Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228407--56908-3293246- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 Verurtheilteu aufevleflt. In den mündlich verkündeten Gründen ist auf Grund der beeidigten Zeugenaussage der in Frage kommenden Magd gesagt, daß die von den Angeklagten erhobenen Vorwürfe nach der Ueberzeugung des Gerichts ungerechtfertigt seien und nur erhoben worden seien, weil der Privatkläger jüdischer Religion sei. Der Angeklagte Wenng hatte in der Verhandlung betont, daß er nicht, wie der Vertreter des Saniuel Klein gesagt habe, schon etwa zehiunal, sondern schon etwa fünfnudzwanzigmal wegen Beleidigung bestraft worden fei, daß er aber den Artikel gebracht habe, um zu zeigen, wie schlecht christliche Dienstboten tu jüdischen Häusern behandelt würden. — Wer übrigens die Verhältnisse tatsächlich kennt und sich denselben nicht absichtlich verschließt, weiß wohl, daß christliche Dienstboten in Wirklichkeit vielfach mit Vorliebe in jüdischen Häusern dienen, weil sie dort neben vorzüglicher Beköstigung und gutem Lohne insbesondere auch sehr gut behandelt zu werden pflegen. n. Heidelberg, 7. Oktober. Ein plötzlicher und unerwarteter Tod hat Herrn Hanptlehrer Meier Kahn seiner Familie und seiner Thätigkeit entrissen. Am Morgen des Verjöhnnngstages verschied er sanft infolge eines am vorhergehenden Tage erlittenen Schlaganfalls. Seit mehr als 46 Jahren im badischen Schuldienste, bekleidete er über 15 Jahre eine Hauptlehrerstelle an der hiesigen Volksschule. Außerdem war er Sekretär der israelitischen Gemeinde und gehörte dem Vorstande mehrerer Wohlthätigkeitsvereine an. Ueberall verstand er es durch seine Pflichttreue, durch Bescheidenheit. Einfachheit und Liebenswürdigkeit sich in hohem Maaße beliebt zu machen. Davon legte die große Betheilignng bei der am verflossenen Freitag stattgehabten Beerdigung beredtes Zeugniß ab. Außer dem Schulvorstande, dem Vorstande der israelitischen Gemeinde, den Direktoren der höheren Schulen, an welchen Herr Kahn den Religionsunterricht ertheilte, gaben ihm viele Kollegen, Freunde und Bekannte das letzte Geleite. Auf dem Friedhof schilderte Bezirksrabbiner Dr. Pinkuß die Bedeutung des Verewigten in einem wahren Lebensbilde, das auf die Gemüther aller Zuhörer einen wahrhaft tiefergreifenden Eindruck hervorbrachte. Tief erschüttert trauern nur um den Verlust dieses so lieb und theuer gewesenen Mitbürgers. Sein Name und sein Andenken lvird stets unter uns fortleben. a. Düsseldorf, im Oktober. Der zwanzigste Bericht des Vereins zu r Verbreitung und Förderung der Handwerke unter den Juden über seine Thätigkeit vom 1. April 1899 bis 31. März 1900 ist soeben erschienen. Bei Beginn des Berichtsjahres 1899/1900 standen unter Obhut des Vereins 66 Lehrlinge bezw. Fachschüler; davon hatte Düsseldorf 32, Köln 28 und Aachen 6. Es wurden neu anfgenornmen bezw. unterstützt von Düsseldorf 12. von Köln 10, von Aachen 1. Nach beendeter Lehrzeit schieden aus, von Düsseldorf 12, von Köln 9, von Aachen 4, so daß am Ende des Berichtsjahres noch 64 Lehrlinge bezw. Fachschüler vorhanden waren. Davon befinden sich im Lehr- Ungsheim zu Düsseldorf 22. im Lehrlingsheim zu Köln 22. und sind auswärts untergebracht bezw. unterstützt 20. und zwar je 10 voll Düsseldorf und Köln. Nach Beendigullg der Lehrzeit bezw. des Fachschulkursus sind ansgeschieden : 1 Bäcker, 3 Dekorationsmaler, 3 Klempner uild Jilstallateure. 