Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 Hierselbst einige der bekannten Siegelmarken: „Kaust nicht bei Juden!" Obgleich sie die Thal emgestanden und sich des groben Unfugs schuldig gemacht hatten, wurden sie freigesprochen! R Pr-Friedland, 2. Oktober. Ein Festtag war der 20. v. M. für die hiesige jüdische Gemeinde. Es erfolgte an demselben die Einweihung der n eu erbauten Synagoge. Die Feier begann mit dem Abschiede vom alten Tempel. Nach eitlem etnleitenben Choral hielt Rabbiner Dr. Walter-Bromberg die Abschiedsrede, welche auf alle Zuhörer einen mächtigen Eindruck machte. Ein Schlußchoral beendigte diese Feier. Hierauf ordneten sich die Besucher des Gotteshauses zu einem Festzuge nach der neuen Synagoge. Vor dem Portale sprach die älteste Tochter des Nepräsentantenvorstehers P. Freundlich einen östrophigen, sehr sinnreichen Prolog, von Herrn Kantor Rapp verfaßt, die Herrell Baumeister Falcke und Valleutiu übergaben unter passenden Worten das Gebäude der Gemeinde, Herr Hirschfeld als Gemeindevorsteher überreichte dem Bürgermeister die Schlüssel, und dieser, dem Hause seinen Schutz zusichernd, denselben dem amtirendeu Rabbiner. Kaum geöffnet, füllte sich sehr bald der Tempel. Der Chor sang das Ma-towu. Der Rabbiner zündete die ewige Lampe unter ergreifenden Worten und dem iiblichen Segeusspruch an die Thorarollen wurden eingesetzt, und Herr Dr. Walter hielt, gestützt auf •">. B. M., Kap. 29. V. 28, die Weihrede. Ein erhebendes Hallelujah schloß auch diese Feier. Sämmtliche Gesäuge waren voll Kantor Rapp eingeübt unb wurden mit vielem Beifall ausgenommen. Die auf Kosten des Frauenvereiils von der Firma Geschlvister Bleichrode iw Berlin gelieferten Paramente erregten allgemeine Bewunderung und gereichen der Synagoge zur Zierde. An der Festlichkeit nahmen Vertreter der Stadt sowie viele christliche Bürger Theil. Die Synagoge macht auf die Beschauer eineil impofauten Eindruck. r. Stettin, 7. Oktober. Unter zahlreicher Betheiligulig der Mitglieder der jüdischen Genleiude feierte anl 30. v. M. der erste Kantor ilnserer Gemeinde, Herr I. S ar a s o h n , sein 25 jähriges Amtsjubilänm. Schon in trüber Morgenstlmde brachte der Syliagogenchor unter Leitung des königlichen Mllsikdirektors Lehnlami dem Jubilar rin Ständchen dar. da dieser Chor dlirch die Uneigellnützigkeit und das inilige Verständlljß des Gesanges seitens des Jubilars in den letzten Jahren einen solchen Aufschwung erfahren hat. daß er sich ebenbürtig gleichell Kircheilchörell zur Seite stellen kanil; es gelang dies mit thatkräftiger Unterstützung des Ku ltiisvorstehers Herrn S. Lew in. Seitens des Vorstandes der Genleiude. lvelcher in corpore unter Führuilg des Herrn Dr. rned. Freulld zur Gratulation erschienen war, lvllrde Herrn Sarasohn als Zeichell der Ailerkeulluug der Ehreiltitel „Oberkalltor" unter gleichzeitiger Ueberreichullg einer kullstvolleil Adresse und eine namhafte Gehaltszulage gespendet. Herr Dr. Freulld brachte in beredten Worten als Dallk für die bisherige Thätigkeit dem Jubilar die Glückwüilsche der Geineirlde dar. Tief ergriffen darlkte derselbe und gelobte, auch ferner seine Kräfte dem