Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 489 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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489 stellen, daß, wenn die Sache gut war, Niemand vor mir darauf gekommen sein sollte. Zahlreiche Privatgespräche brachten mir das noch fehlende Selbstvertrauen. Ich fand Viele, die meine Spezialisirung für grotesk hielten, aber Niemanden, der einen gesunderen Vorschlag wußte. Meine Spezialisirung war übrigens keine so enge. Ich hielt die Lösung der Judeufrage für möglich im türkischen Orient — in Palästina und seinen Nachbarländern —, Länder, die sich öffnen würden, nachdem ein Anfang auf Cypern unseren prädestinirten Freunden, den Türken, den Werth und die Friedlichkeit des jüdischer! Elements über jede Möglichkeit eines Zweifels hinaus bewiesen haben würde. Ich glaube an die orientalische Lösung der Judenfrage. Meine Verstandesgründe sind die Nothwendigkeit der Emigration, das Fehlen anderer Jmmigrationsgebiete und die stets drohenden Rückschläge in den gewonuensten Positionen, wie wir sie kürzlich in Frankreich und anderen „Kulturländern" erlebt haben. Nachdem einige Versuche, die Sache in aller Stille einzuleiten, mißglückt rvaren, zwangen mich die Lage der Bergarbeiter in Boryslaw und die drohende Wetterwolke in Rumänien aus meiner Reserve herauszutreten. Ich ging nun zunächst nach Berlin, wo eine Anzahl der hervorragendsten Inden sich zu einem Cypern-Komitee konstitnirten. Im Herbst ging ich dann über Borhslaw und Rumänien nach Cypern. In Rumänien wurde ich von einigen Herren, deren Urtheil ich schätze, aufgefordert, erst mit dem nächstwöchentlichen Dampfer Constauza zu verlassen, da es dringend nvthwendig sei, die Cypernaufregung, die sich der Gemüther bemächtigt hätte, zu dämpfen und die Leute von übereilten Schritten abzuhalten. Der geradezu krankhafte Auswanderuugstrieb, von dessen Vorhandensein Europa inzwischen die Beweise erhalten hat, war gerade darnals im Entstehen begriffen. Man wußte überhaupt nichts von Cypern, als daß vor 15 Jahren schon ein Ansiedelungsversuch dort mißglückt war. 127 Seelen waren damals mit zusammen 12,800 Francs (!) nach Cypern gegangen und waren froh gewesen, nach vielen Monaten von Entbehrungen — und infolge dieser auch Krankheiten — theils nach Rumänien zurück, theils irgendwohin sonst sich retten zu können. Ich blieb also acht Tage in Rumänien und that alles Mögliche, um die Leute zu überzeugen, daß für mindestens vier Monate vor einer Auswanderung nicht die Rede sein könne. Das Centralkomitee wurde telegraphisch nach Galatz zusammenberufeu, die Zeitungen wurden mit geeignetem Material versehen, und das Ziel wurde auch erreicht: die Leute erfuhren etwas über die thatsächlichen Verhältnisse, sie beruhigten sich und warteten aus die Nachrichten, die ich zurückbringen lvürde, und in Wirklichkeit fand bis zum Frühjahr keine Auswanderung nach Cypern statt. Ich kehrte gegen Januar über Rumänien zurück und berichtete dem Centralkomitee von dem Entgegenkommen, das ich in Cypern seitens der Regierung gefunden hatte, und von der Arbeitsgelegenheit bei den Stauwerken der Regierung, wo mir für Hunderte von jüdischen Arbeitern Beschäftigung zugesagt worden war. Im Februar kam dann in Berlin eine Hilfsaktion zu Gunsten der Boryslawer Arbeiter zustande, deren ursprünglich geplante rationellere Dimensionen leider durch die vielerseits