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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-19 · Heft 42 (19.10.1900) · p. Seite 498

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 42 (19.10.1900)
Date
1900-10-19
Page
Seite 498 (sequence 8)
Language
German
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498 Sßnvbiivcu ferner Erdthcile zu beglücken. Als gäbe es bei uns keine Barbarei nnd kein Unrecht, als gäbe es bei uns keine Blntbeschuldiginig und keine Tempelschändung. als gäbe es bei uns keinen Antiseinitisnius und keinen Bruch des Völkerrechts, als ivüre bei uns das messiaiiische Ideal des allgemeinen Menschenfriedens nnd der allgemeinen Völkerverbrüderung bereits eine beglückende Wahrheit geworden, haben die Völker, die sich selbst die gebildeten nennen, einen allerdings bereits gesprengten Bund geschlossen, nicht etwa, um znr gemeinsamen Feier des Httttensestes die Wallfahrt anzntreten. sondern um von den Segnungen ihrer Kultur einiges den Barbaren des fernen Ostens mit der Schürfe des Schwertes beizubringen. Mns; sich der denkende Zeitungsleser nicht bei solcher Gelegenheit die Frage vvrlegen: warum ist es einer so uralten Kultur wie der chinesischen, die unleugbar einst Großes geleistet, nicht gelnngeii, das Begehen von Schandthaten zu verhindern, die wie eine Schanermähr lauten und einen Entrüstungsschrei der übrigen Welt hervorgerufen haben? Warum mußte eine so alte Kultur mit einem so elenden Zusammenbruch enden? Man sagt, »veil diese Kultur sich mit festen und dicken Mauern umgeben hatte, die sie abgeschlossen hielten von jeder Berührung nnd Beeinflussung der Außentvelt. Aber fehlt es denn bei uns an feste»» nnd dicken Mauern, die der Haß und das Vvrurtheil aufgebaut, und welche niederzulegen den Bemühuugen auch der aufrichtigsten Menschenliebe nicht gelingen »vill? Um von Rumänien zu schweigen, da richtet Nordamerika seine Schrankeil ans, um die Einwanderung der Paupers zu verhindern; da richtet Oesterreich-Ungarn seine Schranken auf, um den Durchzug der rumänischen Juden zu verhindern. Genau so hat einst Edom die Schranken seines Landes geschlossen, »in» den Diirchzug der wüsteudurchwandernden Israeliten zu verhindern. Aber Edom fühlte sich wenigstens nicht berufen, die Güter der Civilisation nach fernen Landen besörderrr zu »vollen. Und im Verkehr der einzelnen Menschen, fehlt es da etiva an chinesischen Mauern, die »nan zivar nicht sieht, an »velche aber Jeder sich stoßen »vird, der es versucht, über den Gesellschaftskreis seiner eigenen Konfession hinauszutreten? Wer hätte sich noch nie gestoßen ar» die unsichtbare»» Schranken des Vvrnrtheils, welche die Annäherung und Verbrüderung der Menschen verhindern? Und muß man sich nicht »veiter sagen, daß alle Kultur, ob die alte oder die neue, nur eine Scheinkultur ist, die mit einem Zusainmenbrrich enden muß, solange nicht Ernst gemacht wird mit der Lehre und dem Ideal des Hüttenfestes? Und dennoch, von allen Sitte»» und Veranstaltungen des Jndenthums am nnzeitgemüßesten gelvordeu ist entschieden die Sitte und Veranstaltung des Hüttenfestes. Auf die Dächer »nnß man steigen, in die Hinterhöfe »»»»iß man gehen, »un noch einige von diesen unzeitgemäß geivordenen Hütten zu entdecken. Warum? Liegt das blos an de»» veränderten klimatischen Verhältnissen, uiiterrvelchentvir leben? Nein, das liegtauch an den» veränderten Horizont des Geistes, unter ivelchem »vir leben. In den Hütten, in »velchen die Vorfahren das ganze Jahr hausten, herrschte mehr Gottvertraue» »ind »veniger Selbstvertrauen; in den schöne»» Hausern, in »velchen bis»veilen der Israelit der Jetztzeit es sich wohl sein läßt, ohne seiner rnmänischen Glaubensbrüder zu gedenken, die nicht eininal unter einer Hütte des Schutzes das Haupt zur R»»he legen können, herrscht n»ehr Selbstvertrauen und »veniger Gottvertrauen. Ob jetzt in de»» Häusern mehr Fre»>de zu finden ist als ehemals in den Hütten, das zu untersuchen gehört nicht mehr zum Gegeirstand der Besprechung. Unbestreitbare Thatsache aber ist, daß an Stelle des Hüttenbewußtseins das Selbstbetvußtsein getreten ist, indern man sagt, »vir sind keine Wüstenivanderer »»ehr, »vir sind nicht »»»ehr Hüttenbewohner! Was thut Gott? Er läßt uns Zeugen und Zeitgenossen einer Nothlage »verdeu, welche einen Theil unserer Glaubensbrüder veranlaßt, lvieder einmal zum Wanderstabe zu greisen, um uns zu zeigen: die Zeit der Wüstentvanderung. die Zeit des Hüttenbewohnens, für Israel ist sie noch inuner nicht vorbei für i»»»mer und e»vig! Aber gerade das ist die Zeit, »vo »vir zeigen können, daß wir verstanden haben, nicht nur »vas die Sitte des Hüttenbauens, sondern auch »vas da> Feststimbvl des Pflanzenbnndes zu sagen und zu bedeuten hat; gerade das ist die Zeit, wo wir als Israeliten die Palme erheben sollten, die Paline des Sieges und Triumphes über unsere Feinde. Die Alten erklären nämlich: voi» der» 4 Pfla»»zei»arten, die am Hüttenfeste zu einem Bunde vereinigt »verdeu, sind z»vei fruchttragend, »vährend die anderen beiden keine Früchte hervor, bringen. Die fruchttragenden Pflanzenarteu »verden verglichen mit der» „baale maasim towim“, den Männern der Wohithätigkeit, mit den fruchtlose»» Pflanzenarte»» »verden die „baal, tlicra“ verglichen, die Männer des religiösen Wissens. Und daraus »vird die Lehre gezogen, daß die Männer der Thal einen Bund der Einheit und Znsa»»»i»rengehörigkeit eingehen sollen mit den Männern des Wissens. Die Anwendung dieser Lehre auf Verhältnisse der Jetztzeit liegt nun auf der Hand. Ohne Ueberhebung dürfen die Juden des Westens und insbesondere die Juden Deutschlands sich noch irniner als dir Männer der Wohlthätigkeit bezeichne»», und ohne Ueberschätzung dürfen »vir die Juden des Ostens noch inuner als die Männer der Thora bezeichnen. Aber die Thora ist zu allen Zeiten eine Pflanzenart ge»vesen wie die Mhrthe oder besser die Bachweide, sie hat niernals diejenige»» Früchte getragen, nach »velchen die Menschen ein besonderes Verlange» getragen. Das Loos unserer östliche,» Glaubensbrüder, das in diesem Blatte so oft und in so düstere»» Farben geschildert »vurde, ist das der Bachlveide, unbeachtet und verkümmert, zertreten oder gar ausgerissen zu »verden. Nach einem erst letzthin verbreitete» Berichte ist die Nothlage der Juden in Rnniänien eine so vcrziveifelte, daß der für sie bereits gernachte Aufwand an Hilstmitteli» trotz seiner erreichten Höhe in gar keine»»» Verhältnis, steht zu de»»» Aufivand, der noch zu machen ist, »»,»» einerseil? Tausende von Fainilien im Lande selbst vor dein Hungertode zu retten, und andererseits die unvermeidlich geivordene Aus- »vanderung durch das Bett einer geregelten und planvollen Organisation zu leiten. Was n»»»ß angesichts einer solchen Notlage geschehen? Was zu allen Zeiten geschehen ist: „.jec»» clmlom agudo achath“, die Männer der Wohlthätigkeit müssen den Mänilern der Thora zu Hilfe kommen, dainit ganz Israel ein Bund werde. Dann ist die Palme des Hüttenfestes eint' Palme des Sieges und Triumphes, dann »vird die Idee de? Hüttenfestes de»» Sieg davongetragen haben über Unduldsamkeit und Barbarei.

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