Dienste der ihn: so lieb gelvordenen Geuleiilde zu weihen. Hierauf ergriff Rabbiner Tr. Vogelstein das Wort, unl das Wirken des Jubilars als Beamter und Lehrer der Religionsschute zu schildern; er hob rühmend in seiner Rede hervor, wie es der Jubilar in dem Zeitraum der 25 Jahre verstanden, die größte Eintracht unter den Beamten zu fördern und sich gleichzeitig die Achtung und Liebe seiner Schüler zu erringen; auch als Förderer der Mildthätigkeit sei der Jubilar als ein Vorbild zu bezeichnen: ist es doch so vielen ärmlichen und kränklichenKilldern durch lhn beschiedeu worden, Antheil an beu Vergünstigungen der Ferienkolonien zu nehlnen, und durch die Begründung des israelitischen Knabeuvereins hat er sich ein unauslöschliches Dellkmal in unserer Gemeillde erlvorbeu. In gleichem Sinne gab der Vorstand der jüdischen Loge, Herr Cronbach, seinen Gefühlen Ausdruck. Zahlreiche Gratulanten erschienen, voll liah lilld fern liefen Depeschen, Briefe mld Geschellte ein. Abends fand int engsten Familienkreise noch eine kleine Feier in den Rällttlen der Loge statt. l. Aus Overschlesien, im Oktober. Der Synagogengelu e i n d e v e rb a n d des Regierungsbezirks Oppeln, der feine diesjährige Hauptversammlung am 31. d. M. in Ratibor abhält, hat wiederulll einen Beweis seines fortschrittlichen, die Fragen der Zeit kühll ersasselldeu Sinnes dadilrch gegeben, daß er den Vorstand der freien Vereinigung jüdischer Lehrer Oberschlesiens zu der Sitzung geladen. Dieser Schritt ist llicht llur deshalb ein so hocherfreulicher, als er den anderen Gemeindeverbändell des deutschen Reiches zur Nachahmullg bienen wird, vielmehr bedeutet er einen Bruch mit der mittelalterlichen Stellung der Temeindevorstände den Lehrer,t gegenüber. Das Wohlwollen, die Achtling vor den Jugendbildnern wird ullter diesen eine lebens- und berufsfrohere Stimmung zeitigen, die ganz gewiß Schulen und Gemeindel, von nicht z,i unterschätzelldem Vortheil gereichen wird. Nicht verschweigen wollen wir, daß es ben Bemühungen des Waisenhausdirektors Herrn Katz-Rybnik gelilngen ist, seinen Gedanken Eillgang und Ausführung zu verschaffen. Der Verbandspräsident, Rechtsanwalt Schüller zu Gleiwitz, und der Ausschuß des Syllagogenverbandes des Regierllngsbezirks Oppeln aber habet, sich die dankbare Anerkennung der jüdischen Lehrerwelt erworben. 0 Zittau, 6. Oktober. Ullsere junge Genleiude hat die erste Stiftllng erhalten. Als eine Abordnung am 30. v. M. Herrn M. Glaser, der seit 20 Jahren Vorsitzender des Vorstalldes ist, ein Geschellt überbrachte lmd zur Silberhochzeit gratlllirte, überreichte der Jubilar derselben ein erhebliches Werthpapier, mit der Bestimmung, die Zinsen desselben alljährlich zu Prämien für fleißige Religiousschüler zu verlvenden. Möge das G.'sche Ehepaar noch lange Gelegenheit haben z,l sehen, lvie die Stiftuilg segensreich wirkt. a. Holzminden, 1. Oktober. Jllfolge seiner Anstellung als ställdiger Lehrer der herzoglichen Bangewerkschnle verabschiedete sich Herr Lehrer I. Schöilbach am erstell Festtage nach 22jähriger Wirksamkeit als Lehrer itnb Kultnsbeamter von seiner Gemeinde. Jll dankbarer Anerkennung dieses 22 jährigen