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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-19 · Heft 42 (19.10.1900) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 42 (19.10.1900)
Date
1900-10-19
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 Berichtsjahren Mark 218102. Der eiserne Bestand der Hauptkasse, der Fonds für verschämte Arme mib der Spezialstistungen beträgt gegenwärtig Mark 792 888. Durch die Fülle der aus dem Wachsthum der Gemeinde entstandenen Ausgaben ist eine Neuordnung der Organisation als unabweisbar erschienen. Diese Umgestaltung hat inzwischen ihre Vollendung erfahren. Seit dem Beginn des Jahres 1899 werden die an die Armenkommission gerichteten Bittgesuche nicht mehr in den Plenarsitzungen, sondern in vier, örtlich nach der Wohnung der Bittsteller abgegrenzten Bezirken, bearbeitet. Dem Plenum blieb die statutarisch vorgesehene Genehmigung der von den Abtheilungen beantragten größeren Unterstützungen sowie die Erledigung aller Angelegenheiten von grundsätzlicher Bedeutung Vorbehalten. Die zur Durchführung dieser Umgestaltung nothwendige Vergrößerung der Kounnissiou konnte ohne Schwierigkeit bewerkstelligt werden. indem zu den bisherigen 35 Mitgliedern 23 Männer bereitwillig dem Ruse der Gemeindebehörden folgten. Die bekannten traurigen Vorgänge in einzelnen Ländern Europas, durch welche unsere Glaubensgenossen in großer Zahl sich zur Auswanderung geuöthigt sahen, hatten den Strom der Auswanderer auch nach Berlin gelenkt. Hierdurch wurde die Thätigkeit des „Ausschusses für hilfsbediirftige Durchreisende" so übermäßig in Allspruch genommen, das; die Gemeilldebehördell sich veralllaßt sahen, mit den Obliegenheiten dieses Ausschusses eine besolldere Kommission zu betrauen. Mit dem Verein „Jüdisches Genesungsheim Berlill" ist ein Abkommen getroffen worden, welches die Armeukomnlissivll ill den Stand setzt, ben von ihr für geeignet besundenell, zunächst nur weiblichen Personell, ein mehrwöchiges Ullterkonlmen in ben hygienisch vortrefflichen Räumen bei bester Verpflegung 31t gewähren. Der Umfang dervon der Arnlenkvnrmissiou verlvalteten Fonds lUld Stiftllllgen hat auch luieberniu eine erhebliche Steigerung erfahren. An Legate kanieil hilizll Mark 44 800, die Jahresbeiträge lnacheil Mark 50 019 aus. Ferller wurden ilvch voll allgesehellen Gemeindemitgliedern Jahresbeiträge ill Höhe von 9000 Mark rulter der Vereillbarung zugelvelldet, daß die Armenkommission über die bei ihr eillgegailgenen Bittgesuche Auskunft ertheilt oder dieselben zur Prüfung übernimnit und ben Betreffeilden eventliell eine Ullterstiitzling aus der Kasse der Kommission bewilligt. Die Armenkommission besteht gegellwärtig aus folgenden Herrell: Martill Simoll. Vorsitzeilder. Gustav Loelvellberg, 1. stellv. Vorsitzellder. Gustav Sachs, 2. stellv. Vorsitzender. Leopold Aron. Llldlvig Bing. Julius Bodensteill. Paul Börnsteill. Siegfr. Brüll n. Heinr. Buchhvlz. Ernst Caro. Dr. D. Caspary. Eugen Caspary. Alexander Chrambach. Julius Cohn. Paul Dahlheim. Dr. Leop. Feilchenfeld. M. Fiegel. Bellilo Fränkel. Joseph Fränkel. Leopold Friedeberger. Kommerziellrath Jlll. Mart. Friedläilder. Julius Grünwald. Albert Halnburger. Hllgo Heilnlalln. Lollis Herzfeld. Alex Jtzig. Oskar Kaiser. Dr. Jlll. Köhler. Rechtsaillvatt Dr. Kronfeld. Lollis Lachmalln. Norbert