Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- Seite 506 (sequence 4)
- Language
- German
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506 Wohlbefinden wird sogar als Lohn der guten That versprochen." Das Christenthum dagegen habe die sittliche Forderung vertieft und verschärft. „Verkaufe alles, ums du hast und gieb es den Armen", „selig sind, die da Leid tragen," — das klingt anders als das jüdische „auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebest aus Erden." Wie kann man nur ein so einfaches Schriftwort so arg mißdeuten! Giebt es ja kau::: etwas feineres und sinnigeres als diesen Zusatz: „auf daß es dir wohl ergehe und bu lange lebest auf Erden." Denn dieser Zusatz verspricht keinen Lohn und ist auch nicht all den Ei nzeluen gerichtet; er ergeht an die Gesannntheit Israels, die hier, wie überall, mit du angeredet wird, und gerade vom Standpunkte der höchsten Sittlichkeit muß es hervorgehoben werden, daß das Gemeinschaftsleben keinen Bestand hat, wen:: es sich nicht auf dem Boden der Sittlichkeit erhebt. Das Ideal des Judenthums soll für Jeden leicht erreichbar sein? Wir möchten den sehen, der die Forderung erfüllell kann, die Leviticus 18, 1, an der Spitze einer Gesetzesgruppe steht: „Heilig sollt ihr fein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott." Da hat doch Adolf Harnak — der freilich ein Gelehrter ist — in seinem Buche „Das Wesen des Christenthums" Seite 30 ff. anders über das Sittlichkeitsideal des Judenthums geurtheilt Er sagt da nämlich in Bezug auf die Frage nach dem Neuen in der Religion des Christenthums das Folgende: „Der Monotheismus war längst aufgerichtet, und die wenigen möglichen Typen monotheistischer Frömmigkeit waren längst hier und dort, in ganzen Schulen, ja in einem Volke, in die Erscheinung getreten. Kann der kraftvolle und tiefe religiöse Individualismus jenes Psalmisten lroch übertroffen werden, der da bekannt hat: „Herr, wenn ich dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde"? Kann das Wort Micha's überboten werden : „Es ist dir gesagt, Mensch, loas gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort Halter: (sic!) und Liebe üben und demüthig sein vor deinem Gott"? Jahrhunderte waren bereits verflossen, seitdem diese Worte gesprochen waren. Also — „was wollt ihr mit eurem Christus?" wenden urrs rramentlich jüdische Gelehrte ein; „er hat nichts neues gebracht." Ich antworte hierauf mit Wellhausen: Gewiß, das, was Jesus verkündet, rvas Johannes vor ihm in seiner Büßpredigt ausgesprochen hat, das war auch bei der: Propheten, das war sogar in der jüdischerr Ueberlieferung seiner Zeit zu firrden. Selbst die Pharisäer hatten es; aber sie hatten leider noch sehr viel anderes daneben. Es war bei ihnen beschwert, getrübt, verzerrt, unwirksam gemacht und um feinen Ernst gebracht durch taufenb Dinge, die sie auch für Religion hielten und so wichtig nahmen wie die Barmherzigkeit und das Gericht. Alles ftanb bei ihnen auf einer Fläche, alles war in ein Gewebe gewoben, das Gute und Heilige nur ein Einschlag in einen breiten irdischen Zettel." Nun ist das Letztere zwar auch nicht wahr, denn es heißt im jer. Talmud, Traktat Pea und im babyl. Talmud Baba b. 9a. mxen bs D’biptr mi „Liebe und Barmherzigkeit wiegen das ganze Gesetz auf." Indessen braucht ei:: Prosessor der christlichen Theologie mit der Verherrlichung des Christenlhums nicht zurückzuhalten, bis er von