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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-26 · Heft 43 (26.10.1900) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 43 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
Seite 512 (sequence 10)
Language
German
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512 Vom Bahnhof ging ich über beu Pueute de SUcäntava eine mm den Mauren erbauten großen Steinbrücke, die mit zwei ungleichen hochgespannten Bogen (al Cantara — Brücke) den Tajo überschreitet. Hier genießt man eine herrliche Aufsicht auf das tief eingegrabene Tajothal. Da fiel mein Blick auf eine alte maurische Ruine „Palacio de Galiana" genannt. Der sagenumwobene König Gal-afre soll den Palast für seine Tochter „Galiana" — die mythische Geliebte Karls des Großen haben erbauen lassen. In zehn Minuten erreicht man die alte Puerto del Sol iSonnenthor), ein um 1100 errichtetes Bauwerk im Mudejarstil mit Hufeisenbogen. Unweit davon ist die Plaza de Zoco-dover Zoco — -pw Markt). Hier herrscht namentlich in den Morgenstunden und insbesondere an Markttagen ein farbenreiches Leben. In den Arkaden ringsum sind viele Läden, in welchen die Toledaner Spezialitäten die Hauptrolle spielen. Durch die Cuesta del A. kam ich zu dem weltberühmten Alcüzar, der auf dem höchsten Punkte der Stadt liegt. Ursprünglich ein römisches Kastell, in welchem die Westgothen hausten, diente es nach der Eroberung der Stadt (1085) dem Cid als Statthalter-Residenz. Bon den „Reyes catolicos" wurde er zum Palast umgewandelt und von Karl V. und Philipp II. im Renaissancestil ausgeschmückt. Ueber dem Eingangsthor ist ein großer österreichischer Doppeladler in Stein gehauen; darunter steht: Carolus V. Hex. MDLXI. In den Jahren 1710, 1810 und 1887 ist der Alcüzar zum Theil durch Feuer zerstört worden; jetzt ist er in Restauration. Seine weitläufigen Räume dienen einer Kadettenschule. Am bemerkenswerthesteu ist der große Patio (Lichthof) mit doppelten korinthischen Säulenarkaden. Ich setzte meinen Gang durch die engen, gewundenen Straßen fort. Die hohen Häuser sind nach der Straße zu fast fensterlos, und im Gegensatz zu dem heiteren Sevilla mit schweren, eisenbeschlagenen Thüren und Thoren verschlossen. Nach innen öffnen sie sich nach dem Lichthof. Der maurische Charakter der Anlage der Stadt ist durch die christliche Kultur in den Hintergrund gedrängt worden, indem die reich dotirte und allmächtige Kirche fast die halbe Stadt durch Errichtung von Klöstern, Kollegien, Kirchen und Hospitälern in Beschlag nahm. Die bedeutendste Schöpfung des christlichen Zeitalters ist die im nvrdfranzösisch-frühgothischen Stil von 1227—1493 errichtete Kathedrale, eine der schönsten und berühmtesten Kirchen Spaniens. Bon den großartigen Schönheiten und interessantesten Details derselben führe ich nur an: dieBronzethüren, die Glasgemälde, die Capilla major mit ihrem Handschriftenschatz, auf den ich später noch zu sprechen komme, der Coro, die Silleria, die Sala Capitular, die Capilla San Jldefonsv und Santiago, die Capilla de Rehes nuevos, der Domschatz mit der berühmten Custodia von Enrique de Arphe 1524 für den Kardinal Jimenez gebaut. Dieselbe ist aus gediegenem Silber, 3 Meter hoch und 172 Kilogramm schwer, mit 260 Statuetten aus vergoldetem Silber. Die 2 Kilogramm schwere Monstranz in derselben ist aus dem Golde gearbeitet, das Columbus von