segensreichell Wirkells, als besonderes Zeicheil der Liebe und Hochachtung, die derselbe sich bei Jederlliaim erlvorbeu, mürbe demselben am Vorabend des Festes durch eine Abordnung der Gemeinde ein kostbares Ehrengeschenk überreicht. Herr Samuel, der Redner dieser Deputation, übermittelte in vortrefflicher Rede den Dank und die Wüllsche der Gemeinde, des Einzelnen wie der Gesammtheit, daß es Herrn Schöllbach vergönilt fein möge, mit derselben Gewissenhaftigkeit nlld Treue, mit der derselbe bisher gelvirkt, etncf) der Allstalt, an lvelcher er als jüdischer Lehrer seine feste Allstellullg gesundell, noch recht viele Jahre seine Dienste z,l rvidmen. Zum Nachfolger des Herrn Schönbach lvllrde eillstinlulig Herr Lehrer Albert Marx ans Dortmund gewählt. # Nieheim i. W, 10. Oktober. Am 10. v. M. starb hier in fein er Vaterstadt nach langen schwere!, Leiden der Lehrer mtb Prediger Aron I. Ken berg. Derselbe hat annäherltd 25 Jahre in der Arnsberger Synagogellgelneinde segensreich gelvirkt und war vorher noch einige Jahre in Lemgo i. Lippe als Lehrer thätig. Welches Ansehen der Dahingeschiedene genoß, geht daraus hervor, daß der Vorsteher und lnehrere Gemeindemitglieder hierher geeilt lvaren, um dem Verstorbenen bas letzte Ehrengeleit zu geben. Außerdem erschien noch eine Deputation der katholischen Lehrerinspektion Arnsberg-Freiwohl und legten einen Kranz ans seine Bahre nieder. Am Grabe sprach Lehrer und Prediger Bnchthal von hier und schilderte in trefflichen Worten die Tugenden des Verstorbenen. Möge die Erde dem Entschlafenen leicht sein! —t. München, 4. Oktober. Wie schon in Nnmlner 36 mitgetheiU war, hatte gegel, die R ed akteur e Otto Sch o y des „Bayerische!' Vaterlands" und Ludlvig Wenug des „Deutschen >Volksblattes" in München der Schlosser Samuel Klein in Pest Privatklagc lvegen Beleidigung erhoben; beide hatten nämlich dern Privatkläger in einem gleichlautenden Zeitungsartikel, den der eine mit „Jüdische Rohheit und Brutalität", der andere mit „Christemnädcheu in Inden- Häusern" überschrieben hatte, vorgeworfen, daß er seine Magd, welche in der vorangehenden Nacht Zwillinge frühzeitig geboren hatte, mit beispielloser Rohheit in die kalte Nacht hinaus ans dem Hause getrieben habe, so daß sie nnt den tobten Kindern im Arme nmhecirrte. Dcn Schöffengericht beim königlichen Amtsgerichte München I hatte du beiden Verklagten am 25. August wegen öffentlicher Beleidigung zu je 10 Mark Geldstrafe uild zum Abdruck der Vernrtheilung im „Bayerischen Vaterland" und im „Deutschen Volksblatte" verurtheilt. Auf die gegen dieses Urtheil von Samuel Klein eingelegte Berufung hin hat die I. Siraskammer des kölliglichen Landgerichts München! dieses Urtheil, abgesehen vom Schuldaussprnche, aufgehoben, die beiden Angeklagtell aber zu je 50 Mark Geldstrafe verurtheilt und den Abdrucl der Verurtheilnng nicht nur im „Bayerischen Vaterland" und im „Deutschen Volksblatte" angeordnet, sondern auch den Samuel Klein für berechtigt erkannt, auf Kosten der Verurtheilten deren Verurtheilung in den „Münchener Neuesten Nachrichten" öffentlich bekamst zu machen; auch lvnrden die Kosteil der beiden Instanzen den beiden