Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- Seite 515 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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515 Prinzessin. Aber *g ist auch ein hübsches Ding, nicht?" Bewunderung heischend hielt sie es den Fremden hin. Es war in der That ein reizendes Geschöpfchen, dem die Sphäre der Noth und Verfolgung, der es entstammte, nicht das Geringste angehabt zu haben schien. Voll und rund und rosig waren die dicken Aermchen, das winzige Gesichtchen. Das ganze kleine Ding schien die Verkörperung eines so kräftigen Willens zum Leben, wie dessen die glücklichen Sprößlinge der der oberen Zehntausend, für die überreichlich an der Tafel des Lebens gedeckt ist, nicht stärker bedürften. Es schrie nicht, sondern liest die großen, dunklen Augen mit dem, ganz kleinen Kindern zuweilen eigenen, melancholischen Ausdruck, als frage es, weshalb mall es in diese Welt des Leides und der Schmerzen rief, ruhig von Einem zum Anderen wanderll. „So brav ists immer, es weint fast nie!" fuhr seine Lobrednerin fort. „Da mußt Dil Dich doch daran freuen, Liba!" Die Kranke seufzte schwer. „Gewiß, aber Jacob und Mirjanl" — „Wie alt ist Ihr anderes Kind?" fragte Frau Schwarz theilnahmsvoll. „Ueber zwei Jahre." Die Fragerin sah sie beinahe entsetzt an. „Wie ist das möglich? Wie alt fiub denn Sie selbst?" „Fast achtzehn Jahre." Einen Augenblick schwiegell nunmehr Alle, vom gleichen Gefühl iniligeu Bedauenis für dies irr der Blüthe geknickte Dasein erfaßt. Achtzehn Jahre! Und fertig mit dem Leben, aufgenutzt, aufgebraucht, anr Wegrande verscheidend. Helene Wagner machte eine unwillkürliche Bewegung, wie eine Matrone kam sie sich mit ihren einundzwanzig Jahren neben Jener vor. Wie eine Matrone an Jahren, wie ein Kind fast noch in Bezug auf Lebenserfahrung und erlittene Lebensnoth. . . . Inzwischen fragte Frau Schwarz weiter. „Haben Sie denn hier unter allen Ihren Landsleuten keinen Freund oder Verwandten, der sich öfter nach den Ihren Umsehen kann?" „Ach, gnädige Frau," antwortete die Pflegerin an Stelle der Kranken, „thun würde es wohl Jeder, denn wir helfen einander gern. Aber Jeder hat auch jetzt so viel mit sich selbst zu schaffen, daß wir höchstens ab und zu einmal kurz Bescheid bekommen können. Und näher kennen thut die Liba Niemanden davon, die einzige Freundin, die sie hat, bin ich. Ich aber kann sie und das Kleine doch nicht allein lassen. Der Jacob Epstein und die Liba hatten Beide keine Geschwister, ihre Eltern sind schon lange gestorben, weitere Verwandte haben sie nicht. Nun wohnten sie auch noch nicht sehr lange in Swyaczin, unserem Ort, und kannten dort gar wenig Leute. Ein bissel zurückhaltend waren sie außerdem immer, sie sind beide guter Leute Kinder und haben mehr gelernt als wir einfaches Volk. Der Jacob hatte Talmudist werden sollen, aber da verlor sein Vater sein ganzes Vermögen und das der Liba mit, wie sie eben verheirathet waren. Darauf hat er's mit Handel treiben versucht, aber mit dem Borwärtskonnnen hat es bisher eben bös gehapert." „Wo ist denn Ihr eigener Mann?" „Der ist schon seit drei Monaten drüben und hat gute Arbeit gefunden. Nun läßt er uns Nachkommen; er meint, resolut genug wär' ich, um mit den drei Kindern dort," sie zeigte flüchtig lachend die weißen Zähne und