Lachnianll. Martin Lesser. Wolff Lewiil. Mor. Lewinsvhil. Rechtsanwalt L. Lilienthal. A. Loewenstein. Willibald Loewenthal. Siegfried Loewenwald. Sarlitätsrath Dr. Maretzki. C. L. Netter. Emil Pincus. Berthold Pinthus. Dr. L. Plolke. Oskar Nathenau. Albert Neilvald. Hllgo Noseuthal. Isidor Sachs. Dr. Bruno Schaefer. Paul Schlochauer. Theodor Schück. L. I. Sieskind. Gersvll Simon. Brullv Steiuitz. Dr. Jlil. Steril. Berllhd. Strallß. Oskar Wassernnallll. I. Weillberg. Ludlvig Wvllellberg. Arthur Zamory. 8. Berlin, 14. Oktober. Nach schweren Leiden starb hier im 64. Lebensjahre am 11. d. M. Herr Gott hilf Salolnon, der eine hervorragende Stellung ill der Berliner Kausiilanllschaft eingellvnlnlen hat. Auf Vorschlag des Aeltesteilkollegiullls lvurde er im Jahre 1887 zulll Handelsrichter erilanilt, nachdem er bereits vom Jahre 1880 an der Sachverständigenkommission für gelverbliche Allgelegenheiten angehört hatte. Jlll Jahre 1897 mürbe er alsdann in das Kollegium der Aeltesten der Kallflnaullschast berufen. Seille hervorragenden geistigen Eigeuschasteil, seine strenge Gewissenhaftigkeit lllld die Lallterkeit seines Charakters befähigte», ihll besoilders 311 diesen Ehrenämtern, welche er mit unerrnüdlichenl Pflichteifer und größter Hingebung verwaltete. Jlll Besonderell stellte er seill reiches Wissell noch in den Dienst der Jllteressen der Lederbrallche, für lvelche sein Hinscheideil einen schlverell Verlust bedelitet. Durch die Sachverständigenkomlnission, lllld die segensreieh lvirkelldeil Schiedsgerichte, bereu Begründung seill ausschließliches Verdienst lvaren. hatte er erst diesem bedeutenden Zweig der Jndllstrie eine Orgallisation gegeben. Dem ihlil nilterstellten Personal wie den ihll, mich fern er stehendell Angehörigen der Branche war er stets ein gütiger Chef und väterlicher Frelnld, dessen Rath und thatkräftige Hilfe niemals ^vergeblich allgernsen wurde. — Die Beerdigung fand heute unter außerordentlich zahlreicher Beth'eiligung auf dem Friedhofe ill der Schönhauser Allee statt. Eine Grabrede hatte sich der Verblichelle ausdrücklich verbetell. Nach kurzem Gebet, das vom Prediger der Neformgemeinde Dr. Lew in gesprochen lvnrde, wurde die Leiche zu Grabe getragell. Ehre seinen: Alldeilkeil! <^2 Berlht, 17. Oktober. Das jüdische Genesungsheim zu Lehnitz bei Oranienburg hat — begünstigt durch die außerordentlich schone Herbstwitterung — auch in diesen, Monat sehr gute Pflegeerfolge erzielt. Versuchsweise soll nllnnlehr das Heim zllllächst auch während des Mollats Novenlber geöffllet bleibell. Weibliche Reconvaleszenten llnd erholungsbedürftige Personen können sich schriftlich an das Bürean, Große Präsidentenstraße 3, wenden. Chm. Thorn, 14. Oktober. Das Succothfest hat bei seinenl diesmaligen Eilltritt nufere Gemeinde in allgemeine Trauer verseht. 9. d. M. verschied Hierselbst nach langen Leiden das allverehrte Mitglied des Repräsentantenkollegiums, Herr Louis K a l i s ch e r, in, Alter von 81 Jahren. Als Sohn des vor 26 Jahren hier verstorbenen hervorragenden Talmudgelehrten Rabbi Hirsch Kalischer wurde er voll demselben scholl ill der frühesten Jllgeud ill die talmudische Litteratur eingeführt. in der er sich sehr bedeutende Kenntnisse erworben hat. Obwohl dem Kanstnannsstalide angehörig, lvidmete er jede freie Zeit der Gotteslehre