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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-19 · Heft 42 (19.10.1900) · p. Seite 496

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 42 (19.10.1900)
Date
1900-10-19
Page
Seite 496 (sequence 6)
Language
German
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496 „Jndennoth" begegnet ererben kann. Bar allen Dingen ist durch diesen Vorschlag mit dem allgeheiligten Brauche gebrochen worden, Vogelstranßpolitik zu treiben, und die Gefahren, die für das blödeste Auge klar 311 Tage liegen, einfach zn leugnen — und das ist innnerhin etwas. Die Herren Beschwichtigungsräthe, die nun schon seit Jahrzehnten eine spontane Besserung der Verhältnisse für die „Zukunft" Vorhersagen, die mit beneidenswerthem Optimismus Tag für Tag den Rückgang des Antisemitismus konstatiren und sich in seiner Bekämpfung" darauf beschränken, sorgfältig jede Veruntreuung und jedes Vergehen antisemitischer Agitatoren 311 registriren — sie allein trifft die Schuld, wenn die Judenheit heute gelassen, als ginge sie das alles nichts an, dem Anwachsen der antisemitischen Bewegung zusieht. Ein empörender Jndifferentismus hat gegenüber Vorgängen Platz gegriffen, die in ihrer brutalen Deutlichkeit im Stande sein müßten, einen gewaltigen Schrei der Entrüstung auszulösen. Was nützt es uns, wenn zur Einweihung einer neuen Synagoge der Herr Laudrath huldvollst sein Erscheinen zusagt oder wenn Se. Ehrwürden der Herr Rabbiner zu einem Galadiner „befohlen" wird? Ist das etwa typisch für die Denkart jener Kreise oder was anders will man damit dvkumentiren? Wenn in irgend einem Krähwinkel des deutschen Vaterlandes ein Jude sein 25jähriges Bürgerjubiläum feiert und der Herr- Bürgermeister ihm namens der Stadt für die „aufopfernde Thätigkeit im Interesse des städtischen Gemeinwesens" einen silbernen Pokal überreicht, dann zieht Freude ein in Israel — und die antisemitische Gefahr verblaßt zu einem Schemen. Ihtbjioeim jüdischen Volksschullehrerinnen die Berechtigung zur Verwaltung eines Ordinariats abgesprochen wird, wenn aus dem Lehrkörper der Universitäten jüdische ordentliche Professoren verschwinden, wenn jüdische Richter keine Anstellung mehr erhalten, wenn an allen Ecken und Enden des Vaterlandes die antisemitische Blindschleiche höher und höher ihr Haupt erhebt, wenn über die Frage, ob es möglich oder nützlich sei, die Einanzipation der Juden wieder rückgängig zu machen, in Tageszeitungen ernstlich diskutirt wird — dann, ja dann sind das alles nur vorübergehende Erscheinungen, das letzte Aufflackern des Antisemitismus, und wie dergleichen Phrasen mehr sind — und „es wird schon wieder besser werden, warten wir nur ab." Wohin soll es führen, was sollen unsere Gegner von uns denken, wenn wir gleichgiltig zusehen, wie die Axt auf uns herniederfällt? Ein Blatt nach dem andern fällt von unserem Baume — und nichts geschieht, um dem Einhalt zn thun. Wir sehen, wie man zum Streiche gegen uns ausholt, und Niemand ist da, ihn zu pariren. Es ist, als sei alles Leben in Israel erstorben, als ob wir resiguirt das unabänderliche Schicksal vor Augen sähen, an Marasmus zu Grunde gehen zu müssen. Es fehlt uns, wie der Dichter sich treffend ausdrückt, an einer „Aufregung der Kraft", die der Gefahr muthig ins Auge blickt, die Vertrauen hat zu der Sache, die sie verficht und die einen Sturm zu entsesseln vermag, der nach banger, drückender Geivitterschwüle erfrischend und reinigend die Luft ans^der^Lethargie aufrüttelt. Täuschen wir uns nicht über unsere Lage: das Ghetto, aus dem man uns befreit, führte uns zwar in das Paradies der Freiheit, aber wenn wir uns bemühten, eine der Früchte für uns zu pflücken, dann