wies auf die ruhig, in einer Ecke kauernden Kleinen, „allein hiuüberznfinden." „Nun, ich werde mich nachher einmal im Krankenhause nach den Zweien erkundigen," erklärte Frau Schwarz aufbrechend. „Keine Ursache!" wehrte sie ab, als die junge Frau heiße Dankesworte stammelte, „hoffentlich können wir Ihnen morgen Günstiges berichten. Eilte Besserung, Frau Epstein, für heute haben wir genug gesprochen, Adieu, Frau „Goldberg!" half die Andere ein. „Hier, Rosa." sie rief das kleine Mädchen heran, „ninur^s Kind, ich begleite die Herrschaften hinaus" — — „Gnädige Frau", flüsterte sie, draußell augelangt, „der Mann und das Kind der Liba fiub heut früh gestorben." — Die drei Frauen blickten sie erschreckt all. Sie llickte still vor sich hin, wie Jemand, der soviel Schweres schon erlebte, daß neue Schicksalsschläge ihn bereits gewaffuet finden. — „Für den Jakob ist/s wirklich am besten so. Wer in den letzten Wochen erfahren hat, wie es ist, gehetzt zu werden, wie ein Thier, das llirgends hillgehört, der gönnt Jederu, der davon gehen darf, die Erlösung. Außerdem aber, was hätte der Mann, zart uild scheu, wie er mit seinen zweiruldzwanzig Jahren war, drüben allfangeil sollell? An der erstell Straßenecke wäre er verhungert und Frarl und Kinder neben ihm!... Nun, die Mirjalll hat er mit sich genommen, und die Liba", — ihre Stimme wurde unsicher, -- „läßt ihn wohl auch nicht lange allein. Aber die Damell habeu's selbst gesehen, wie sie mit ihrem ganzen Denken an den Beiden hängt. Sie ahnt nicht, daß sie ftevben muß, und darum möchte ich ihr die Nachricht gern verschweigen mrd ihr den letzten, großen Schnlerz erspareil." „Sie sind eine brave Frau," sagte Frail Schwarz erschüttert. „Das läßt sich doch sicherlich auch durchführen." „Ich denke. Wenn ich nur bis zum Ellde bei ihr bleiben darf! Aber, wenn das Schiff geht, müssen wir mit," sellfzte sie. „Dann rlehlnen Alldere sich Ihrer Freundin an, das verspreche ich Ihnen!" — War das in der That Helene Wagner, die hastig, ehe eine der beiden anderen Zllhörerinnen etwas antworten konnte, gesprochen hatte, und deren Hand jetzt warm von Sophie gedrückt lvurde? Dalin sagte die ältere Dame: „Meille liebe Frau, vor übermorgen fährt das Schiff keinenfalls. Ulld ich glaube, bis dahin sind Sie der Sorge für die arme Liba ledig. Wer so Viele schon scheiden sah wie ich, der weiß, daß das Ende hier nicht mehr fern ist." „Man darf ihr's ja nur wünschen!" erwiederte die junge Russin traurig. „Wir sehen jedenfalls rnorgen lvieder nach Ihnen." Damit nickte sie Frau Goldberg Abschiednehinend freundlich zu und kletterte, von ihren Begleiterinnen gefolgt, die hühnerstiegenartige Treppe langsam hinab. Unten angelallgt fragte sie: „Kommen Sie Beide noch weiter mit? Ich gehe nach den: Massenquartier am Hafen! Hier ist ja nur untergebracht, was dort keinen Platz mehr fand. Nicht? Nun, es ist anl Ende ebenso richtig; die Mama möchte äirgstlich werden, lvenn Sie so lange ausbleiben. Auch war es für Frau Helene vielleicht ohnehin scholl zu viel." „Zu viel nicht, aber es ist etwas Schreckliches um ben Allblick voll so großem Unglück," antwortete Jene mit einer Stinlme, die von unterdrückter Erregung bebte. „Was haben sie gethall, jene Unschuldigell, daß man ihnen nahm, was Niemand ihnen wiedergeben kann, das Vaterland'."