1 Schlosser, 8 Schneider, 4 Schreiner. 2 Schuhmacher, 2 Tapezirer und Polsterer. Von den neuaufgenommenen Lehrlingen werden: 2 Buchbinder, 1 Buchdrucker. 2 Dekorationsmaler, l Klempner und Installateur, 9 Schlosser, 4 Schneider, 1 Schreiner, t Sattler und 2 Tapezirer und Polsterer. Zur weiteren Allsbildullg nn Zeichnen und anderen Fächern hatten die Lehrlinge in Düsseldorf, Köln und Aachelt Gelegenheit durch den Besuch der städtischell Fortbildnngsbezw. Abendschulen. Allßerdem ertheilte Herr Lehrer Th. Fränkel im Lehrlingsheim 31t Düsseldorf in 2 Stunden wöchentlich einen Fortbildungsunterricht im Deutsch-Lesen und Schreiben, Rechnen und Buchführen. Anfertigung von Rechnungen und Geschäftsbriefen, und im Kölner Lehrlingsheim leitete Herr Inspektor I. Goldschmidt einen gleichen Unterricht. Die fillanzielle Lage des Vereins ist be- Medigend. Der Kassenbestand beträgt in Düsseldorf Mark 2293,45. <u Köln Mark 675,90 und in Aachen Mark 569.48. Der Vorstand besteht aus den Herren: G. Herzfeld, Vorsitzender, H. Ruthenbnrg, Kassirer, I. Levis on, Schriftführer, Rechtsanwalt Dr. Leuison. Rabbiner Dr. David, als geschästssührender Ausschuß. — Der Bericht der Abtheilung Köln, '^Israelitisches Lehrlingsheim Köln), ist nicht weniger erfreulich. Das Jahr 1889 bezeichnet einen erfreulichen Wendepunkt in der Thätigkeit dieser Abtheilung. ttutei' zahlreicher Betheiligung und Thcilnahme der Schulbehörde konnte das ' ueuerbaute Lehrlingsheim am 23. Juli seiner Bestimmung Übergebell werden. Im abgelausenen Berichtsjahre hatte das Heim unter seiner Fürsorge 38 Zöglinge, davon waren 23 int Heim. 4 bei ihren"Eltern in Köln und 11 bei auswärtigen Meistern nntergebracht. Dem Berufe nach waren 3 Schreiner, 3 Polsterer u»ld Tapezirer, 8 Klempner und Installateure, 2 Schuhmacher, 1 Schriftsetzer, 11 Schlosser, 1 Mützenmacher, 2 Buchdrucker. 1 Schneider, 1 Anstreicher und Maler, 1 Buchbinder. 1 Bäcker, 2 Sattler, 1 Maschinentechniker lbesucht die Maschinenballschule). Als Gesellen wurden entlassen: 3 Klempner und Installateure, £ Schreiner. 1 Schneider. 1 Schuhmacher und 1 Polsterer. Der Vorstand der Abtheilung Köln besteht aus den Herren: Dr. med. B. Auerbach, Vorsitzender. Rechtsallwalt L n d lv i g (5 a h e n, Schriftführer, Jacob G 0 ttschalk, Kassirer, F r. Drucker, Rabbiner Dr. Frank, Herm. Jonas, I. Levy jr.. Mor. Levy jr., P h. N e ck a r s u l m e r, O t t 0 N 0 t h s ch i l d. Engen S t e r n b e r g, Leollhard Titz, Dr. med. Jos. Wall erst ei u. Oesterreich Ungarn. □ Wien, 7. Oktober. Vor dcm Bezirksgericht fnub vorgestern eine interessante Verhandlung über eine Beleidigungsklage gegen den Advokaten Dr. Glistav Morgenstern, veralltwortlichen Redakteur des Fachorgans der Wiener Advokaten „Das Barreall", statt. Im Juli hatte der Staatsallwalt von Tarnopol in seinell Ansführungeu gegell eillen lvegell Betrugs angeklagten Jlldell gesagt: „Nach dem gänzlichen Niedergallge des Handels uild Gewerbes in