten-Vorsitzender und Präses des Gemeiudevorstandes Gustav Lesfer als ehemaliger Schüler des Jubilars. Alle Herren hoben in ihren Ansprachen neben dem segensreichen Wirken den biederen offenen Charakter sowie den friedlichen Silln in der Gemeinde und unter feinen Kollegen hervor. Die evangelischen und katholischen Hauptlehrer brachten die Glückwünsche der Lehrerkollegien. Grünfeld dankte Allen gerührt, nahm von den Schülern Abschied und schloß mit einem Hoch ans den Kaiser. Die darauffolgende Nachfeier gestaltete sich zu einer äußerst gemüthlichen. Grünfeld bekleidet mehrere Ehrenämter, ist Waisenrath. Vorsitzender des silnnltanen Lehrervereins. Vorstandsmitglied des jüdischen Lehrervereins der Ostprovinzeu, der hiesigen Chelvra kadischa. Er befindet sich im 65. Lebensjahre und erfreut sich einer großen geistigen wie körperlichen Frische. Möge ihm noch lange ein frohes ungetrübtes Leben beschieden sein! zfz Brmmschwcig, 19. Oktober. Die Erricht u u g eines rituell v e r iv a l te t e n j ü d i s ch e n H otel g a r ui tu Bad H arz -