Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 492 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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492 in ihrer düsteren Unwirthlichkeit mit der Absicht angelegt, den Scheidenden den Abschied zu erleichtern?) Helene war noch nie in diesem Stadtviertel gewesen und schaute mit ziemlich unbehaglichen Gefühlen auf die ihr fremde Umgebung. Ihre Gefährtin indessen wand sich geschickt durch die winkeligen Gänge und Güßcheu, bisweilen mit der ihnen folgenden alten 'Line oder mit einzelnen ihrer ihnen begegnenden Schutzbefohlenen einige Worte wechselnd. Helellens Verwunderung gelvahrend, deutete sie dann auf ein die Bezeichnung „Eichholz" tragendes Straßenschild. „Nicht wahr, hellte fcheillt es fast unglaublich, daß hier einst — bis in die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhullderts, — ein stattlicher Eichenwald stalld! Aber ich glaube, ich mache meine belehrenden Bemerkungen ganz vergeblich rrnd Du hörst lvieder nicht zu." „Doch, doch!" sagte die Andere hastig und wie aus einem Traume auffahrend. „Verzeih, ich bin eine sehr langweilige Gesellschaft. Aber ich dachte gerade über jenes „Einst" nach. Jnl Vergleich zll damals ist die Welt hellte doch fortgeschritten, — für lins wenigstens." „Das weiß ich eigelltlich nicht," entgegnete Sophie bedächtig, „es ist ja lvahr, hier mag's jetzt besser sein. Ich glailbe, llllsere Vorfahren mußten dazumal lloch hübsche, gelbe Lapperl als Abzeichen all ihren Kleidern tragen, jedenfalls ist es noch nicht lange her, daß sie auf diese anmuthige Auszeichnung verzichten durftell. Unb speziell in Hamburg wurdell rvir deutschen Judeil recht häufig — lvelln es bem hohen Rath ans irgend einem Grunde beliebte, — kurzerhand aus der Stadt getriebell. Im klebrigen aber — nun Du wirst es gleich selbst sehen, wie herrlich viel weiter es Hulrranität, Auftlärrmg rrnd Dllldurlg in all den seither verstrichenen Jahrhuridertell gebracht haberl!" Sie bogen irr ein sehr enges Seitengäßchen ein, dessen uralte Häuser mit ihren dichten Reihen kleiner, vielscheibiger Fenster, beit je um eine Balkenbreite über die tiefer gelegenen vorspringenden Stockwerken, ben spitzen, schwarzröthlichen Giebeln erfreulicher für ein Materange als für eine Gesundheitskomlnissioll oder für die in den niedrigell, lufttosell Kammern Wohnelldeli sein mochten. Wie in einem Bienenkörbe wimmelte es hier auf denl schmalen, schlechtgepflasterteil Streifen zwischen den zwei überhällgenden Häuserzeilen — nun größten Theile voll Angehörigen jelles Stamnles, auf dem der Flilch der Ruhelosigkeit zu ließen scheillt, und die jetzt die Ilubarlllherzigkeit ihrer Mitmenschell Hinwegtrieb von der Scholle, allf der sie geboren, hinüber übers Meer. Sophie loies auf ein etlvas größeres Haus, vor dem mehrere Herren und Dan'.eu, Angehörige des Kolnitees, das sich jener Hilflosen anllahm, staliden. „Dort ist für die nächsten Tage eine Filiale des Hauptbürealls eingerichtet," sagte sie, „damit man hier alles, was nöthig ist, zur Hand hat. Komm mit hillüber. . ." (Forts, folgt.) 9 Von jener ganzen Gegend lvird bald keine Spur mehr zu erblicken sein. Kürzlich hat der Hamburgische Senat das Gesetz über die Verbesserung der Wvhnungsverhältnisse im Stadttheil Neustadt- Südertheil verkündet. Eine große Anzahl von Grundstücken wird vom Staate angekanft, und durch Anlage von breiten Straßen Luft und Licht in jenes Labyrinth von Gängen und Höfen geschaffen lverden. Damit hat Hamburg ben ersten großen Schritt zur Sailirung seineralten Stadttheile gethan. Nas tägliche Hauptgelret.