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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-19 · Heft 42 (19.10.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 42 (19.10.1900)
Date
1900-10-19
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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64. Jahrgang. Ur 42. Krrlin» 19. Oktober I960. Allgemeine ettung oesAudmthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabbinrr Dr Ludwig PHMppson-Lonn. Verlags-Grpedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition i n Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Leitartttel r Noch eine Iudenfrage. — Die Woche. — Höre Israel! Von Alfred DalLmann. — Zur jüdischen Frauenfrage. — Das Hüttenfest und die Rumänen Von Dr. A. Eckstein. — Die jüdische Ablherlung der New-Yorker öffentlichen Bibliothek. Von Dr. S. Mandelkern. — Prof. Max Koner und seine Familie. Von Anna Segert-Stein. — Feuilleton: Die Rettung. III. Eine Hamburger Auswanderergeschichte von Paula Faber. -- Eine Makame von Samuel Kristeller. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Thorn, Könitz, Schwerin a. W., Hannover, Hildesheim, Speyer, Karlsruhe, Wien. — Bon Rad und Fern. — Briefkasten. — Geschäftliche Notizen. Noch eine Iudenfrage. Berlin, 17. Oktober. s charakterisirt unsere gegenwärtige Lage am schärfsten, daß aller Orten in jedem Augenblick neue „Judenfragen" auftauchen. Aber es ist gar kein Zweifel, daß neben >>em rumänische«! Elend das der Juden in Galizien allen Denkenden die schwersten Sorgen «nacht. Dabei kommt es gar nicht in Betracht, »velches Elend größer sei, ob das der rumänischen oder das der galizischen Juden. Hier «vie dort muß geholfen «verden — das ist die Hauptsache. Um aber eine solche Hilfe planmäßig und systeniatisch ins Werk setzen jii können, bedarf es genauer Kenntnisse der einschlägigen Äerhältniffe. Aus einer solchen ist die kleine Schrift hervorgegangen, welche von unserer Mitarbeiterin P. B erthold: „ZurJudenirage in Galizien" soeben in Frankfurt a. M., Verlag Gebr. Knauer, erschienen ist. Zivei Gedanken sind es vor allein, die die Verfasserin in Wirklichkeit gesetzt sehen möchte, u«n den galizischen Juden eine neue und sichere Grundlage für eine uienschenivürdige Existenz zu verschaffen: Die Förderung des Äolksschnlunterrichts und das Bestreben, die Juden vom Kleinhandel zur Industrie und Landwirthschaft zu führen. Die erste Forderung wird zuin Theil durch die Stiftung des Baron Hirsch, «velche 12 Millionen Francs beträgt, die andere d««rch die Jewisli Colonisation Association und andere gemeinnützige Institutionen vertreten. Es ist interessant, zu erfahren, mit «velchen Schwierigkeiten die Baron Hirsch-Stiftung im Anfang ihrer Wirksamkeit zu käinpfen hatte. Heute bestehen 50 Stiftungsschulen in Galizien, die von etwa 11250 Knaben besucht «verden. Die Knaben lernen lesen und denken. Ihr Gesichtskreis wird erweitert, ihre schlummernden Fähigkeiten werden geweckt und damit eine antreibende Sehnsucht nach einem neuen, besseren, schöneren Leben. Etwa tausend von diesen Knaben «vurden bei Handwerkern untergebracht. Leider sind aber von der Hirsch. Stiftung die Mädchen ausgeschlossen. Zwar hat die Wittive des Stifters anläßlich des fünfzigjährigen Regierungsjnbilänms des Kaisers von Oesterreich eine Stiftung zur Unterstützung von Knaben und Mädchen in Galizien mit 172 Millivuen Gulden errichtet, und aus derselben sind bisher 4 Mädchenschulen begründet worden. Aber ungeachtet dieser Dotation ist die Lage der Schulstiftmigen doch eine solche, daß die Zinsen zur Bestreitung sämmtlicher Auslagen nicht ansreichen. Wer sich des Falles Arateu und mehrerer anderer gleiche«« Genres erinnert, der «vird es begreifen, wenn die Verfasserin unserer Schrift vor allein auf die Erziehung der «veiblichen Jugend als eineu der wichtigsten Faktoren des Erziehungswesens himveist und sagt: „Indem die Baron Hirsch-Stiftung Schulen für Knaben gründet und sich der intellektnellen Ausbildung der Mädchen fast gar nicht annimmt, begeht sie genau dieselbe Ungerechtigkeit, die der galizische oder russische Staat den Juden gegenüber begeht, indem er sie nicht der gleichen menschlichen und staatsbürgerlichen Rechte theilhaftig «verden läßt, «vie sie die christlichen Belvohner des Landes genießen." Was nun den zweiten Gedarlken betrifft, durch dessen Ausführung man des galizischen Elends Herr zu «verden hofft, nämlich die Erziehung der Massen zur Industrie und zum Ackerbau, so ist derselbe ohne Zlveifel ein sehr guter und gesunder. Ob er aber auch praktisch durchführbar ist, das hat bis jetzt noch nicht festgestellt werden können. An und für sich ist es ja geiviß eine verlockende Vorstellung, daß all diese Schankivirthe, Kleinhändler, Tagelöhner, Arbeiter u. s. >v., die infolge des immer mehr um sich greifenden Antisemitismus unter den drückendsten Lvhnverhältnissen mit Weib und Kindern ein kümmerliches Dasein führen, zu einem kräftigen, die Scholle bebauenden und in Werkstätten arbeitenden Volke «verden sollen. Man begreift es, das; die J. C. A. dieses Planes sich angenommen, und auch der von den deutschen Bnei Brith-Logen in Aussicht genommene galizische Hilfsverein dieses Projekt auf seine Fahne geschrieben hat. Um die Einführung einer so zahlreichen Bevölkerung in Ackerbau, Weinbau ««ud Gärtnerei zu bewerkstelligen, ist Bodenbesitz das erste Erforderniß, und damit ist auch die erste große Schwierigkeit zngestandei«, mit der dieses Projekt zu kämpfen hätte. Vorhergehen müßte aber in jedem Falle die körperliche und geistige Umwandlung größerer Sippen und Gemeinden, die jahrhundertelang zum Ghetto verurtheilt «varen, zu Landlvirthen. Allerdings hat die Erziehungsanstalt in Ahlem bereits den Betveis erbracht, daß, «venu jüdische Knaben stramm und tüchtig erzogen und zu körperlicher Arbeit angehalten werden, sie sich physisch normal und kräftig entivickeln. Die Verfasserin meint aber nicht mit Unrecht,

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