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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-19 · Heft 42 (19.10.1900) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 42 (19.10.1900)
Date
1900-10-19
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 Synagogendiener Schnell, der mit Steinen beworfen wurde, der sich dann mit einer Latte gewehrt und beu Steinwerser aus den Arll; geschlagen hatte, hatte dasselbe Schöffengericht zu 14 Tagen Gefängniß verurtheilt. Die hiesige Strafkammer hob heute das Urtheil auf und verhängte über Schnell eine Geldstrafe in Höhe von 50 Mark. — Wie es heißt, hat der Erste Staatsanwalt Sette gast gegen das freisprechende Urtheil in Sachen Speisiger die Revision angemeldet. — Die Schw n rgeri chtsperi ode am hiesigen Landgericht beginnt am 15. Oktober. Zur Aburtheilung gelangen u. A. der Arbeiter Masloff und Genossen wegen Meineids. Für diesen mit der Mordsache zusammenhängenden, am 24. Oktober beginnenden Prozeß sind fünf Verhandlungstage in Aussicht genommen. Beantragt ist u. a. die Ladung des Professors Dr. Mittenzweig-Berlin. der Berliner Kriminalbeamten Wehn und Braun n. A. Wie berichtet wird, finden in der Voruntersuchung gegen Moritz Lewy zur Zeit täglich Vernehmungen statt. Wie auch verlautet, hat die Behörde die Absicht, die Voruntersuchung gegen Lewy möglichst schnell zu El,de führen, um diesen bereits vor die zweitnächste Schwurgerichtsperiode stellen zu können. — Vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts standen am 15. d. M. elf Persollen aus Czersk, angeklagt, anr 22. April d. I. in Czersk au Zusammenrottnllgen theilgeuommen, Gewaltthätigkeiten und ruhestörenden Lärm verübt zu haben. Bezeichnend dafür, wie derartige Krawalle entstehell, war die Aussage des Werksührers Neuß aus Czersk. der dein Beginn der Zusammenrottungen als Augenzeuge beigewohnt. Aus dem Schanklokal von Jendritzky waren am genannten Tage, einem Sonlltag, zlvei betrunkene Männer hinausgelvorfen worden; der eine fiel hierbei ulld schlug sich das Gesicht blutig. Wüthend sprang er auf und zertrümmerte eine Scheibe des ungastlichen Schanklokals. Sofort sammelte sich eine Menschenmenge an, aus deren Mitte der Rlls erscholl: „Schmeißt doch lieber beim Juden die Fenster ein." Nur zu gut wurde dieser Rath befolgt. Die sich immer mehr vergrößernde Menschennienge zog zur Synagoge, voll dort zum jüdischen Kantor ulld zu den Häusern anderer jüdischell Einwohner. Ueberall wurden Fenster eingeworfen, aufhetzende Lieder dabei gesungell und Rufe ausgestoßen, am späten Abend fielen allch einige Schüsse. Die Angeklagten kamen nllr als Theilnehmer an der Zusanlmenrottung in Frage sowie als Verüber rnhestörenden Lärmes. Zwei Allgeklagte erhieltell je vier Monate Gefängniß, einer voll diesen außerdem noch zwei Wochen, zwei Angeklagte je drei Monate, vier Angeklagte je einen Monat, ein Angeklagter drei Tage ulld einer eine Geldstrafe von zwanzig Mark. Ein angeklagtes Mädchen im Alter von sechzehll Jahren lvnrde freigesprochen. W. Schwerin a. W., 14. Oktober. Am 8. v. M. legte Herr Rabbiner Dr. W o l f s o h n in S t a r g a r d i. P. nach 25 jähriger segensreicher. Amtsthätigkeit daselbst sein Anlt nieder. Von einer besonderen Abschiedsfeier, wie es wohl sonst ständiger Brauch