Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 43. Allgemeine Berlin, 26. Oktober I960. eitung des Audenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. I Redacleur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr. LuLwig Philippson-Bonn. Veriags-Trpedition: Gerlin, Jervfalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. 3ltl)(llt» Leitartikel: Die Erlösung des Judenthums? Eine Erwidei i.imö von Dr. S. Maybaum. — Die Woche. — Für die Landwirthschaft.! rlon L. Katz-Nybuik. — Aus dem amerikanischen Israel. III. Von Prof, j Dr. G. Deutsch. — Brief aus Toledo. I. Von L. Levi-Stuttgart. — Lev-! pold Low und seine. Werke. Von Dr. S. Naschvr. — Feuilleton: Die Rettung. IV. Eine Hamburger Auswqnderergeschichte von Paul a Fab er. — Litterariiche Mittheilungeu. — Sprechsaal. — Briefkasten. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Rachriillten: Berlin, Lhorn, Könitz, Schwersenz, Braunschweig, Wesel. Nürnberg, Wien. — Bon Ratz und Fern. — Miseellen. Nie Erlösung des Judenthums? Eine Erwiderung von Dr. S. Map bau in. Berlin, 25. Oktober. (cp\£7eld)e Verwüstung durch die gegenwärtige Judenpolitik in den Köpfen und Herzen nicht weniger Juden - 0 unseres Vaterlandes angerichtet wurde, zeigt ein Artikel in den „Preußischen Jahrbüchern" vom Oktober d. I., „Die Erlösung des Judenthums" betitelt, und von einem Juden unter dem Pseudonym BenedictusLevita geschrieben, der sich selbst als den Sprecher jener „reifen, ja überreifen" Schichten bezeichnet, „die, religiös und national vom Judenthum losgelöst, in ihm nur eiue schwere, unnütze Last sehen und nichts wünschen, als unterzusinken im Strome deutschen Volksthums." Die Kundgebung wimmelt von unglaublichen Widersprüchen, die eben zeigen, daß in beu bezeichnten .Schichten" wenigstens in Bezug auf die Judenfrage nicht blos der Intellekt, sondern auch schon der Charakter Schaden gelitten hat. Herr Benedictas Levita schildert die „Ungerechtigkeiten" der Verwaltung und die „Vorurtheile" der Gesellschaft und kennzeichnet die gegenwärtige Sachlage dahin, daß der Jude, um die volle Gleichberechtigung zu erlangen, sich erst durch die Taufe als „charakterloser Lump" erwiesen haben muß. Trotzdem steht er selbst so stark unter dem Eindrücke dieser Ungerechtigkeiten" und „Vorurtheile", daß er, anstatt gegen sie crnzukämpfen, das Kunststück fertig bringt, sie für ein Stück des deutsch-nationalen Lebens zu erklären und zu entschuldigen. Weil der Deutsche, wie Benedictus Levita meint, ohne Sonntag, Weihnachts-, Oster- und Pfingstfest nicht gedacht werden kann, jo ist^er berechtigt, Jeden, der diese Tage nicht feiert, also auch dem Juden, als außerhalb des Deutschthums stehend zu bezeichnen. Aber diese Tage und Feste werden ja auch von anderen Nationen gefeiert, sie können daher nicht zum Wesen des Deutschthums gehören. In der That, wir Juden sind und fühlen uns als Deutsche, wenn wir auch andere religiöse Feste feiern. Es lväre schlimm, wenn die glücklich überwundene Glaubenseinheit wiederum zur Grundlage des Staats- und Volkslebens gemacht werden sollte; die grausamsten religiösen Verfolgungen wären damit gerechtfertigt und würden sofort Wiederaufleben. Nein, die Vers chiedenheit der Religion kann kein trennendes Moment bilden zwischen der! einzelnen Gruppen des deutschen Volkes. Herrn Benedictus Levita freilich gilt die jüdische Religion dennoch für ein Trennendes. Zunächst, weil das „thörrchte gesellschaftliche Borurtheil" sie dafür hält, sodann aber auch, weil der Vergleich, den er zwischen Judenthum und Christenthum anstellt, zu Gunsten des letzteren ausschlägt. Zwar in Bezug auf die Dogmatik verdiene das Judenthum den Vorzug, nicht aber in Bezug auf die religiösen Erinnerungen, welche seine Feste feiern, und nicht auch im Hinblick auf das sittliche Ideal. Die religiösen Erinnerungen der jüdischen Feste seien durchweg national, sagt Benedictus Levita. Aber das ist nicht währ, so sagen wir. Denn nicht darauf kommt es an, was die jüdischen Feste einst waren, sondern darauf, was sie in ihrer geschichtlichen Entwickelung geworden sind, und was sie uns heute bedeuten. Das Passahfest (Ostern) feiert Gott als den Erlöser, der die Unterdrückten befreit aus der Hand ihres Drängers, das Schab not tzfest (Pfingsten) feiert die Offenbarung der Heilslehre, die bestimnlt war, die Welt zu erobern, das Sukkothfest feiert die göttliche Vorsehung in der Geschichte, welche die Menschheit ihrer messianischen Vollendung eiltgegenführt. Neujah rs- und Versöhnungsfest volleudsffeiermdie Heimkehr des verlorenen Sohnes in das Haus seines Vaters, feiern den Sieg des Himmlischen über das Irdische, der sich in jedem ebteu Menschen früher oder später vollzieht. Was ist da national? Wie kann ein Mann, wie Benedictus Levita, der das Dogma ablehnt, die religiösen Erinnerungen der christlichen Feste denen der jüdischen vorziehen? Was bleibt ihln denn vom christlichen Osterfeste re., wenn er den Glauben an die Auferstehung Christi leugnet? Aber das sittliche Ideal! sagt Benedictus Levita. Wenn es irgend ein Gebiet giebt. wo nur den Bergleich mit dem Christenthume nicht zu scheuen haben, so ist es gerade die Sittenlehre des Judenthums. Man muß sie nur kennen, dann wird man sich nicht frivoler Weise lustig machen über das sittliche Ideal des Judenthums, als das Ideal eines Mannes, „der gern inRuhe seines Weinbergs warten, gutenSchlaf und gute Verdauung" haben möchte. „Die Forderungen des jüdischen Sittengesetzes," sagt Benedictus Levita, „kann rnan alle erfüllen, ohne von seiner Behaglichkeit viel einzubüßen; leibliches