Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- Seite 511 (sequence 9)
- Language
- German
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511 würdige Assimilationskraft hat. Es ist eine alltägliche Erscheinung, nichtjüdischen Deutschen zu begegnen, deren Kinder kein Wort deutsch sprechen und auf alles Deutsche mit Verachtung herabsehen. Wir müssen ferner nicht vergessen, daß in der ganzen jüdischen Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts der Zug vorwaltet, daß die Juden sich der Sprache ihrer Umgebung anschließeu, was ja auch in Europa sehr zum Schaden der jüdischen Litteratur in letzterer Zeit mit den ungarischen und russischen Juden der Fall ist. Während in diesen Ländern aber das Deutsche von der großen Masse besser verstanden. wird als die Landessprache, ist das hier durchaus nicht der Fall, und Kanzel solvie Religiousschule bedürfen des Englischen ausschließlich. Allerdings sorgen jetzt zwei Rabbiuerbilduugsaustalteu für das Bedürfniß der Gemeinden vollständig; das Hebrew Union College in Cincinnati, das von etwa siebzig Studenten besucht lvird, und das fürorthodoxe Gemeinden arbeitende Tlieoiogioal Seminary in New- "Hork, das bisher finanziell noch auf schwachen Füßen steht. An die Orthodoxie der Kandidaten muß man freilich nicht den europäischen Maßstab anlegen. Manche von ihnell fuugiren in Gemeinden, deren Gebetlmch viel radikaler ist als das Geiger'sche. Der eigentliche Zweck, der von einigen der Gründer proklamirt wurde, nämlich den russischen Gemeinden Prediger zu geben, welche ihnen vertrauenswürdig sind, ist nicht erreicht worden. Wenn die russischen Gemeinden das Bedürfniß nach englischer Predigt entwickelt haben, haben sie auch die Scheu vor der Kultusreform abgelegt. Trotz dieses reichlichen Angebots an theologisch geschulten Predigern bitbeu sich einzelne junge Leute noch auf eigene Faust zu Rabbinern aus. Diesen soll durch beu Beschluß der Rabbinerkouferenz ein Komitee im Falle der Würdigkeit ein Mitgliedscertifikat ertheileu. Brief aus Toledo. Von L. Le v i-Stuttgart. L i der Estacion del Ferro-carril de Madrid a Zaragoza y Alicanle stand der Zug zur Abfahrt nach Toledo (j bereit. Ich schleuderte noch mit meinen Madrider- Freunden auf dem Perron des modern angelegten Bahnhofes umher und hörte mit steigendem Interesse den verheißungsvollen Informationen zu, die man mir zu der Wallfahrt nach dem alten Toledo mitgab. Es geht hier alles sehr gemächlich zu. Der Schaffner ladet höflich zum Einsteigen ein, und nachdem es wieder eine Weile gedauert, kriecht endlich der Treno zum Bahnhof hinaus in die weite Maucha. Die Landschaft bietet nichts besonderes. Von Zeit zu Zeit sieht nlan die laugen Fangarme einer Windmühle phantastischträge sich um ihre Axe drehen. Weidende Stiere glotzen gutmüthig den Bahnzug all und fressen bann mit philosophischer Ruhe weiter. Man sollte kaum glauben, daß dieselben Thiere in der Arena so viel „Temperamellt" elltwickeln könllen. Auf der Abzweigestatioll Algodor mußten wir in den aus Andalusien koulmenden Zug nmsteigen, der lllls liacl) einstündiger Fahrt durch die Montas de Toledo nach der ,,Mny noble | i eal y heroica ciudad de Toledo“ führte. Das ist! nämlich der stolze Titel der heute noch stolzen Metropole Nenkastiliens. („Sehr vornehme, treue und heldenhafte Stadt Toledo.") Einst die berühmte Residenz der kastilischell