ist. llahm die Gemeinde Abstand. In bewegten, au Herzen gehenden Worten sagte Herr Dr. Wolssohn seiner Gemeinde wie überhaupt feiner Amtsthätigkeit Lebewohl. Als Zeichen der Dankbarkeit stattete die Verwaltlrug dem Scheidenden ihren Dank ab und überreichte ihm einen silbernen Pokal mit entsprechender Inschrift. Der Gemahlin des Herrn Dr. W. wurde vom Frauenvereiu ein großes Gemälde verehrt. Möge es dem Scheidenden vergönnt sein, den Lebensabend im Verein mit den Seinen noch lange und ungetrübt zu geniesten. L. Hannover, 12. Oktober. Unsere in den letzten Jahren so oft und so schwer heimgesuchte Gemeiude wurde am zweiten Tage des Hüttenfestes wiederum von einem schweren Schlage getroffen. Der Sohn des vor kaum 10 Monaten verstorbenen Isaak Hirsch, Dr. med. Raphael Hirsch, verschied llach llur lllehrtägigem Magenleiden, eine betagte Mutter, eine junge Frau und zwei Knaben znrücklassend, im Alter von 36 Jahren. Raphael Hirsch war einer der gesuchtesten ulld beliebtesten jüdischen Aerzte der ganzerr Stadt. Er war eilt vorzüglicher Diagnostiker, ltnb seine Menschenfreundlichkeit, Unvecdrossenheit. Uneigennützigkeit machten ihn zum Liebling von Jung und Alt. von Reich und Arm. Er war eine Zierde unserer Gemeinde, bereu Vertretung er angehörte; um das nenerbaute, noch llicht bezogelle Krankenhaus, zu dessen Oberarzt er ernannt war, hat er sich unendliche Verdienste erworben. Von der Beliebtheit des Verstorbenen zeligte der Leichenzug. Die gallze Gemeinde folgte. Auf dem Friedhöfe am Grabe weinten arme christliche Frauen und Kinder, die aus den Fabriken gekonimen waren, um dem Manne, der ihnen so oft als Helfer und Tröster in der Noth erschieneil. einen Theil der Dankesschuld in dieser Form abzutragen. Herr Landrabbiner Dr. Gronemann sprach in vorzüglicher Weise die Empfindllngen aller Leidtragenden aus; während der Rede blieb kein Auge thrällellleer. — Seit drei Jahren wirkt die „F r e i e V e r e i n i g u n g j ü d i s ch e r L e h r e r Hannover-Bremen" unter ihrem Vorsitzenden Lehrer Spanier- Stolzenau zllm Wohle ihrer Mitglieder. Die Interessen der Lehrer lverden von dem Vereine warn: und ellergisch verfochten. Den einzellien Zugehörigen wird in schwierigen Lagen Rath ertheilt, in den Konferellzeil wird für Weiterbildullg gesorgt, und vielsach augeregt verläßt Jeder die hier in Hanllover stattfindenden Versammlungen. In den letztell Wochell ist der Verein wieder einen großen Schritt vorwärts geschritteil. Es wurde beschlossen, Fortbildungskurse iln Hebräischen eillzurichtell. Alle zwei Wochen werden sich die Mitglieder des Vereins hier zltsalnmenfinden ilnd bei dem in weitell Kreise,: bekannten jüdischen Gelehrten, Herrn Stiftsrabbiiler Gottlieb, sich weiter bilden. Herr Gottlieb hat sofort in selbstloser Weise sich bereit erklärt, einen Theil seiner Zeit der guten Sache zu opfern. Die Reisekosteu werden zum Theil von der zu diesem Zwecke gegründeten Kasse bestritten werde,;. So hat der verhältnißunißig kleine Verein, denn er besteht nur aus etwa 20 Mitgliedern, gezeigt, daß viel zu erreichen ist, lvenn Eilligkeit und guter Wille sich vereinigen. 