Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- Seite 514 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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514 In Ungarn arbeiten für die gesellschaftliche und nationale Emanzipation der Juden die Gebrüder Kunewalder in Pest. Ignaz Einhorn, der als Staatssekretär Eduard Horn 1875 verstarb, regte bei Löw die Begründung einer Zeitschrift an und ist der Ansicht, daß die Juden neben nationaler Gesinnnngund Bildung auch nach deutscher Wissenschaft streben mögen lC. 15). Gegen die Nagy-Mihalyer Rabbinerversammlung, welche gegen die Emanzipation der Juden Schritte unternimmt (1865) forderte Fasse! Löw auf, mit einer Petition in der Kammer einznschreiten (C. 73). Wegen der Gleichstellung der Juden bei Gericht wurde Löw mit einem Gutachten über den Eid von der ungarischen Regierung betraut (1867). Jellinek fordert nun Löw auf, jeden konfessionellen Unterschied in der Formel und in dein Ceremoniell der Eide zurückzuweisen (C. 79). Hillsichtlich der Reformbestrebullgen im Judenthnme 'meinte M. Heß, er könne solche Reformen nicht billigell, welche den schöpferischell Geist des Jildenthnms nicht in der Natnrlage des Volkes, sondern in der allgenieinen Vernunft suchen (C. 54). Der sel. Zacharias Frankel null illlterscheidet z. B. in der Orgelfrage zwischen objektiven Grüiideli und subjektiven Gefühlerr. ist abkr prinzipiell für die Benutzung der Orgel an Sabbathen und Festen (C. 16). Der FührlNlg Frankels in der Rabbinerversanimliiiig (1846) möchte Fasset sich wohl auvertralieri. Geiger aber hält Fasset für einen „destruktiven Reformer" (C. 19). Gleichwohl spricht Terenbourg in Paris sich sehr anerkenuend über Geiger's „Urschrift" aus. wenn er auch Einzelnes in diesem bahnbrechenden Buche tadelt (C. 78). Derselbe spricht auch ein sehr beherzigenswerlhes Wort aus: die Wissenschaft gewinnt nichts dabei, wenn die Gelehrten sich zanken aber die Gelehrten verlieren viel dabei in der Achtung des Publikums (C. 75). Philippsons Verdienste um beu Litteraturverein lverdeli allseitig alierkaiint (C. 66). Was die Stellung der Rabbiner anlangt, so belehrt über dieselbe Dr. Leopold Steili, der all der Spitze einer Erziehullgsanstalt sich liach deni Rabbinate nicht zurücksehnt (C 64). S. Holdheim legt bei der Berufung von Rabbinern Gewicht auf das Urtheil unpartei ischer Sachlind Fachkenner (C. 33). Professor Wessely tadelt, daß fremde Kräfte erprobten heimischen bei Rabbinerwahlen vorgezogeu luerben (C. 58). Dr. Moritz Rappaport aber schildert lebhaft die Männer, die im Lemberger Cafehause auf der Höhe der Zeit stehen und für und gegen den Prediger Stinunung machen (C. 59). Difficile est sutyram non scribere. Zum Schluffe mögen noch zwei Arbeiten Erwähnung finden, welche das Buch enthält. Unter Angabe von Quellen, welche vom Verfasser und Herausgeber gleich genau und gründlich erörtert werden, wird ein Entwurf synagogaler Alterthümer vorgeführt. Ferner beschäftigt sich das Buch mit einem historischen Abriß der Ordination, welche biblischen Ursprunges ist, sofern Jofua bereits von Moses fürs Lehramt geweiht ward. Durch R. Jehudah den Heiligen gewann die Ordination wieder Bedeutung und erstreckte sich in der talmudischen Zeit auf fünf Gebiete: Ritualien, Civilrecht, Gelübdeauflösung, Reinigungsgesetze und Thierschau. Mit dem Abschluß des Talmuds durch R'bina und RMsche erlischt die Ordination, welche aber in der Neuzeit (Joreh Deah 342,14 Glosse von Jsserles) durch Ertheilung des Morenu- Diploms substituirt wird. War auch mit der Ordination nicht die Ermächtigung ertheilt, gottesdienstliche Vorträge zu halten. so wurde es dennoch herrschende Sitte, daß nur verordnete Schriftgelehrte (Geistliche) als öffentliche Prediger auftraten. (C. 91). Das Werk, welches mit dem fünften Bande abschließt, ist eine Fundgrube theologischer Gelehrsamkeit, welches dem unvergeßlichen genialen Verfasser sowohl, als auch dem gelehrten Herausgeber, dem Sohne und Amtsnachfolger desselben, zu unvergänglichen Ruhme gereicht. EUILLETON Vre Rettung. (Sine Hamburger Auswanderergeschichte von Paula Fab er. IV. fie Leidende, an deren Lager die drei Frauen nunmehr traten, und die zwei tiefeingesunkene, fieberglühende, dunkle Augen auf die Eintretenden heftete, sah freilich kaum aus, als werde sie dieser Fürsorge noch lange bedürfen. Die auf der Bettdecke liegenden Hände waren bis auf die Knochen abgemagert, und das Gesicht trug bereits vollständig den bekannten hippokratischen Zug. Dabei war sie offenbar noch blutjung. Neben ihrem Lager saß eine ebenfalls noch jugendliche Frau, die sich beim Eintritt der Besucherinnen hastig erhob und zwei dunkelhaarige, sich an ihre Nvcksalten klammernde, noch kaum fest auf den Füßen stehende Bübchen mit den Worten: „Geht zur Rosa, Kinder," sanft zu dem kleinen Mädchen hiuüberschob. „Da sind ja die guten Damen," sagte sie dann, sich über die Kralcke beugend, „nun erzählls ihnen selbst, Liba, wie es Dir geht und wie wohl Dir all die schöner! Sachen thnn, die man Dir schickt." lieber die Züge der Kranken glitt ein schattenhaftes Lächeln. Als Frau Schwarz sie hierauf nach ihrem Befinden fragte, antwortete sie sehr leise, aber in feinerem und dialektfreierem Deutsch als die mersten ihrer Leidensgefährten: „Danke, besser, aber mein Mann und meirre Mirjam?" — — „Das fragt sie immerfort," unterbrach ihre Frerkndin sie rasch, „und wir haben's ihr alle schon so oft heute gesagt, daß es ihnen gut geht, daß aber solche böse Halskrankheit ihre Zeit ausdauern muß." „Ja, aber," sie suchte dankbar die Hand der Anderen zu fassen, „werden sie auch ebenso treu gepflegt wie ich?" „Sicherlich, Frau Epstein, sicherlich," beruhigte sie Frau Schwarz, „das hiesige Krankenhaus ist für seine gewissenhafte Pflege allgemein bekannt. Darum sorgen Sie sich nicht. Was macht denn die Kleine?" Wieder versuchte Liba Epstein ein mattes Lächeln und machte dann ihrer Freundin ein Zeichen, worauf diese ein soeben aus dem Schlaf erwachendes Kind aus einem mit Kissen gefüllten Korbe aufnahm. „O, das gedeiht prächtig," sagte sie dabei. Sie wollte es der jungen Mutter hinüberreichen, behielt es dann aber selbst im Arm, „bei der reichlichen Milch, die uns die guten Herrschaften schicken, muß es ja zunehmen. Und so seines Zeug haben wir fürs Kindchen bekommen, ich fag's der Liba immer, ausschauen wird's wie eine