mußten wir erfahren, daß sie nicht für uns wachsen, und Hohngelächter antwortet uns, wenn wir die Hand leer zurückziehen. Es ist geioiß etivas Schönes um die Zuversicht, daß Israel niemals uutergehen wird — können wir aus ihr aber ein Recht herleiten, die Hände in den Schooß zu legen, dürfen wir immer wieder Wechsel ans die Zukunft ausstellen, die niemals bisher eingelöst wurden? Mt welchem Rechte kommen wir dazu, das Heil von der Zukunft zu erwarten, wenn wir sehen, nüc der antisemitische Geist seine Saat ausstreut, die wahrlich aus gehen wird? Haben wir es nicht erst kürzlich mit wahrhaft erschreckender Deutlichkeit in Westpreußeu erfahren, wie der unter der Asche glimmende antisemitische Brand nur eines Fünkchens bedarf, um zu hellleuchtender Flamme emporzuschlagen? Wir haben keine Veranlassung uns die große Gefahr zu verhehlen: — — und Israel sieht dem ergötzlichen Bilde mit verschränkten Armen zu und diskutirt die bedeutsame Frage, ob die Synagoge eine Orgel haben dürfe oder nicht. Haben wir denn nichts zn fürchten und nichts zu verlieren' Und nun, was sollen wir thun? Ja, Herr Professor, „schreien wir", schreien wir es zunächst unseren Glaubensgenossen in die Ohren: „Wachet auf, uns droht Gefahr" — und dann mag der Weheruf der schmachvoll behandelten Jndenheit gleich Posaunenstößen in die Welt schallen! Zum Teufel mit unserer marklosen Ohnmacht! Sie wollen uns unser Recht nehmen, das wir uns in tausend Schlachten mit Gut und Blut erkämpft haben, und wir stimmen etu Hosiannageschrei an, wenn einer von und ausgezeichnet wurde. Ja, wir sind gervaltige Männer, wir wissen um unser Recht zu kämpfen! Seht, auf allen Gebieten leisten wir Hervorragendes; große Aerzte und Gelehrte, Staats mänuer und Krieger zählen wir stolz zu den Unseren. Heil uns' Und mehr und mehr drängt man uns zur Seile, Schritt für Schritt müssen wir zurückweichen. Haben wir denn kein Mark mehr in den Knochen, keine Männer mehr in unserer Mitte? Wir wollen uns nicht gekränkt wie Schulbuben in tm Ecke stellen, wenn man uns schmäht und uns etwas versagt was wir ein Recht zu fordern haben. Das deutsche Vater land ist unser so gut wie euer, denn auch unser Bliu half es zusammenschweißen. Muthig und entschieden, ehrlick und offen müssen wir für unser Recht eintreten. Könnten wir uns nur eng an einander schließen, Reich und Arm, Hoch und Niedrig, denn systematisch zieht man gegen uns zu Felde, und systematisch müssen wir den Kampf aus nehmen. Wenn man auf den reichen Konunerzienrath schimpft wie, meint man nicht den reichen Juden? und schmäht mar: den armen Schnorrer, so meint man auch wieder nur den Juden. Jeder Schlag, der Einen von uns trifft, ist ein Faust schlag für ganz Israel; künnteu ivir die Empfindung hierfür nun in Allen wachrusen. Darum muß die Gesauuntheit der Juden jedes einem einzelnen zugesügten Unrecht als eine Kränkung empfinden und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln dem Recht und der Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen suchen. Das Judenthum ist nur genau so stark, als es bei schwächste Jude ist — beherzigen wir das! Dürfen wir um verwundern, daß viele der Unserigen an unserer Sache ver zweifeln und uns den Rücken kehren? Um unseres gemein fanten Judenthums willen müssen sie Unrecht erdulden Schmähungen über sich ergehen lassen — und Niemand ist da der ihnen zur Seite steht. Achselzuckend steht der liebe Glaubensgenosse dabei und hofft, — daß es ihm nicht so gehen wird. Geschehen muß etwas, gleichgiltig was. Berufen wir „Judein tage", halten wir eine Heerschau ab über die Getreuen, darnü wir ivieder Muth bekommen. Es ist wirklich ganz gleich, uhv>

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