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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-19 · Heft 42 (19.10.1900) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 42 (19.10.1900)
Date
1900-10-19
Page
Seite 502 (sequence 12)
Language
German
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502 Der Alte neigte sich dankend und begann dann, einige Schritte entfernt, unbekümmert mit die sich um ihn drängende Menge, nach der Richtung der aufgehenden Sonne gewendet, seine Gebete zu sprechen. Etwas leiser, um den frommen Beter nicht zu stören, fragte jetzt Sophie: „Wann werden sie eingeschifft?" „Wahrscheinlich übermorgen. Sie wären schon fort, hätte nicht die Schraube ihres Dampfers noch einer Reparatur bedurft. So lange müssen sie nun warten." „Und wohin gehen sie?" „Theils nach New-Wrk, theils nach Kanada. Der letzte Trupp ging vor vier Wochen nach Südamerika. Diese hier sind theilweise der englischen Sprache ein wenig mächtig und ziehen darum den Norden vor. Was sagt er dort?" Erhorchte zu dem alten Reb Hirsch hinüber, der sein eigentliches Gebet beendet zu haben schien und nunmehr mit erhobener Stimme und iveit ausgebreiteten Armen, leidenschaftlich betonend. hebräische Worte nach Osten rief. Der Rechtsanwalt wandte sich wieder zu seinen Zuhörern. „Wissen Sie, was er thut?" fragte er bewegt. „Er nimmt Abschied, er segnet Rußland, die Heimath, die ihn verstoßen hat und nichts mehr von ihur wissen null." .... In tiefer Ergriffenheit schwiegen Alle, bis Frau Rechtsanwalt Schwarz wieder zu ihnen trat und in ihrer liebenswürdigen Art sagte: „Jetzt kann die Reise beginnen." Weit war sie nicht, aber sie erschloß Helene Wagner eine neue Welt, eine Welt, in der der Mensch in des Wortes ivahrster Bedeutung zum Leiden, nur zum Leiden geboren ivar. Zum ersten Male begriff sie, weshalb die Gesichter der meisten polnischen und russischen Juden stets, selbst UH'iut es ihnen ausnahmsweise leidlich geht, einen düstermelancholischen Zug tragen. Schmach und Bedrückung haben Jahrhunderte lang so schioer auf ihnen gelastet, daß sich die Spur davon ihrem Antlitz unauslöschlich eingegraben hat. Allein, wie vorhin der Rechtsanwalt gesagt hatte, fettem hörte man jetzt von ihnen ein Murren. Bei aller verzweifelten Klage um das verlorene Vaterland, um die Stätte, wo ihre Vorfahren begraben waren, hieß es stets gläubig, demüthig hoffend: „Der Herr wird uns auch im fernen Westen beschützen." Helene fühlte ihr Herz sich weiten, sie beneidete ihre Gefährtinnen, die es wohl verstanden, speziell mit den Frauen den rechten Ton zu treffen und durch ein richtiges Wort am richtigen Platz mancher Müden. Geplagten seelisch ebensolche Erquickung zu Theil werden zu lassen, wie es die mitgebrachten Gaben für ihr körperliches Wohl werden sollten. Aber scheu und ungewandt fand sie keinen Ausdruck für ihre Empfindungen und mußte sich daher darauf beschränken, die kleinen dunkeläugigen Bübchen und Mädchen zu streicheln, die sich indeß vor der schlanken Erscheinung in Tiefschwarz augenscheinlich ebenso fürchteten wie diese sich vor ihnen. Sie waren wieder auf der Straße und am Ende ihrer Fahrten angelaugt, als ein etwa siebenjähriges Mädchen auf Frau Dr. Schwarz zuschritt und ihr meldete: „Sie ist wach!" : Die Dame blickte sich nach Helene und Sophie um. „Folgen Sie mir!" „Werden so viele Menschen auch nicht zu viel für die Kranke sein?" fragte Sophie. Die Andere schüttelte mitleidig