und betrachtete es als sein höchstes Ideal, in derselben a,lch auf Andere lehrend zu wirken. Bei der Beerdigung konnte man wahrnehmen, welch großer Achtung und Beliebtheit der Verblichene in alle,: Schichten der Bevölkerung sich erfreute, bemt von Nah und Fern eilte mail herbei, ihnr die letzte Ehre zu erweisen. Mit Louis Kalischer ist ein Stück Thorner Geschichte zu Grabe getragen worden. Ill der Behallsung widmete dem Dahingeschiedellell zunächst Rabbiner Dr. Rosenberg herzliche Abschiedsworte; nächstdem ergriff Professor Dr. Horowitz als beffeu persönlicher Freund das Wort, indeul er Kalischer als einen gewalldtei, Bibelinterpreten schilderte, und den Wunsch aussprach, daß der Geist, der in ihm gearbeitet, ill seinen Kindern, wenn auch in anderer Form, weiterhill fortleben „löge. Auf dem Friedhofe entrollte Rabbiner Dr. Rosenberg in geistvollell Zügeil ein klares Bild des Entschlafenen. Er beklagte in erster Reihe den großen Verlust, den die hiesige Gelneiude wie das Gesamnltjudellthuln mit dem Heimgänge dieses Mallnes erlitten, hob dessen unausgesetzte Thätigkeit für die in Palästilla wohnenden Jsraelitell hervor, ebenso lvie er jederzeit bereit ivar, seille Dienste für die Nothleidelldell anzubieten. Nachdem der Sarg ill die Gruft gesenkt war, verlieh Professor Dr. Kalischer aus Berlin, der älteste Sohl, des Dahillgeschiedeneil, seinen kindlichen Gefühlen tiefen Ausdruck durch ilinige Abschiedsworte, ill welchen er das Familiellleben des Elternhauses schilderte, uild die auf die allweseude Trauerversammlung einen gewaltigen Eindruck hervorriefen. Ehre deli, Andenken Louis Kalischers! Er ruhe in Frieden! — Kottitz, 17. Oktober. Es ist lingtaublich, welche nichtswürdigen Lügen die Alltisemitenblätter über hiesige Verhältnisse verbreiteil. So haben sie ill der vorigen Woche berichtet. Moritz Lelvy haben einen Selbstmordversuch gemacht, indem er sich an feinem Hosenträger aufzuhällgen versuchte. Der Wachsanlkeit des Gesangenenaufsehers sei es zuzuschreiben, daß der Selbstmordversuch mißglückte. Die Nachricht ist vollställdig erfunden. Aber sie zu dementiren fällt mm natürlich keinem der lvackerell Vertreter der öffentlichen Meinung ein. — Vor ca. 14 Tagen brachte das ^Berliner Antisemitenblatt die Mittheilung, in Kanlill hätten die Kinder des jüdischen Händlers Landecker bei dessen Ueberführung in die Jrrellaustalt lLandeckers Geisteskrankheit ist als die wahrscheinliche Folge einer antisemitischen Allsschreitung anzusehen) Aeußerungen fallen lafjen, die aus eine Mitwisseuschaft an der Konitzer Mordthat schließen lassen könnten. Auf Grulld eingezogener Erkundigungen ist nunmehr festgestellt, daß der s. Zt. gemißhandelte und jetzt geisteskrailke Händler Landecker aus Kalilin weder jemals verheirathet gewesen ist. noch Kinder besitzt.. Die Glaubwürdigkeit antisemitischer Nachrichten wird bannt wieder auf ganz eigenartige Weise beleuchtet. — Und nun noch zwei Urtheile, die wir aber ohne jeden Kommentar wiedergeben. Das Schöffengericht in Schlochau hatte am 6. Juli den jüdischen Kaufmallu Selo, der einen ihm höhnende Worte nachrnfeilden Knaben geschlagen haben sollte, zu 500 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Die Konitzer Strafkammerermäßigte heute die Strafe auf 100 Mark. Den

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