Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- Seite 510 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Am Nachmittag bis? inerten Juli hielt H. G. Ellelow aus Paducoch, Keutuckv, einen Vortrag über Synoden, und am Morgen des 5. Dr. Nndvtf Groszmann aus New-Hork über beit Rabbiner als Gelehrten. Der Nachmittag war dein Vergnügen gewidmet. Ein lokales Komitee, das sich Zinn Empfange der Gäste gebildet hatte, führte die Besucher theils zu Boot, theils auf elektrischen Eisenbahnen nach den in der Nähe von Buffalo gelegenen Fällen oes Niagara. Am Freitag, den 6. d. M., nmvbe in einer verlängerten Vormittagssitzung das Geschäftliche erledigt, am Abend hielt Rabbiner Charles S. Levi aus Peoria, Illinois, eine Rede über die Nothwendigkeit der Theilnahme an Rabbinerkonferenzeu, und am Samstag Morgen predigte Dr. Emil G. Hirsch ans Chieago über II. Könige 2, 19—22. Nachdem ich so die Geschäfte der Versammlung skizzirt habe, rvill ich die Ereignisse nach ihrer zeitgeschichtlichen Bedeutung näher besprechen. Die diesjährige Versammlung lvar die wichtigste in der Geschichte der im Jahre 1889 gegründeten Vereinigung, beim sie sollte über die Lebensfähigkeit des Verbandes entscheiden, und die Entscheidung — das wollen wir gleich konstatiren — ist unzweifelhaft im bejahenden Sinne ausgefallen. In der That ist die amerikanische Rabbiuerversammlung ein erfreulicher Beweis der Lebensfähigkeit des Judenthums in freiheitlicher Atmosphäre. Was die Fürsorge weiser Regierungeil mit der Einrichtung voll Landes- und Kreisrabbinaten, mit Vorschriften über das Mizwoth-Verkaufen und über die „Massechte", lvelche der Rabbiner dem Unterrichte zu Grlmde legen sollte, llicht vermochten, was auch der freie Znsanunellschluß der hervorragendsten delltschen Rabbiner in den vierziger Jahren llicht zll leisten vermochte, ist hier denn Genius eilies Mannes, der eine seltene organisatorische Kraft besaß, gelungen. Jill Jahre 1855 trat eine Versammlung in Cleveland zusammen, die eine gesetzgeberische Synode errichten ivollte. Jill Jahre 1869 kam eine von welligen, aber geistig bedenterlde'.l Rabbinerll besuchte Versammlung in Philadelphia zu Stande. Im Jahre 1885 trat eine neue Rabbinerversammlung in Pittsbirrg zusalmnen. Keine erhielt sich als Institution, bis iln Jahre 1889 eine voll Jsaac M. Wise nach Detroit einbernfene Versalnmlling sich als Central - Conference of Aine-iean Rabbis konstitnirte und Jahr für Jahr an Ulnfang uiid Autorität gewalili. Sie ist. den thalsächlichen Verhältnissen des Judenthmlis eiltsprechelld, eine freie Versammlung gleichgesinllter Männer, die. ohne einen Gehorsam zu erzwingen, ans ihrer Zusammensetzung Bedeutung gewonnen hat. Tie diesjährige Botschaft des Präsidelltell enthielt eine Reihe wichtiger Winke, von betten freilich manche nicht zu Thatsachen ungeformt iverden dürsten. Dr. Silvennan empfiehlt eine theologische Sommerschule, einen Ferialkurs, wie ihn in Amerika jede bebentenbere ''Anstalt hat. Für weitere Kreise hat Dr. Berkowitz in Philadelphia vor einigen Jahren den Chautaugua-Kurs ins Leben gerufen, der seine Sitzungell alljährlich einmal in denl Badeorte Atlantic City hält. Auch dieser Kurs wird sich erst feinen dauernden Platz erkämpfen müssell. Die alten Chewras, die sich zum Studium von Raschi, Midrasch, Talmud oder der liturgischen Kodices gebildet hatten, sind geschwunden; der Ersatz dafür hat sich noch nicht eillgebürgert. Jll linserenl Falle handelt es sich tun ein Mehr, um eine Modernisirung der babylonischen „Kallah", welln wir darüber gilt ullterrichtet silld. Man rvill Rabbinern Gelegeilheit zur Fortbildllug geben. Eill Beschluß der Versanlmluug hat ein Komitee