jedem Ausspruche des Talmud Kenntnis; genommen hat. Von einem Inder: aber hätter: wir doch erwartet, daß er sich zuvor informire, wenn er es wagen will, über das jüdische Sittengesetz öffentlich zu reder: und dem „Reformjudenthun:" zuznrufen, daß alle seine Bemühungen für die Modernisirung der religiösen Praxis vergeblich feien, weil es nicht „mit der Vertiefung des Sittengesetzes" begonnen habe. Herr Benedictus Levita thut zwar so, als ob er über das Judenthum etrvas gelesen habe. So sagt er von der vielbändigen Grütze scher: Geschichte der Juden, „daß in ihr die Geschichte Jesu, drrrch die das jüdische Volk erst zu weltgeschichtlicher Bedeutung gelangt ist, mit zwei Zeilen abgethan rverde." Aber diese Aeußerung, die er wahrscheinlich in irgend einer antisemitischen Schrift aufgelesen, zeigt wiede.rnrn die Leichtfertigkeit eines Umvissenden. Dem: der ganze dritte Band der Grätzffchen Geschichte ist eigerrtlich eine Darstellung des Zeitalters des Christenthums, und in dem 11. Kapitel wird vor: Seite 216—253 das Auftreter: und Wirken von Johannes und Jesus bis zur Entstehung der christlicher: Urgemeinde eir:geher:d geschildert. Aber Herr Berredietus Levita, der auf Grund der eben gekennzeichneter: Ausführungen mit Emphase ausruft: „Juden sind wir nicht mehr!" ist auch mit dem Christenthum nicht zufrieden. Wir erwähnter: bereits, daß ihn hier das Dogma ärgert; denn darin ist er eben Stockjude, der sich nichts wegdrehen und wegdeuteln läßt. Hier erirmert er sich auch seiner Väter, die für der: Glauben an den einig-einzigen Gott ihr Blut vergossen haben, und deren Beispiel noch heute Nachahmung färrde, wenn man uns vor dem Kreuze.niederzuknieen zwinger: wollte. Da inbeffen die gegenwärtigen Machthaber gelindere Zwangsmittel anwenden, so sinnt er auf einen Ausgleich. Den Katholizismus freilich muß er verwerfen, der gilt ihm nicht als Christenthum, aber wenn man im Protestantismus ein „undogmatisches Christenthum" lehre:: und Verkünder: rvürde, so wäre:: auch er und seinesgleichen dafür zu haben. Leider sei dazu wenig Aussicht vorhanden, und da Herr Benedictus Levita behauptet, daß er nicht bekennen kan::, was er nicht zu glaube:: vermag, daß ihm „das Wort in der Kehle erstürbe", wenn er an die Stelle käme: „und an seinen eingeborenen Sohn", so waren wir recht begierig zu erfahren, wie die von ihm angekündigte „Erlösung des Jndenthums" zu Staude komiuen sollte. Wie groß :var aber unser Erstaunen, als wir gleich au der anderen Seite die Lösung des Problems in den: Schlußsätze fanden: „Unsere Kinder werden Christen." Also dazu die lange Auseinandersetzung? Wo steckt da die Logik: Warum ist „das Blatt Papier" — damit meint er das christliche Bekenntnis; — das ihn am Uebertritte hindert, für die Kinde: nicht vorhanden? Haben sie ein anderes Gehirn als ihn Väter, oder soll es ihnen durch die christliche Erziehung gründlich nn:gestaltet werden? Und wo bleibt die vielgepriesene Sittlichkeit? Eine Religion, die ihm selbst in dem wichtigsten Punkte, in der Gotteslehre, ein „Gräuel" (S. 38, Z. 22 v. o.) ist, diese Religion hält er für gut genug für seine Kinder? Vielleicht, weil sie als ahnungslose Kinder nicht widerstreben können? Aber warum erinnert er sich hier nicht an die Väter, die für den Einig-Einzigen ihr Blut in Strömen vergossen haben, um diesen Glauben auf ihre Kinder zu verpflanzen? Es ist der reinste Materialismus, der hier gepredigt wird. Der