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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-12 · Heft 41 (12.10.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 41 (12.10.1900)
Date
1900-10-12
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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64. Jahrgang. Nr. 41. ^XX 0tX Berlin. 12. Oktober 1900. Werfage zur „Mtgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. S£2 Berlin, 5. Oktober. Am 3. d. M. ist hier der bekannte Bildhauer Hugo Nh ei uh old im Alter von 47 Jahren nach schweren Leiden gestorben. Nheinhold war nicht nur ein Künstler von grober Begabung, sondern ein höchst interessanter, bedeutender Mensch. Er hat den Weg zur Kunst erst nach langen Irrfahrten gefunden. Nachdem er längere Zeit hindurch eine geschäftliche Thätigkeit ausgeübt und sich auf vielen überseeischen Neisen einen Blick fürs Große erworben hatte, kam er in den achtziger Jahren nach Berlin, um Philosophie zu studiren. Eng befreundet mit dem verstorbenen Professor v. Gizhcki, lvurde er mit diesem und dem Geheilnrath Förster zusammen Mitbegründer der „Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur". Aber auch die Wissenschaft fesselte ihn llicht für das Leben. Im Alter von 34 Jahren wandte er sich plötzlich mit Begeisterung der Kunst zu und trieb mit eisernem Fleiß, angefeuert durch zielbewußten Idealismus. seine Studien so eifrig, daß er schon nach wenigen Jahren mit selbständigen Werken vor die Oeffentlichkeit treten konnte. Zwischen seinen größeren Arbeiten schuf Nheilihold unablässig Grllppen, Entwürfe, Porträtbnsten. von denen sich rnanches im Besitz von Berliner Kunstfreunden befindet; unter anderem die Statue einer „Schnitterin", die im Gipsmodell auf der Ausstellung seiner Zeit Entzücken erregte und die Nheinhold für eine bebentenbe hiesige Privatgalerie in Marmor ausgeführt hat. Auf der diesjährigen Ausstellung war von ihm eine Brunnenphantasie zu sehen. die durch ihren barocken Humor die Aufmerksamkeit der Beschauer auf sich zog; zwei Wassergottheiten, die in einer lauschigen Grotte mit weit vorgestreckten Seibern zum Kusse zu einander streben. Die von der Nationalgalerie zur Ausführung in Marmor angetanste Gruppe „Am Wege" ist sicher eine seiner bedeutendsten Schöpfungen. Rheinhold hat auch an allen Angelegenheiten des Judenthums lebhaften Antheil genommen. Fast 20 Jahre laug gehörte er dem Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" all mld hat in diesem Amte als Rendant wie in den Kommissionen eine eifrige Thätigkeit entwickelt. Der Raule des so früh voll uns geschiedenen Künstlers wird nicht llur von seinen Freundell, sondcrll auch voll der deutschen Kunst in Ehren gehalten werden. Welin Rheinhold and) keiner voll den führenden Meisterll war: er war einer von benen, die durch ihre Begabung, durch ihre Weltallschauling und durch die ehrliche Begeisterung eines schönheitsfrohell Herzens anseuerud lind belebend auf die Uebrigen wirken. S. Berlin, 7. Oktober. Der Tod hält reiche Erllte in nuferer Gemeinde: am 2. d. M. ist nach mehrwöchentlicheul Selben Herr B ernhard Cr o ner im 59. Lebensjahre verschieden. In denl Verstorbenen ist ein Mann dahiugegangen, dessen Name immer unter deil besten gellannt lvurde imb auch in der That einer der Edelsten unb Besten war. die unter uns lebten. Gar vieles, was ihm das Seben an materiellen Gütern brachte, diente ihm nur dazu, Thrnuen 311 trocknen und Schmerzen 311 lindern, und so wird sein Heimgang von allen Derlen aufs Tiefste beklagt werden, welche feine freigebige Hochherzigkeit und die hierbei bewiesene Vorllehmheit seines Charakters kennen zu lernen Gelegenheit hattell. Denl hiesigell Lokalkomitee der Jstirmee israelite universelle gehörte er viele Jahre hindurch als Schatzmeister an, in der Bär Philipp Goldschmidt-Stiftullg leitete erden Vorsitz, er zählte auch u. a. in Magiue Reim und der Dina Baueu'schen Stiftllng sowie in zahlreichen anderen Vereinen 31t den stückigen Vorstandsmitgliedern. Edlell Silines lvidmete er, der zu früh für die Mellschheit verschied, seine Kräfte dem Gemeiilwohl und saild ill der opferwilligen Thätigkeit die Frellde seilles Gebens. Das Andenken dieses wahren Mellschenfreulldes. das stuchtbringend lveiter lvirkeu Nlöge. wird ein gesegnetes bleiben in unserer Mitte. S. Berlin, 7. Oktober. Wie jetzt