Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-12 · Heft 41 (12.10.1900) · p. Seite 490

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 41 (12.10.1900)
Date
1900-10-12
Page
Seite 490 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228407--56903-3293241
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

490 sondern das Bestehen der non der Jewish Colonisation Association unterstützten Kolonie Margo auf Cypern und das in letzter Zeit gewonnene Material werden jede neue Ansiedelung außerordentlich erleichtern. Dies zeigte sich vor Kurzem, als einige russische Juden sich in der Nähe von Margo ankauften, und wird sich mit jedem künftigen Falle noch mehr bewahrheiten. 3um Schluß sei noch auf einen Grund hingewiesen, der mich besonders veranlaßt hat — unbekümmert um scheinbare Mißerfolge -- die Sache nicht fallen zu lassen. Wir brauchen ein Junuigrationsgebiet, daß sich uns nicht verschließen kann 9, und ein Land, in dem die Wirkungen jüdischer Arbeit nicht übersehen oder anderen Umständen zugeschrieben werden können. Aus dem amerikanischen Israel. Von Professor Dr. G. Deutsch. II. m Tanchuma, Abschnitt Pinchas ed. Buber 78 b heißt es: Ein „Goj" fragte den Rabbi Akiba: Warum feiert ihr Feste; steht es nicht ausdrücklich geschrieben: „Eure Neumonde und Feste haßt meine Seele?" Daraus antwortet Rabbi Akiba: „Hieße es: Meine Neumonde und meine Feste," lvürde ich Dir zustimmen; da es aber heißt „euere Neumonde und euere Feste" so bezieht sich der Prophet auf die von Jerobeam gestifteten Feste (1. Köu. 12,32), aber Gottes Feste lverden uieinals aufgehoben werden, denn von ihllen heißt es: Festgegründet sind sie für alle Einigkeit (Psalm 111, 8). Ist mm dieses Stück eine harmlose Anekdote, ein Bruchstück aus einem Zeitungsberichte oder einem Almanach, das sich etwa 1800 Jahre lang erhalten hat? Schwerlich, wir haben es ohne Zweifel mit einer Polemik gegen das radikale paulinische Christenthum zu thun. Dasselbe, wie es uns im Galater- und im Römerbrief entgegentritt, ging auf die völlige Auflösung der jüdischen Individualität los und bekämpfte deshalb hauptsächlich Beschneidung, Sabbath- und Speisegesetze. Der Autor des Galaterbriefes richtet die zornigen Worte an seine Gerneinde: Ihr beobachtet Tage, Monde, Zeiten und Jahre. Ich fürchte, daß meine Arbeit an Euch verloren ist (4,11). Auf jndenchristlicher Seite gab es Männer des Kompromisses, die überzeugt waren, das Gesetz werde von selber fallen, und dafür eintraten, daß man durch radikales Umstürzen aller Gewohnheit nicht „den schwachen Bruder zum Strauchelll bringe" (Korinther 8,9). Beschneiduug oder Nichtbeschneidung ist ganz Nebensache, das soll Jeder mit sich selber ausmachell (ebd. 7,18), ebenso, ob er diesen Tag heilig halte oder diese Speise essen, oder meiden lvolle (Römer 13.6). Gegen diese Männer der goldenen Mitte treten die Entschiedenen von rechts und links auf. Der Radikale auf der Linken, der Verfasser des Galaterbriefes sagt: Das ganze Judenthum ist enthalten in dem Gebote: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (5,14); macht 9 In einer der letzten Nummern von „Jewish Chronicle" befindet sich ein Brief eines Herrn, der kürzlich Cypern besucht hat. Derselbe saßt sein Nrtheil in folgendem Schlußwort zusammen: „Es wäre wirklich zu bedauern, wenn die Kolonisation in Cypern anfgegeben werden sollte, wo die Opfer des Antisemitismus unter englischen! Schutze Ruhe und Frieden finden könnten." Ernst mit diesen: Prinzip lind lasset das Gesetz fallen, das euer Fluch ist (3,10). Die Radikalen von rechts sagen wieder: „Sehet, lvohill euer Liberalisnuls, euere Synlbolik lind ethische Deutung der Gesetze, euere Träume von einer messianischen Zeit autonomer Ethik führen! Wer nicht null, daß das Judenthum sich auflöse, muß das Gesetz für unauflöslich erklären." Damit haben wir denn auch den Schlüssel zu dem Ausspruche Eleasars ans Modiin, welcher das Nichtbeobachten der Festtage und der Beschneidung sowie die Interpretation des Pentateuchs (als Symbol) und nicht als Gesetz als völligen Bruch mit dem Jlldenthum erklärt (Adoth 3,11). Freilich bleiben solche Erklärungen des Gesetzes immer noch theilweise Hypothesen, und müssen es auch wohl, weil die wirkliche Erkenntniß seines Zusammenhanges nur auf verläßliche Berichte von Zeitgenossen basirt werden kann, die eben fehlen. Anderseits ist diese Erklärung immer uod) sicherer nnd vernünftiger als die, welche das Gesetz eillfach aus der Tradition herleitet, und darüber nlöchte ich doch einige Worte sprechen, weil ich einen Schaden unseres religiösen Lebens zur Sprache bringen kann. Es ist Mode geworden, den loichtigsteu Auseinandersetzungen dognlatisrher Natur aus dem Wege zu gehell. Mau zieht ein Fragment von Gemeindestatuten Riechwmkels ans Licht, mau edirt sorgfältig Varianten zu Chajim Galipapas Bemerkungell zu den (Stoffen Nissirn Gerundis zu Alfasi. Das ist ja nach Herrn Lowell auch löblich, aber prinzipiellen Fragen weick)t man aus. Ueber meine Untersuchung „The tlieory of cral tradition“ sagt ein Rezensent, der gerade so viel Englisch versteht, llm sich die Worte authentk* Interpretation of tlie Thora deuten zu können: Solche Niederträchtigkeiten haben andere Bösewichte schon vor Rinaldo Rinaldini verübt, aber er bleibt mir die Erklärung schuldig, wieso, wenn das tägliche zweimalige Rezitiren des Schenia eine auf Moses zurückgehende Einrichtung ist, mall lloch im zweiten Jahrhuridert, also nach sechzehnhuudert Jahren über die Gebetszeit so widersprechende Meinungen haben und die Entstehung auf Opposition gegen das Christenthum D^ttn D3J7E zurückführen konnte? Ein Anderer erklärt emphatisch: Wo die Tradition einmal ihr Banner entfaltet hat, hört jeder Zweifel auf. Merkwürdig! Die Tradition behauptet, daß blutende Hämorrhoiden oder Hautkrankheiten die inneren Organe vor Erkrankung behüten, aber die Wissenschaft schüttelt den Kopf. Die Tradition behanptet, daß der Löwe, wenll er im ersten Sprunge seine Beute nicht erreicht, sich beschämt umwendet, aber der Löwe selbst weiß nid)ts davon, wie Brehm bezeugt. Die Tradition lehrt, das Jesus eine Hierarchie mit Petrus als Papst, ben Aposteln als Bischöfen und den siebzig Schülern als Priestern geschaffen habe, während uod) gegen Ende des zlveiten Jahrhunderts Bischof imd Presbyter als Synonyme gebraucht werden. Besonders interessant sind in der neueren jüdischen Geschichte die Beispiele von der selbstverleugnenden Bescheidenheit der Rabbiner, deren Prototype sich bis in das zweite Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Simeon ben Gamaliel nennt in einer talmudischen Sage seinen Sohn Jehnda Hanaßi einen Fuchs, den Sohn eines Löwen, während Eleaser ben Simeon ein Löwe, der Sohn eines Löwen sei. (Baba Mazia 84, b.) Als Sdjela, Oberhaupt der Schule in Babylonien, den aus Palästina gekommenen Rab erkennt, räumt er ihm bereitwillig ben Platz, dessen er nicht mehrwürdig sei. (Joma 20, b.) Ebenso bereitwillig räumt Rabbi Nathan in Toledo seinen Platz, als Moses ben Chanoch aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.