1. Hildesheim, 11. Oktober. Unser Oberbürgermeister Gustav Struck mann hat am 5. d. M. sein 25 jähriges Jubiläum als Oberhaupt der Stadt Hildeshein, begangen. Beim Elnpfang der Depntatiollen überbrachte Namens der Synagogengenleinde Herr Landrabbiner Dr. Lewinsky als Führer einer Deputation die Glückwünsche der israelitischen Gemeillde unter Ausdrllck des Dankes für das Wohlwollen, das der Jubilar auch dieser gelvidmet habe. Der Herr Oberbürgermeister sprach in seinem Dank hierauf alls, daß er jeder Konfession mit vollständiger Unbefallgenheit gegellübertrete mib daß er jeder, solveit sie darauf bedacht sei, die Religion zu fördern — und dies sei auch bei der israelitischer, der Fall — die Wege ebnen lllöchte, sich so zu entfalten, wie es innerhalb eines Stadtwesells der Fall sein kann. Ihn: liege mit daran, daß das kirchliche und Schullvesen sich so entiuicfelu möge, wie es für jede Konfession geboten und für ihr Gedeihet, ersprießlich sei. Den zahlreichen Gratulanten hatte sich auch der Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitislnlls allgeschlossen. Strucklnanr, gehört zu den Mitbegründern des Vereins, zu den Fördereri, seiner Bestrebungen. In seinem Berufe wie im Parlanrent ist er jederzeit der antisemitischen Belveglnrg entgegengetretei,. Möge es ihn, vergönnt sein, noch lange in voller Frische seines Arntes zu walten und für seine Ideale zu kälnpfen! e. Speyer, 14. Oktober. Allch in diesem Jahre fcmb jüngst die Rel igi on sprüfn n g der L e h r a n, t s k a n d i d a t e n hier am Sitze der königlichen Negierung statt. Die von dem Bezirksrabbiller, Herrn Dr. Landsberg'inKaiserslautern, dem Mitgliede der Prüfungskommission, eiugeforderten Themata lauteten: a) aus der systematischen Religionslehre: „Was ist Bllße, welchen Zlveck hat sie und wie wird sie bewirkt?" b) aus der Kirchengeschichte: „Judäa unter der Herrschaft der Römer." e) Aus dem Kirchendienst: „Gottesdienst des Laubhüttenfestes." — Die mündliche Prüfung in Gegenwart der Prüfungskommission und geleitet von Herrn Dr. Landsberg erstreckte sich auf die eingehende Behandlung der biblischen und nachbiblischen Geschichte eillschließlich der Litteratlirgeschichte, auf die Religionslehren der Bibel und des nachbiblischen Schristthums, sowie ans Bibelkunde. Bibelübersetzeu und hebräische Grannnatik. b. Karlsruhe, 17. Oktober. Nach den „Südwestdentschen Schulblättern" (S. 235 und 237) ergiebt die Statistik für badische Mittelschulen hillsichtlich der Kollfessiol, Folgendes: An GylNllasieu studirtei, 2222 Katholikel,. 2052 Evailgelische, 73 Altkatholiken, 307 Juden, 28 sonstigen Bekenntnisses. All Realschulen 3580 Katholiken, 4324 Evailgelische, 80 Altkatholiken, 752 Juden, 44 sonstigen Bekenntnisses. Es sind also die Katholikel, an Gymuasiei, und Progyninasieu mit 47,46 Prozellt, an Realanstalten mit 40,77 Prozent betheiligt, die Evangelischen mit 43.83 beziehungsweise 49,25 Prozent, die Juden mit 6.36 beziehungsweise 8.57 Prozent, während die Katholikel, der Bevölkerungszahl nach 60,75 Prozeilt Habel, müßten und auf die Evangelischen nur 36.97 Prozent, auf die Jllden gar nur 1.50 Prozent entfallen lvürden. Im Schuljahr 1899/1900 machtet, an den 16 Gymnasien und Lyceer, der Reichslande in, ganzen 185 Abiturienten ihr Examen. Davon sind 97 Protestanten. 75 Katholiken ilnd 13 Jl,den. In, 'Vorjahr waren es 14 Inden. In, Verhältuiß .

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