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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-19 · Heft 42 (19.10.1900) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 42 (19.10.1900)
Date
1900-10-19
Page
Seite 494 (sequence 4)
Language
German
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494 das; die Bestrebungen der J. C. A. nur langsame und geringe Fortschritte zu verzeichnen haben werden, so lange sie nicht auch Frauen und Mädchen der zur Landwirthschaft designirteu Familien für das neue Milieu, in das sie verpflanzt werden sollen, vorbereiten. Aber alle diese Pläne iverden doch nur kommenden Geschlechtern nützen; was soll mit den Menschen von heute geschehen? Kann man über diese einfach hinwegschreiten und sie ihrem grenzenlosen Elend überlassen? Gewiß nicht! Die Verfasserin schlägt nun als daS Mittel, das heute und in den nächste» Jahrzehnten das soziale Martyrium der galizischen Juden lindern könnte, vor: dem Massenelend eine Armenpflege im Großen entgegenzustelleu. Darunter versteht sie aber nicht die traditionelle Wohlthätigkeit, sondern vielmehr jene soziale Hilfsthätigkeit, die in direktem persönlichen Verkehr die Bedürftigkeit und Unwissenheit aufsucht und eventuell zur Verfügung stehende Gelder und andere Mittel in ihrer Verwendung kontrolirt. Das ist nun ein sehr schwieriges Kapital, aber man muß anerkennen, daß die Ausführungen der Verfasserin durch Klarheit und praktische Gedanken sich auszeichnen. Sie geht bis ins kleinste Detail, aber auf diesen Details beruht doch im letzten Grunde die gesundheitliche und ökonomische Basis eines Volkes. Es entsteht nun die Frage, wer soll diese Herknlesarbeit leisten? P. Berthold möchte ausgebildete Volkspfleger und Pflegerinnen nach Galizien sendeil. Sie meint, daß durch diese eine rasch in Wirksamkeit tretende Hilfsaktion sich entwickeln köunte. Es müßten Sanitätsstationeu gegründet werden, und die von den Stiftuttgsschulen bereits erkämpften Plätze könnten die Angriffspunkte werden, von denen aus sich die pflegerische Kulturthätigkeit über ganz Galizien ausbreiten köunte. Vor allem sind es zwei große Arbeitsgebiete, die in Betracht zu ziehen sind: die eigentliche Volkspflege auf Grund sanitärer und erziehlicher Maßnahmen und die Begründung, die Organisation und die Installation dieser Volkspflege, die, wohl eruwgen und wohl durchdacht, der Ausgangspunkt der Hilfsaktion werden müßte. Um den Juden in Galizien zu helfen, bedarf es großer Mittel an Geld, aber noch größerer an Intelligenz, Willen, Ausdauer, persönlicher Hingabe und Geduld. Aber sicher werden Alle, denen das schreckliche Wort „Massenelend" wie ein Weckruf erklingt, der Verfasserin zustimmeu, wenn sie sagt, daß es eine unserer ersten Aufgaben als Juden sein müsse und zugleich eine unserer vornehmsten Pflichten im Dienste der Menschheit, die galizische Judeufrage zu einer rationellen Lösung zu bringen. Me Woche. Berlin, 17. Oktober. enn uid)t alle Zeichen trügen, so wird in dieser parlamentarischen Kampagne der Kampf um die Schule heftiger als je entbrennen. Centrum und Konservative scheinen sich zu gemeinsamem Ansturm auf die- Schule zu vereinigen, und im Landtage ist für ein Gesetz nach dem Herzeil dieser beiden Parteien eine bedeutende Majorität vorhanden. Sie wollen das Eisen schmieden, so lange es heiß ist und stehen nicht an, ihr Ziel der sogenannten „christlichen Schule" offen zu zeigen. Was aber die konservativ-antisemitischen Kreise darullter verstehen, das geht mit erschreckender Deutlichkeit aus dem folgenden Herzenserguß hervor: „Zur Wahrung des christlichen Prinzips der deutschen Volksschule erscheint rms der Neligionslehrplan recht reformbedürftig. Außerdem aber muß die christliche Schule das Recht haben, unchristliche Elemente auszuschließen. Deshalb