*' (Schemone esre.) Ewiger, du Gott der Väter, die dich erkanilt in alter Zeit, Die deine Größe, deine Allmacht verehrt und deine Herrlichkeit, Dll bist auch lms der Allerhalter, und deine gnadenreiche Huld Sie tilgt ob desVerdienst's der Ahnen der späten Enkel Fehlund Schuld. Du nimmst von uns dieNoth der Zeiten, und deinen Namen Preisen mir: Ja, du bist unser Schild und Beistand und ullser Helfer für und für! Du bist der Lebenden Erhalter; den Tobten leuchtet deine Gnade. Und führet sie aus Nacht uild Dunkel des ew'gen Lebens lichte Pfade. Du bist dell Wankenden die Stütze, ein treuer Arzt den Leidenden; Befreier ans der Schmach der Ketten, der letzte Trost den Scheidenden. Und schlummert unser Leib im Staube, so waltet deine Treue noch Und hebt aus ihrer irdischen Hülle die Seele zu dem Himmel hoch. Du tobtest Ulld giebst neues Leben und wandelst die Vergänglichkeit, Du Herr der Kräfte, Heilerwecker, in sterbellslose Ewigkeit. Ja. Heiliger, das ist dein Nanle, und heilige Schaaren preisen dich: Gelobt seist du, o Gott der Welten, gelobt dein Name ewiglich; Gelobt, daß du auch uns Erkenntniß für deines Wesens Größe gabst. Und täglich unsres Geistes Schwäche mit deines Geistes Lichte labst. So nähere du uns deinem Dienste und deiner Lehre nlehr und mehr. Ulid wenll wir fehlten, wenn loir irrten, mach' ulls die Buße nicht zu schwer. Vergieb, o Vater, uilsre Sülldell, wenn reuevoll wir dir genaht, Wir fti-eben ja zu dir, du Vater; den krunlmen Pfad mach' wieder grab. Und unsrer Noth lnach du ein Ellde und unsre Sache führe du, Zu deines großen Namens Ehre gieb deillem Volke Fried' und Ruh. Gieb sie ihrn bald in unfern Tagen und heile ulls, daß wir gesllndell, Hilf uns, o Herr, bis unserer Leiden Genesung wir bei dir gesmlden. Du sendest Heilung deinen Kranken, deli Menschen wie denVölkerschaaren, Daß sie im Lichte deiner Gllade des Lebens Sonne sich bewahren. Gieb diesen: Land, das wir bewohlren, das deine Gnade uns erschloß, In diesem Jahr des Segens Fülle, die erlist aus Zion sich ergoß, Gieb seinen Früchten froh Gedeihen, gieb jedem Hungrigen sein Brod, Fern sei von jedes Hauses Schwelle des Lebens Weh, des Huilgers Noth. Uns aber laß der Freiheit Töne in diesem Jahre neu erschallen. Es küilde der Posaune Rusen Befreiung ben Verstoß'nen allen. Gerechte Richter laß uns fhtben, auf daß die Ullschuld nicht verderbe. Und ullser Recht, das viel getret'ne, in Haß und Druck uns nicht ersterbe. Vor deinen Stuhl laß hin uns treten und richte uns nach deiner Milde! O Herr, deck' uns vor falschem Rechte mit deines Rechts erhab'nem Schilde. Laß die Verleunldllng kraftlos werden, den Frevel gleich dem Ranch zerfließell, Der Bösen Uebermuth zerstöre und laß uns neues Heil ersprießen. Die Frommen und Gerechten alle laß ihren Lohn erschauell, Auf daß sie nicht beschämet werdell, die, Herr und Gott, auf dich vertrauen. So mög' uns Zion neu erstehen, ein Heiligthum für die Nationen, Ein Bau aus ewig, in der Mittel: soll deine Herrlichkeit nun thronen. Dann wird die Zeit des Heils erscheillen, Gerechtigkeit die Erde füllen, Und deines Volkes bitt're Schmerzen wird deine Halld. dein Balsam stillen. So Hoffell lvir von Tag zu Tage, laß itnfre Stimme zu dir dringen. Und laß dein gnädiges Erbarmen den Flehenden die Antwort bringen. O laß ilus nicht mit leeren Händen hinweg voll deinem Allgesichte, Verstoße nicht das andachtsvolle Gebet aus deilles Himmels Lichte: Blick' gnädig auf dein Volk hernieder und gieb uns wahre Frömnligkeit. Daß wir in Demuth dich verehren, in: Glück dir dienen wie im Leid Daß wir dir danken alle Zeiten, der du der Herr des Lebens bist. Der du uns schirmst, ohn' den die Mühe des Menschen doch vergebens ifi Du aber führst durch tausend Wunder, durch tausend Gnaden uns zum Ziel O Herr, wie hast du doch der Güte, wie hast du des Erbarmeils viel Gieb Segens Fülle, gieb uns Freuden, erleuchte uns mit deinem Licln Und sende uns der Strahlen einen von deinem hehren Angesicht. Senk' uns ins Herz der Tugend Liebe, die Milde und Gerechtigkeit, Aus daß lvir uns zu dir erheben, du Fels und Hort der Menschlichkeit Gelobt seist du. o Gort und Vater, der uns das Licht der Welt beschiedeu, Der Israel und allen Menschen giebt Freude. Ruhe, Recht und Frieden *) Das von ulls hier zum Abdruck gebrachte religiöse Gedicht hat wie der Einsender Herr Geheimer Regierungsrath Dr. Mayer in Karlsruhe uns mittheilt, einen der hervorragendsten Juristen Deutsch lauds zun: Verfasser ulid lvird voraussichtlich neben einer Uebertragnug ii: Prosa in dem von dem Großherzogl. Oberrath der Israeliten Badens herallszngebeuden Gebetbnche seine Stelle finden. Die Red. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.