Könige mit 200 000 Einwohnern, ist sie jetzt herabgesunken zur stillen, abseits vom Weltverkehr gelegenen Proviuzhauptstadt mit kaum 20 000 Einwohllern. Für den Archäologen und Historiker ist sie freilich heute noch die Hauptstadt Spaniens, ein Riesenmnseum altspanischer Architekturgeschichte. Da liegt sie, die wllnderbare Stadt, auf einer majestätischen Granithöhe, die der Tajo („Durchbrecher") halbinselartig alls denl Gebirge herallsgeschnitten hat. Wie Jerusalem ist Toledo von drei Seitell mit tiefen Schluchten umgeben; nur nach Norden hängt es mit der Hochebene zllsanlillen. Von da her drangen auch die Eroberer Nller Zeitell in das „spanische Nom" ein uild lösten sich in der Beherrschung von Stadt unb Provinz im Laufe der zioei Jahrtallsende unlfassenden Geschichte derselben ab: Iberer, Römer, Gothen, Mauren und Kastilier — sie alle haben der Gegenwart die interessantesten Denkmäler ihres Kulturlebens hinterlassen, die in stummer, aber beredter Sprache von Große, Macht, Erhabenheit uub — Vergänglichkeit erzählen. Schon ums Jahr 200 v. Ehr. eroberteil die Römer das feste Toletum; aber erst in der Westgothen;eit (567 — 712) lvurde Toletum der Mittelpullkt der politischen und kirchlichen Macht ill Spanien. Die Maurenherrschaft (712 -1085) hingegen gab der Stadt ihr bis zum heutigell Tage erhaltenes Gepräge. Sie gelangte zur hohen Blüthe und 51t bemerkenswerthem Wohlstand. Die Kunst ulld der Fleiß der Araber ulld Juden schufen besondereJndustriezweige (Waffen, Seide, Emailarbeiten), die im Kunstgewerbe typisch gebüeben sind. Juden und Christen lvurdell von ihren maurischell Beherrschern mit in das Kunst- Leben hilleillgezogen; in der Ausübung ihres Glaubens waren sie völlig unbehindert — ein krasser Gegensatz zu dem Verhalten der Kirche, als diese zlrr Macht und Herrschaft gelaugte. Am 25. Mai 1085 hielt Alfonso VI. von Kastilien seinem Eillzug (Cid) und verlegte zwei Jahre später feine Residenz von Vurgos nach Toledo. Trotz der christlichen Elnwanderung behauptete die arabische Kultur ihre Ueberlegenheit. Der maurische Ballstil blieb der herrschende, und die arabische Sprache blieb neben der spanischen im Gebrallch, bis erstere 1580 verboten wurde. Die Erzbischöfe von Toledo waren die souveränen Machthaber, die Rodrigos, Fonseeas, Mendozas. Jimelles ll. A. Die jährlichen Eillküilfte betrugen über 3 Millionen Mark — 158 Geistliche bildeten ben Hofstaat. Von den Juden wurde eine Kopfsteuer erhobell neben anderen Lizenzen und Kultusabgaben, die in die erzbischöfliche Kasse flössen. Die Erlaubuiß zur Errichtung einer Synagoge mußte mit schweren Opfern erkauft werden. Jir der Manuskripteusanunlnug im Madrider neuen Museum fand ich kürzlich mehrere Handschriften, die sich mit diesen Steuerfragen beschäftigen, bavnnteu ein vollständiges Verzeichniß der Ortschaften des Erzbisthunls Toledo, in welchen Inden wohnten, mit gellauer Angabe der Personalstellerhöhe. Ich behalte mir vor, auf diese interessallten Urkunden, die alls den Jahren 1290—1293 stammen, in einem besonderen Artikel zurüüzukommen, da dieselben auch auf die jüdische Bevölkeruugszahl einen sicheren Rückschluß zulassen. Als ich gestern wieder in ben vergilbten Akten blätterte, da hielt es mich nicht länger in dem Manuskriptensaal. Ich klappte meine Mappe zu, übergab sie dem gefälligen Dieiler zur Aufbewahrung und eilte heute hierher nach Toledo.