llehmen wir den Standpunkt ein, daß die Inden durch Einrichtung jüdischer Schulen für ihre Jngendbildung zu sorgen haben. In diesen Schulen können auch die jüdischen Lehrer Verwendung finden. Irr christlichen Schulen sind Inden nicht an: richtigen Platze. Uns ist es unverständlich, daß selbst Kreise, welche Verfechter der konfessionellen Schule sind, kein Haar darin finden. daß christliche Schulen jüdische Elemente als Lernende und als Lehrende anfnehmen. Wer es mit dem deutschen Volke gut meint, der muk nach unserer Anschauung dafür eintreten, dafe die „Fremdkörper" ans unserer Schule entfernt werden." Wir wisseu also, um was es sich bei diesem Kampfe handeln lvird. Sehr interessant ist für uns der polemische Artikel des hiesigen Antisemitenblattes gegen die „Kreuzzeitung", lvelche angeschuldigt wird — man höre und staune! -- ans Seite der Juden Inder Könitz er Affäre zu stehen! Und was hat die brave „Kreuzzeitung" verbrochen, um diese energische Zurechtweisung zu verdienen? Man höre und staune weiter! Zum „Fall Moritz Lewy" brachte das führende Organ der konservativen Partei folgenden Artikel: „Mit der Verhaftung des Moritz Lewy ist die Untersuchung über den Konitzer Mord in ein neues Stadium getreten. Zwar sind wir nicht der Meinung, dafe schon jetzt sichere Anhaltspunkte über die Art des Mordes, seine Beweggründe und die Person des Mörders gewonnen seien. Man kann auch nicht einmal behaupten, dafe durch den bisher ermittelten Thatbestand dem Moritz Lewy eine vorsätzliche Verletzung der Eidespsticht nachgewiesen sei. Aber der driugerde Verdacht einer solchen Verletzung besteht ohne Zweifel, und die belastenden Momente sind viel stärker als diejenigen, die seiner Zeit gegen Jsraelski oder gegen Speisiger Vorlagen. Sollte Lewy nicht in der Lage sein, den Widerspruch seiner eidlichen Aussage mit derjenigen mehrerer anderen Zeugen auszuklären, sollte ferner jeder Zweifel an der Glaubwürdigkeit der letzteren sich als unberechtigt erweisen und demgemäß bei Lewy das Verbrechen des Meineides als erwiesen anzusehen sein, so wird ohne Zweifel die Frage nach den Beweggründen dieses Verbrechens anfgeivorfen lverden müssen. Dadurch kann möglicherweise etwas Licht in die dunkle Angelegenheit kommen. Man wird also der bevorstehenden Hanptverhandlung gegen Lewy mit Spannung entgegensehen müssen. Wünschen möchten wir nur, daß alles vermieden wird, was die Bevölkerung der Stadt Könitz anfregen und zu Ausschreitungen veranlassen könnte. Die Ausschreitungen, deren sich einzelne Elemente derselben im Sommer schuldig gemacht haben, haben schwere Nachtheile nicht nur für die Uebelthäter, sondern auch für den ganzen Ort zur Folge gehabt, und die Bemühungen, den Thäter zu entdecken, in keiner Weise gefördert. Möchte jeder einsichtige Bürger sich bewußt sein, dafe Gewaltthätigkeiten unter allen Umständen strafbar sind, gegen wen sie auch gerichtet sein mögen, und daß der bloße Verdacht noch nicht ansreicht, um ein Verbrechen als erwiesen zu betrachten." Dieser harmlose Artikel ist es nun, der den Zorn der Antisemiten hervorgerufen, und zwar aus drei Gründen. Erstens seien die Juden und die Behörden schuld an den Unruhen und nicht die Konitzer Bevölkerung; der Appell an diese sei also „eine ganz gehörige Unterstellung". Zweitens sei Moritz Lewy die vorsätzliche Verletzung der Eidespflicht „bereits nachgewiesen". Drittens aber laufe der ganze Artikel darauf hinaus, die Wiederaufnahme des Ermittelungsverfahrens bis nach der Erledigung des Falles Lewy hinauszuschieben, was aber den Antisemiten nicht paßt. Siefordern schon jetzt und vorher „das Ermittelungsverfahren mit neuen Männern unverzüglich aufznnehmen". Zum Glück lassen sich die Justizbehörden solche

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