den Kopf. „Sie ist bereits darüber hinaus, daß ihr noch etwas zuviel oder zn wenig sein kann, das arme Ding," entgegnete sie und fuhr dann, zu Helene gewendet fort: „Der Mann und das älteste Kind der jungen Frau, die wir jetzt aussuchen, liegen, an Diphteritis erkrankt, hier im Krankenhäuse. Sie selbst ist nach ihrer Ankunft in Hamburg vollkommen zusammengebrochen und nun mit ihrem zweiten, noch keine sechs Wochen alten Kinde gänzlich hilflos. Ein bei ihr wohl schon länger vorhandenes Herzleiderr hat sich infolge alles in der Letzten Zeit Durchgemachten und nicht zum mindesten durch die Strapazen der Reise so verschlimmert, daß die Möglichkeit, sie am Leben zu erhalten, so gutwie ausgeschlossen ist. Uebrigens, da sind wir!" — Sie ivaren während des Sprechens an einem jener sogenannte „Saalwohnungen" enthaltenden Häuschens angelangt, welche später, im Unglücksjahr 1892, als Brutstätten der damals wüthenden Choleraepidemie eine traurige Berühmtheit erlangten, und die dank den Sanirungsbestrebungen der Hamburger Behörden bald nur noch in der Erinnerung der heutigen Generation existiren werden. Aus uraltem Fachwerk erbaut, mit halb in die Erde gesunkenen, von Feuchtigkeit triefenden Mauern verdiente es anscheinend kaum den Namen einer nienschlicheu Wohnstätte, und dieleiterartige gelüuderlose, nach oben führende Treppe, die den Eintretendeu als einzige Stütze beim Emporsteigeu einen fettigen, au der Seite hinaufgezogenen Strick bot, trug noch zur Verstärkung des widerivärtigen Eindrucks bei. Mühsam und bei jedem Schritt vorsichtig zutasteud, klommen die drei Frauen hinter ihrer voranschreitenden kleinen Führerin die Stufen hinan. Das Gelaß, das sie oben betraten, bot bei aller bitteren Aermlichkeit den Beweis, daß gute Menschen versuchten, einem Mitgeschöpf die letzte Lebensstrecke zu ebnen. In dem kleinen windschiefen Ofen brannte ein Helles Feuer, das jämmerliche wackelige Bett war mit warnten Kissen und Decken versehen, auf einein darangeschobeneu Tischchen standen einige Flaschen Wein sowie verschiedene zur Stärkung der Kranken bestimmte Speisen. (Forts, folgt. Eine Makame von Samuel Kristeller. E^lle, die mit der neuhebrüischeu Poesie sich beschäftigt haben, wissen, daß der jüngst verstorbene Geheimrath Dr- Samuel Kristeller einer der besten Uebersetzer klassischer Dichtungen aus der spanisch-arabischen Periode ivar. In den letzten Lebensjahren hat er sich eifrig und erfolgreich mit den Gedichten, Gabirol's, HalevLs und CharisLs beschäftigt. Aber es ist interessant, aus dem nachfolgenden Schriftstück zu erfahren, daß schon dem jungen Landarzt der Stil der Makame geläufig war, und daß er es schon vor mehr als fünfzig Jahren vortrefflich verstanden hat, diese Dichtungsart auf Gegenstände des modernen Lebens anzmoenden. Herr Dr. Rosenthal, früher in Bromberg, jetzt in Berlin die wohlverdiente Mnße genießend, ein Jugendgenosse Kristellers ebenso wie des Adressaten, hat uns den folgenden Brief freundlichst zur Verfügung ge stellt, der an den bekannten jüdischen Dichter Julius Kossärski (1812—1879) in Bromberg gerichtet war. Kosfarski^ erste Gedichtsammlung „Wallfahrt in Palästina" erschien im Jahre 1847. Auf dieses Werk bezieht sich der Brief Kristellers den Herr Dr. Rosenthal von Kosiarski empfangen hat. Später h Mit diesem Wort bezeichnet man in Hamburg Wohnungen, di. nur ans einem einzigen Gelaß bestehen.

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