seiner ersten Amerikareise mitgebracht hat. Ein Mantel der Jungfrau Maria (Virgen del Sagrario) wird hier aufbewahrt, der mit 12 000 Perlen besetzt ist. Gezählt habe ich sie nicht. In der Capilla major fand ich unter einem Bündel Inquisitions-Prozeßakten, die mir aus besonderer Vergünstigung gezeigt wurden, ein Aktenstück (f\ p. 57 —8) mit der Aufschrift: Carta de los Judios de Spana a los de Constantinopla. La sinagoga y Judios de Spafia a la sinagoge y Judios de Constan- I inopla. (Zu deutsch: Brief der Juden Spaniens an die von Konstautinopell Die Synagoge und die Juden Spaniens an die Synagoge und die Juden von Konstantinopel.) Der Brief, den ich mir kopirt habe, enthält eine Anfrage der spanischen Juden bei den Glaubensgenossen in Konstantinopel, was jene Angesichts der gestellten Alternative: Taufe oder Auswanderung thun sollen — sowie die Antwort aus Konstantinopel. Letztere ist so unglaublich, daß ich zu der festen Ueberzengung gelangte, daß wir es hier mit einer Fälschung, mit einem fabrizirten Beweisstück a la Drehfuß-Prozeß zu thun haben, um den Judenverbrennungen eine gesetzliche Unterlage zu schaffen — ad majorem Dei gloriam. Ich werde das Schriftstück demnächst im Original in einem besonderen Artikel veröffentlichen und einer Besprechung unterziehen. Der alte Weise hat Recht: HPötPn finn 2NN „Alles schon einmal dagewesen!" Beim Verlassen der Kathedrale, zu deren genauer Besichtigung Monate nöthig sind, fiel mir noch die Inschrift des Grundsteins auf. Sie lautet: En el ano 1492 a dos dias del mes de Enero tue tomada Granada cou todo su reino. Los reyes Don Fernando y l)oiia Isabel, siendo arzobispo de Toledo el fray Don Pedro Gonzalez de Mendoza. En este misino aiio en fin del mes de Jul io fueron eclmdos todos los judios de lodos los reinos de Castilla, Aragon y dos Sicilias. En el aiio siguento 1493 a fines de Julio fue acabada esta santa iglesia. (Zn deutsch: Im Jahre 1492 am 2. Tage des Monats Janua wurde Granada fammt seinem Königreiche erobert. Damals regierte Don Ferdinand und Donna Jsabella, und Bruder Pedro Gonyales de Mendoza war Erzbischof von Toledo. In demselben Jahre gegen Ende des Monats Juli wurden alle Juden aus den Königreichen Kastilien, Aragonien und beider Sicilien vertrieben. Im folgenden Jahre gegen Ende Juli wurde diese heilige Kirche im Bau beendigt.) Es hielt mich nicht länger. Ich ging in das Judenviertel (Juderia), dort wo unsere Glaubensgenossen lebten, liebten, sangen, seufzten und — zu Tode gemartert wurden. Doch darüber im nächsten Kapitel. Leopold Löw und seine Werke? Von Dr. S. Nascher. der Pforte des V. Theiles der gesammelten Schriften befindet sich das gelungene Bildniß Leopold Löws, dessen Werke und dessen Wirken in dem bibliographischen Theile des Buches und durch den schriftlichen Verkehr mit hervorragenden Zeit- und Amtsgenossen beleuchtet werden. Der V. Theil ist dem Andenken David Kaufmanns gewidmet. Der bibliographische Theil (S. 1—19) führt circa siebzig von dem seligen Oberrabbiner Leopold Löw (Szegedin) in hebräischer, ungarischer, deutscher und französischer Sprache verfaßte Abhandlungen, Aufsätze, Reden und Vorlesungen vor. h Gesammelte Schriften von Leopold Löw. Herausgegeben voll Immanuel Löw. V. Band. Szegedin. Verlag von Ludwig Engel. Vgl. „Mg. Zeit. d. Judeyth." Berlin 1893 und 1898 über Löw vou mir.

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