Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1900)
- Date
- 1900-10-19
- Page
- Seite 503 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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503 gab dieser noch „Sagen des-Morgenlandes" (1852), „Der Mönch von Meran" (1855) und ein Drama „Titus, oder die Zerstörung Jerusalems" (1856) heraus. Wenngleich der Inhalt der nachfolgende:: Epistel an sich nicht sehr bedeutend ist, so zeigt sich auch hier die große Forn:- gewandtheit, die Kristeller bis in das höchste Alter auszeichnete. Es ist dies übrigens für die ganze Generation charakteristisch. Kaum waren die Juden aus dem Elend des Ghettos herausgetreten, so suchten sie mit Leidenschaft nach „schönen Formen"; das ganze Empfinden der Jugend wurde ästhetisch. Vielleicht ist diese Sehnsucht selbst bei den klassischen Nationen nicht lebhafter gewesen als bei den westeuropäischen Juden in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Freilich entsprach nicht immer das Können dem Wollen. Aber wenn man bedenkt, daß nicht nur von den Andersgläubigen, sondern auch von Juden selbst „jüdisch" und „unschön" häufig als völlig synonyme Ausdrücke gebraucht wurden, so ergaben sich hier Gesichtspunkte von nicht zu unterschätzender Tragweite. Nach diesen einleitenden Bemerkungen geben wir nur: hier die poetische Epistel Kristellers im vollen Wortlaut wieder. Gruß und Kuß entsend ick Dir — meinem Frcnnd und Genossen zuvor — Muße meinem Redefluß spende mir — und meinen Glossen ein geduldig Ohr — Ich habe so lange geschwiegen — weil meine Dinte ist gangen versiegen — und meine Feder nicht wollt' dem Verlangen sich schmiegen — das meinem Herzen ist, dem bangen, entstiegen — Mit anderer: Worten — ich gehöre zum Orden — der faulen Schreiber — die bedürfen der Treiber.— Doch wer könnt'sich begeben so ganz aller feinen Sitten — daß er möcht widerstreben — Deinem öfteren Bitten. — Du hast mich bezwungen — und nur gelöset die Zungen — hast Grades gemacht aus dem Krummen — und einen Sprecher aus einem Stummen. — Wer aber will öffnen Schleusen, darf keine Furcht vor dem Wasser weise:: — Wer malt den Teusel an die Wand — der seh was es frommt — und steh wenn er kommt — nicht vor Furcht gebannt — und übermannt — So sei denn von meinem Wortschwall überschwemmet — und laß mich reden ungehennnet — daß meine Rede eile wie ein Born — wie ein kühnes Pferd, das gefühlet den Sporn — wie ein rascher Pfeil, der gezogen vom Korn — Du kannst den Born nicht verriegeln und das Pferd nicht mehr zügeln — und den Pfeil nicht überflügeln. — Ich habe immer lehren hören — daß schlechte Sprecher das Hören erschweren —- weil sie die richtige Lage der Dinge stören und verkehren — und daß ihre Mähren wären — wie Schlangen, die den Schwanz zum Munde kehren und verzehren — Ein Sprecher müsse von einem bestinnnten Anfang beginnen — einen regelmäßigen Faden spinnen — und zuletzt ein bestimmtes Ende gewinnen — Wenn ich nun diese Lehren — auch meinerseits wollte ehren — und danach wollte streben — Dir das Wahre unverhüllt zu geben — und Dir ein klares Bild zu weben — von den riesigen Begebnissen — in den hiesigen Erlebnissen —, so könnt' ich's bei«: besten Willen — nicht erfüllen — Wenn Einer nur zum Hohne drob wollte scherzen — der bemühte sich meine Dinte unverdient anzuschwärzen — und machte mein Papier erbleichen ohne Nöthen — und meine Feder unschuldig erröthen — denn wo nichts existiret und nichts passiret — da wird nicht Anfang und Ende verspüret. — Wer nichts hat zu erzählen — der braucht keine Ordnung zu wählen — Wer nichts hat zu verkünden — der begeht keine Sünden — und umgeht nicht der Rede Regeln und Finten, — mag von vorn her segeln oder von hinten — Nun könnte uns Mancher beklagen — und es den Gnesnern zur Schand nachsagen — daß also gleichgültig seien hier der Dinge Stand und Lagen — daß ruan nicht brauchte nach hinten und vorn zu fragen — sondern ungestraft könnte vertauschen den Schwanz mit dem Kragen —: Diesem aber erwiedre ich also — erstens ist's auf dem ganzen Erdenball so — dieweil die Erd ist rund — und sich auch dreh zu jeder Stund — so soll noch der Weise geboren werden — der uns Anfang weise und End auf Erden — Zweitens aber setz ich den Fall — es wäre nicht so überall — sondern uns Gnesnern gehöre — alleine die Ehre — daß man könnte hier ohne zu stören das Ganze, — verwechseln den Kopf mit dem Schwänze — so will ich Jedem beweisen, daß wir drob sind glücklich zu preisen —: Denn mag sich Alles verdreh:: - und darunter und drüber gehn — Gneseu bleibt stehn — Hier braucht man nicht ängstlich vorwärts zu blicken — Es drohet kein Fortrücken — in keinerlei Stücken — Sondern man liebet das Festhalten — :nit allen Gewalten — am Alten — damit sich nicht beklage:: — die Urväter wenn sie anferstehen — und nicht brauchen nach Weg und Steg zu fragen — noch irre zu gehn — sondern können :va::deln — und handeln — nach sicherer Weise in: alten Geleise — Hier hört man kein heftiges Wortstreiten — um künftiges Fortschreiten — sondern man ehret den wahren Stillstand — wie ihn lehret und wahret jede Mühl im Sand — Kom:ut närnlich die Zeit mit zu starkem Reformatoren-Winde — so geben wir ihr nach wie einen: Thoren und Kinde — d. h. wir klammern an die Scholle uns weise — und drehn ganz nnrnter die Flügel — wir dreh:: das Gesicht nach dem St ... e — und nehmen den Schwanz statt der Zügel — wir tununeln das Roß hübsch in: Kreise — und halten uns fest in: Bügel. — Obzwar dies Alles ist sehr angenehm — so ist's für den Schreiber doch unbequem — weil ich nicht weiß, woher ich de:: Stoff entnehm — und mich doch auch zu schweigen schäm' — denn wer ist ein Berichterstatter — und keine Geschicht' hat er — so wird sein Gedicht matter — immer und platter — Aber bange rnachen gilt nicht — auch ist :nein Papier noch gefüllt nicht— und Deine Langmuth mir noch verhüllt nicht — und Dein Hörerdnrst noch gestillt nicht —drnn: will ich noch nicht feiern— sondern muthig weiter steuern — mit meinem Kiel — in diesen: Knittelstyl. In Deinen: Schreiben hast Du mir anfgetragen — öffentlich mein Urtheil über Deine Gedichte zu sagen — das hat mich in Erstaunen gesetzet — den:: wie Deine Artigkeit n:ich hat geletzet — so hat sie mich doch auch überschätzet. — Weil Du mir bist so wohl gewogen — hast Du meine Kräfte nicht wohl erwogen — oder Deine Liebe zu nur hat Dich betrogen — und mich zu hoch eniporgezogen. — Wie dürft' ich mich überheben — über Dich ein Urtheil abzugeben — da ich als Du bin weder reicher — noch an Dichtkunst Dir ein Gleicher — Wenn der Schüler kritisiret den Meister — ob ihn tadelt oder preist er — nur seine Selbstüberschätzung beweist er — denn sein Lob ist ohne Adel — und grob sein Tadel — wie eine stumpfe Nadel. Dieses neune ich der Weisheit ächten Schatz — daß Jeder erkenne seinen rechten Platz —und nicht mit Philomelerr soll rechten der Spatz — und nicht die Schnecke mit der Gazelle — und nicht mit dem Meister der Geselle. Dn aber bist der Meister und ich der Geselle ich der Lahnie, Du der Schnelle, ich der Zoll, u::d Dn die Elle Du die Glocke, ich die Schelle ich der Tropfen, Du die Welle ich die Dämmrung, Du die Helle Du der Raun: und ich die Stelle Du der Saal, und ich die Zelle Ich aber bin der Becher und Dn der Humpen Dn die Kerze und ich der Stumpen Du der Reiche, und ich muß pumpen Du aber bist der Aether und ich der Qualm ich die Fichte. Dn die Palm ich der Spruch und Du der Psalm. Und nun glaub' ich wäre es weise — wenn meine Zunge ruhte in ihrem Gehäuse — und meiner Rede Strom schlösse seine Schleuse — den:: das artigste Spiel — wird endlich zu viel — und verletzt das Gefühl — wenn es sich setzt kein Ziel. — Sei auch der Hörer noch so geduldig -- der Sprecher ist ihm Rücksicht schuldig — Wie der Schütze nach den: Köcher, wie der Zecher nach dem Becher — so nach dem Hörer muß Maß halten der Sprecher. So will ich denn von Dir scheiden — Gott öffne Dir das Füllhorn der Freuden — daß Dich des Trübsinns Leide:: — auch ewig mögen meiden. Grüße nun Alle, die mich kennen — und ihren Freund mich nennen — und ganz ins Besondere, niein Bester — die Herren Jacobi nebst Schwägerin und Schwester. Das Licht Deines Lebens leucht inuner freier und heller Dies spricht ergebenst Dein immer getreuer Kristeller. Gnesen. der: 28. Oktober 1847.