Galizien verblieb uns blos der Kleinhandel, der sich in der schulutzigen jüdischen Masse konzentrirt. die den Adel um sein Erbe gebracht, die Stadt- und Dorfbevölkerulig ihres Vermögens eiltblößt nnb sich wie ein Krebsschaden bei uns eingewurzelt hat; ihre Religion gestaltet nicht blos, sondern gebietet Betrügereien. Zu solchen Jüdlein gehört auch der Angeklagte." Diese Worte wurden im „Barreall" scharf kritisirt. Der Staatsanwalt stellt vornehmlich die in dein Blatte gebrauchterl Ausdrücke „Lumpiger Staatsallwalt" und „Schweinseele" unter Anklage. Die Verhandlung endete mit Verurtheilung des Verklagtell zu hundert Kronen Geldbuße. In der Begründllng des Urtheils wird erklärt, daß sich der Angeklagte wohl eines Uebergriffs schuldig gemacht habe, daß aber der Beweggrurld seiner Halidlullgslveise anzuerkenllell lvar. — Der hiesige antisemitische Abgeordnete Karl Mittermayer wurde wegen Bedrohllng zu einenl Monat schlveren Kerker verurtheilt. Er hatte einen Gastwirth damit bedroht, daß er „mit taitfenb Arbeitern kommen und die Bllde inulld auswendig demoliren" werde. Mittermayer selbst gab vor Gericht all, daß er schwer betrullken gewesen sei. Seill Bertheidiger nlachte als Milderungsgrllnd gelteild, daß der Angeklagte voll geringer Bildllng und verwahrloster Erziehling sei. Ulld dieser Malul ist Reichsrathsabgeordneter der Stadt Wien! — Wie gemeldet wird, hat Leopold Hülsner gegell die wider ihn erhobeuell neuell Allktagell aus Mord und Verteullldnng den Eillspruch an das Oberlalldesgericht erhoben. Dieser lvird von Dr. Auredniczek ansgeführt werden. Jnsolge bestell wird der Prozeß zunächst lloch ilicht angeordilet werden können. Bei der Verhandlung werden ben Angeklagteil Dr. Auredniczek uild Dr. Podicka alls Pisek vertheidigell. — Die Gesellschaft für Sam m l ll n g u u d K 0 nser - virung von Kunst- und hi st ori schell Denkmälern des In de nt hu ms in Wierl versendet ihren dritteil Jahresbericht. Den Eilinahmen roll 11,066 Kr., die sich aus den Mitgliederbeiträgen, Subventionen ulld Spendell refvntireu, stehen die Ausgaben in Höhe von 9092 Kr. gegenüber, die in den Kosten für Allkallf von Objekten, für die Erhaltung des bereits sehr reichhaltigen Museums der Gesellschaft, ferner für die Vorträge und ben Beitrag für Herausgabe von Werken bestehen. Die Allzahl der Mitglieder beträgt derzeit 240. Denl Jahresberichte sind beigegebell: Der sehr werthvolle Nachruf an Dr. David Kaufmann, welchell Professor Dr. D. H. Müller im Jüdischen Museum am 21. Dezember 1899 hielt, sowie der Vortrag des Rabbillers Dr. Schmiedl, ebenfalls in der Gesellschaft am 10. Dezember 1898 gehalten über „das älteste Buchdrama der Weltlitteratur", das Bllch Hiob. Wir wünschen der Gesellschaft auch ferner den besten Erfolg! — Eine interessante Entscheidung ge gen den G es ch Üft s a n t i s em i t i s - mus hat das Oberlandesgericht tu Prag gefällt. Am 29. Jlili d. I. wurde die „Nationale Zeitung", ein delltsch-natiollales Antisemitenblatt in Saaz, wegen eines auf der ersten Seite erschienen eil Aufrufes, der sich gegen die jüdischen Kaufleute richtete, konfiszirt. Das Blatt er" hob natürlich Eillspruch gegen die Koilfiskatiou, und bei der am