zur weiteren Berathuug eingesetzt. Prophezeieil ist eine schlvierige Sache, wenn lnau dabei nicht auf höhere Eingebung rechlien kann, aber leicht lösbar ist die Aufgabe llicht, denll Mittel stehen zll diesem Zwecke llicht zu Gebote, das Lalld ist so groß, daß eine derartige Schule sich llirgeuds bequem placiren ließe; der Eille brallcht seine Ferien zur Erholung, der zweite kalln llicht abkolnulell und der Dritte geht nach Ellropa, llud wenn man die Allzahl der in Betracht komnlelldell Interessenten dllrch vier dividiren muß, lvird sie feine imposante Zahl geben. Eiile alidere Empfehlung war die Gründllllg einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Auch dieses Projekt ist schon dagelvesell. Der verstorbelle Lilienthal gab eine kurzlebige Hebrevv Review heraus, die ihn trotz ihres kllrzen Daseills schlvere Opfer kostete. Man beschloß mit einem leistungsfähigen Verlagshause ill Verbindung zu treten, um die Möglichkeit zu prüfen. Praktisch wird sich dieser Vorschlag auch nicht leicht durchführen lassen, delln das Jllteresse des Publikulus wendet sich litterarischen Dingen, ulld besollders so schlvereln Geschütze, lvie es eine wlsseuschasttiche Vierteljahrsschrift bieten müßte, nicht leicht zu. Wenll wir llus selber die Wahrheit sagen lvollen, — unb waruul solltell wir dazll nicht den Muth haben? - muffen wir cingestehen daß das Interesse der Judeuheit der gesellschaftlichen lmd huulanitären Seite des Judellthums, aber nicht der dogmatischen oder auch liur geistigell sich zlrwelldet. Das lleue jüdische Hospitalgebäude ill Nelv-^ork lvird einett Auswand von — sagen wir es lieber in deutscher Neichswähruug — sechs Millionen Mark erfordern. Der Betrag ist in der Stadt New-Hork gezeichllet; hingegell lvird es lovhl noch eine gerallme Weile dauern, bis die 590000 Dollars gezeichnet fein werden, die das ganze Land zum Alldenken an Jsaac M. Wise als eisernen Fonds für das von ihul gegründete Ilebrew Union College ausbringeu soll. Berechnet Ulan das Ertrügniß eüies solchen Kapitals auf 25 000 Dollars, so kann man ohne lveiteres allilehmen, daß jeder der jüdischen Klubs in einer amerikanischen Großstadt ein höheres Jahresbudget hat. Die eillzige Möglichkeit der Durchführuilg eines solchen Projekts ist die finanzielle Unterstützung durch die Rabbinerversammlnng oder dllrch einen Mären. Eine sehr lvichtige Frage war die der Diplomirung voll Rabbinern, die keine regelrechten Studien gemacht habell. Bis jetzt herrscht darin hüben wie drübell große Willkür. Die ältesten Rabbilier des Lalldes waren Chasaninl und Lehrer, die es verstanden, eine englische Arlsprache zu halten. Die Gerechtigkeit erfordert es, zuzugestehen, daß sich ullter ihnell tüchtige, bildullgseifrige Elemellte befanden, die denl jungen, aufstrebenden Gemeilldeleben des Landes vorzügliche Dienste leisteten. Dann kamen seit den vierziger Jahren einzelne fachlich geschulte Rabbiner, unter denen der im Jahre 1845 herübergekommene Dr. Max Lilienthal der erste gewesen fein dürfte. Natürlich lvar auf Jahre hinaus das Bedürflliß viel größer als das Angebot, und es waren oft die abenteuerlichstell Elemente, die sich dem Predigtdienste widmeten. Eine Aenderung ergab sich aus denl Bedürfnisse llach englisch sprechenden Predigern, das mit der Heranwachsenden eingeborenen Generation zullahm. Ein großer Theil dieses Bedürfnisses war allerdings künstlich gemacht. Leute, die das Englische in einer jedes Sprachgefühl verletzenden Weise radebrechen, silld mitunter die wüthendsten Nativisten und die Anwälte der, wie lnau in häßlicher Tautologie sich ausdrückt, native born Americans. Andererseits läßt sich nicht leugnen, daß das Land eine merk-