bekallllt lvird, ist die landesherrliche Genehmiglmg zur Annahule sowohl des Legates der Bamberger'schen Erben wie des Deutsch'schen Legates, das inl Betrage voll 6000 Mark zu ©unfteu des jüdischeu Kralikellhauses ausgesetzt worden ist.eillgegangeu. Die Bestätigung deserstgellanlltenLegates, dessen Vorlage ill der Repräsentalltellversalllllllung, wie wohl noch erillilertich, sehr große Stürnle der Erregung entfesselt hatte, fami in liberalen Kreiseil mir lebhafte Befriedigung Hervorrufen. Die Vorgesetzte Behörde hat sich wohl auch llicht zu der Ansicht allfschwillgell köullen, in diesem Legat, beffeu Wortlaut ja zweifelsohne geschickter hätte gelvahlt werdell kömleu, eine „Perhöhnullg des Judenthums" zu erblickeil, mld hat sich ill dieser Allsicht trotz des von eilligell orthodoxen Nepräsentauteu auf eiue so seltsame Weise ill Szene gesetzten Protestes llickt beirren taffen. F. Berlin, 5. Oktober. Die llächste Sitzmlg der „Wissenschaftlichen Vereilligllllg jü bischer Schlllnläilner zll Berlill", filldet a,il Sonnabeild, ben 13. Oktober, Abends 81/» Uhr im Vereinslokal, Kölligst. 29. statt. Gäste silld stets herzlich willkommen. — Berlin, 10. Oktober. Das Vorstaildsulitglied eines hiesigell Synagogen-Vereins, der Kanfmalln Bernhard Faber, hatte sich gestern vor der 130. Abtheilliilg des Schöffengerichts zu verantloorten. weil er eineil a u s l ä n d i s ch e ll Juden 0 h ll e G e ll e h ln i g lt ll g des Millisters als Rabbiller allgestellt hatte. Inl vorigen Jahre tauchte hier ein Mann aus Galiziell auf, der sich um die gerade vakante Nabbinerstelle belvarb unb auch probeweise aio ge st eilt lvlirde. Seine Leistullgeu befried igtell keineswegs, es kaill sogar 31t nllliebsalnell Allftritten während der Allsübung seiner Alnts- Handlungen. Derselbe ist inzlvischen voll der Polizei allsgewieseil worden. Der Allgeklagte entschuldigte sich danlit, daß er geglaubt habe, zu eiller probeweisell Allstettuilg bedürfe es llicht der millisteriellen Gellehmigullg. ein Eillwand, den der Gerichtshof keineswegs für stichhaltig hielt. Der Allgeklagte wurde 311 einer Geldstrafe von 60 Mark verurtheilt. 8. Berlin, 7. Oktober. An deil l)oben Festtagen fand unter Mitwirkung der bekallllten „ O r i en t a l is ch e N N a t u r s ä n g er- G e s e l l - scha st", welche seit drei Monaten im Thaliatheater u. a. O. mit gutem Erfolge gastirt, im Grand Hotel Alexanderplatz ein Gottesdienst statt, der sich eines lebhaften Zuspruches seitens hiesiger Gemeindemitglieder zu erfrenell hatte. Die voll dem Chor int Wechselgesang mit dem Kailtor allsgeführten Gesällge warell von recht eigellartigem Reiz unb verfehlten ihre Wirkung llicht, wellugleich sie an eilligell Stelleil docli allzu sehr an die sonstige Thätigkeit des Chores genlahilten. U. Schneidemühl, 5. Oktober. Der hiesige christliche Barbier P. hatte vor eiiligen Moilaten mit dem jüdischen Glasernleister L. Streit gehabt, lveshalb ihll Letzterer loegellB el e i d igu »l g verklagte. Der Herr- Barbier glaubte sich hierfür anl besten dadllrch 31t räch eil, daß er die ihm zllgestellte Terminvorlage mit einigeil antisemitischen Bilderbogen voul sogenanllten Blutmärchen ins Schansellster hängte. Aber umkurz war seine Augellweide. beim bald darauf ersuchte ihll im Nanleil des Gesetzes der hiesige Polizeikomulissar, der auf Veranlassung der Herren Berliner rnld Edel hillgeschickt luurbe, sein Schaufenster voll solchem Unfug zu säubern. Da der Barbier dllrch das Aushängen oben genannter Bilderbogen eine große Menschemuenge herbeigelockt hatte, verlirtheilte ihll der Bürgermeister 31t 20 Mark Ordnungsstrafe. Hiergegen legte er beim Schöffengericht Berllfung ein. Das Schöffengericht erkannte ihll der Anfreizullg zum Klassenhaß für schuldig unb verurtheilte ihn zu einer Geldstrafe von 30 Mark. Auch mit diesenl Urtheil begnügte er sich llicht und appellirte an die Straskalilmer. Diese hob das Urtheil der Vorillstanz auf und erkannte auf eine Geldstrafe voll 60 Mark. Hoffentlich wird sich der Herr Frisellr mit dieseln Urtheil zufrieden geben und keine Lust ulehr verspürell. feine antisemitische Gesinnung durch Aushängen derartiger Bilderbogen zuln Ausdruck zu bringen. — Zwei Söhne des hiesigen Fleisch er Meisters Hossmallll klebten all die Pforte des jüdischell Gastwirthes I.

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