geäußerten Bedenken beeinträchtigt wurden, und die schließlich durch eine unerhörte Gegenagitatiou unl ihren Erfolg gebracht wurde. Ein Galatzer Verein von 52 Familien sandte — gleichfalls im Februar — 11 Leute als Avantgarde nach Cypern. Dieselben fanden bei den Stauwerken Arbeit und auskömmlichen Verdienst, so daß sie einen Theil ihrer Familien (vorerst 28 Seelen) im April Nachkommen ließen, und auch der Rest des Vereins (200 bis 250 Seelen) wollte tm Mai Rumänien verlassen. Bis dahin hatte die eyprische Regierung keinerlei Schwierigkeiten gemacht. Als aber Anfragen einliefen, woraus ersichtlich war, daß große Gruppen von offenbar mittellosen Juden einznwandern beabsichtigten, da befürchtete man, daß diese in Abwesenheit einer größeren jüdischen Bevölkerung, die sich ihrer im Nothfalle annehmen würde, dem Lande zur Last fallen könnten. In einem ähnlichen Falle, nämlich als vor zwei Jahren über 1000 Duchoborzen kamen (russische Christen, die ihres Glaubens wegen Rußland verlassen mußten), wurden gewisse Bedingungen gesetzlich bestimmt, unter denen mittellosen Einwanderern (destitnte immegratioiis) die Landung gestattet werden sollte. Diese keinesfalls prohibitive Maßregel, die zum Unterschied von anderlvärtigen Einwanderungsbeschränkungen, mit denen wir zu rechnen haben, keine anti-jüdische Tendenz hatte, wurde nunmehr erneuert. Auf eine Anfrage seitens einer Dampfergesellschaft, die den Transport der Galatzer Juden bereits übernommen hatte, kaut die Antwort, daß die Landung nicht erlaubt sei. Es verging dann lange Zeit, bis ich in den Besitz eines offiziellen Schreibens der cyprischen Regierung gelangte, aus dem die genauen Bedingungen ersichtlich waren. Inzwischen waren die armen Leute, die ihre Wohnungen bereits anfgegeben hatten und schon seit lange beschäftigungslos waren, in der schlimmsten Lage. Ich karn nach Galatz und setzte den Leuten den Stand der Sache genau auseinander, so daß es ihnen klar sein mußte, daß bis zum Eintreffen genauer Nachrichten an eine Abreise nicht gedacht werden konnte. Trotzdem sind sie Vier- Wochen später aus Gründen, die vielleicht einmal aufgeklärt werden, nach dem Piräus abgereist. Die Bedingungen, von deren Erfüllung die Zulassung mittelloser Einwanderer in Cypern abhängig gemacht wird, bestehen darin, daß die Gesellschaft, welche die Sache in die Hand nimmt, für das erste Jahr Nahrung, Wohnung und ärztliche Behandlung zu stellen hat. Der Posten für Nahrung ist mit 7 Pfund Sterling (Mark 140) per Kopf und Jahr offiziell festgestellt. Der Rest ist mit 3 Pfund Sterling leicht zu bestreiten. Außerdem wird eine Garantie dafür verlangt, daß die Eimoanderer, falls die Ansiedelung fehlschlägt, anderswohin befördert werden. Wie wenig diese Bestimmungen prohibitiv wirken sollen oder anti-jüdisch gemeint sind, geht aus ziemlich gleichzeitigen Nachrichten seitens des Departements der öffentlichen Arbeiten von Cypern hervor, nach welchen Juden bei diesen Arbeiten Beschäftigung erhalten sollten und sogar einige Spezialwünsche berücksichtigt wurden. Während einerseits die oben erwähnten Einwanderungsbeschränkungen nur geeignet sind, ungesunde Kolonisationsversuche zu erschweren und daher mit Freuden begrüßt werden können, so liegen andererseits die Verhältnisse für Ackerbau und industrielle Kolonisation besonders günstig. Nicht nur geben die Regierungsberichte die loerthvollsten Anhaltspunkte,