Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 487 (sequence 9)
- Language
- German
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487 Herr Oberamtmann Ludwig Cohn vor. Rentengüter einznrichten und sie den in Ahlem oder sonstwo altsgebildeten Landwirthen zu überlassen, das Angeld solle ihnen auf Abzahlung oder Amortisation creditirt werden. Die Vorstandsmitglieder Herren Gustav Tuch und Dr. Oppenheimer empfahlen auf genossenschaftlicher Basis errichtete^jüdische Kolonien mit tüchtigen Dirigenten an der Spitze zu begründen und beantragen, daß die Mittel dazu vorläufig von mildthätigen Glaubensgenossen aufgebracht werden. Das Vorstandsmit'glied Herr Mühlenbesitzer Rosenthal ist auch für geschlossene Kolonisation und empfiehlt die Erwerbung voll Gütern in der Nähe großer Städte, deren Auftheilung er nach bestimnltem von ihln vorgeschlagenen System für sehr vortheilhaft und geeignet hält. Auch er setzt die Betheiligung privater Wohlthätigkeit, wenn auch nur in beschränktem Maße, voraus. Das Vorstandsmitglied Herr Konsul Simon hält Kolorrien nicht für unbedingt nöthig, hofft aber, daß seinen früheren armen Zöglillgen das zulll Erwerb vor: Gütern nöthige Kapital zu 1 bis 2 Prozent Verzinsung voll wohlthätigen Glaubensgenossen Hergellehen werde. Wenn ich auch in allen diesen Gedanken, Vorschlägen urld Maßnahmen einen nicht zu unterschätzenden Kerll erblicke, so nehme ich doch zu der ganzen Frage einen so abweichendeil Standpunkt ein, daß ich es für nothwendig halte, ihn zll präzisirell, dalllit er einer Würdigung unterzogen lverde. Wie wir alls vorstehendell Ausführungen ersehen, ist der Gesichtslvinkel, Ullter welchem der Vorstand des Vereins zur Förderung der Bodenkultur sich zu bethätigen sucht, der der Wohlthätigkeitspflege. Erst soll mit Hilfe von Stipendien der Lehrlillg ausgebildet lverdell, dann soll der Ausgebildete durch Vereinsvernlögell in eine Position gebracht werden, später soll das zum Besitzerwerb nöthige Kapital geliehen oder hergegeben lverdeu. Es werdell somit fast ausschließlich arnler Leute Kinder ins Auge gefaßt. Ich aber bin der Meinung, daß auf der Basis der Wohlthätigkeit aus der ganzen Sache nie etwas rechtes werden könnte, selbst dann llicht, welln sehr beträchtliche Beträge von edlen Glanbellsgenossen dazu hergegeben würdell, denn sie lvären lvie ein Tropfen auf einem heißen Steill, was eine einfache Bauernrechnung uns vergegenwärtigt. Fassell wir nur die Ueberleitullg von 1000 Familien ins Auge, denen der geringe Betrag voll nur 5000 Mark pro Familie hergegeben würde, so beträgt dies schon fünf Millionerl Mark. Ich bin dagegen der Ansicht, daß der Verein die Basis seiner Thätigkeit zum größten Theil abseits der Wohlthätigkeitspflege richten sollte, daß seine Aufgabe in erster Reihe in einer zeitgemäßen und intensiven Propaganda in Wort und Schrift bestehen müsse, welche sich all die besser situirten Israeliten zu richten habe, um vor allem diesen das Interesse dafür einzuslößen. Nicht nur den Vätern, sondern allch den Müttern nluß vor Augen geführt werden die Nothwendigkeit, in Zukunft eine Aenderung in der Standeswahl vorzunehmen, sie darauf hinzuweisen, welche Chancen die Landwirthschaft llnd Gärtnerei gegenüber allderen Berufen bieten und ihnen zll empfehleil, ihre Kinder dazu zu erziehell. Es muß erklärt werden, daß es leichter ist, sich als Landlvirth mit eillem Grundkapital von 10000 bis 30000 Mark zu ernähren, denn als Kaufmann oderGewerbetreibender mit solchem Kapital, und daß die Anlage des Kapitals nirgellds so sicher sei, als in Grund und Bodell, der bei gutem Betriebe stets werthvoller in sich selbst lverde, lvogegell Maaren unmodern und entwerthet, Maschinen abgenutzt llnd veraltet lverdeu, und daß nichts ullsicherer sei als ein Geschäft, welches alif Kreditnehmen und -geben basirt ist. Es muß hervorgehoben werden, daß der Aufenthalt auf dem Lallde gesundheitlich weit oorzuziehell und kräftigell Nachwuchs erzellgt. Aber auch die Eillwände, welche gegen die Zuführung zur Landwirthschaft erhoben zu werden Pflegen ulld die sich zumeist auf die Klagen der Agrarier stützen, müssen entkrostigt lverdell durch den Hillweis darallf, daß hier znilleist viel zll theurer Erwerb oder größere Ueberschuldllng, oft zu großer Bedarf oder zu geringe Thätigkeit llnd Fürsorge, oft auch zll gerillge Jntelligellz u. s. w. die Nothlage erzeugen. Neben solcher ntüttdlichen ulld schrifttichell Propagailda llllrß der Vereilr eine Ausklmftsstelle einrichten, von der Jeder Rath ulld Förderung erhält, ulld zllgleich einen Stellennachweis. Meiner Allsicht nach muß es die Hauptaufgabe des Vereills seirl, in erster Reihe die besser situirteil Kreise, den sogenailntell Mittelstalld, zll illteressiren ulld ihll zll veranlassell, selbst praktisch ans Werk zll gehell. Denn die Lalldwirthschaft nnb Gärtnerei ist nur ein lohllellder Berllf für beu gut filildirten Besitzer, ©in solcher wird mit seiller Familie stets seine gesicherte lllld angenehme Eristenz habell und sich bei Intelligellz llnd Fleiß ebenso wie in allen anderen 33erufeu emporarbeiten. Arme Kinder aber zur Landlvirthschaft llnd Gärtnerei mit Hilfe der öffentlichen Wohlthätigkeit auszubilden, halte ich absolilt llicht für rathsam, denn nach den voll mir gemachten jahrelangell eingehendell Erfahrungen fanu sich mit Schaufel und Hacke ein Jude in Deutschland als ländlicher Tagelöhner llllr sehr kümmerlich selbst, absolut aber keine Familie ernähren. Ich halte daher das ausgewendete Stipendium meist für irrationell ausgegeben und jede andere Karriere für ein armes Kind für hoffllungsvoller. Wellll trotzdem aus den niederen Schichten Kinder hierzu erzogell werden sollen, so nluß das betreffende Individuum besonders lllld hervorragend geeignet sein, denn leider geht mit der Arrnnth auch oft angeborene körperliche Schwäche und geringe Jlltelligenz Hand in Hand. Mit solchem Material ländliche Kolonien zu errichten, wäre doch wohl ein kränklich Ding, es gliche eineu Spitalslippe. Soll eilt frischer und gesunder Zug iu die Sache kommen, so muß sie vom kräftigen Mittelstände mit eigenem Kapital unternommen werden. Der Erfolg in der Landwirthschaft hängt mehr als in irgend einem anderen Berufe von der Tüchtigkeit und dem Fleiße ab; der Name „Oekonomie" besagt alles. Wenn befähigte und solid erzogene Glaubensgeuosfen sich der Landwirthschaft zulvenden, werden sie sich bald ebenso den Vorrang erringen, wie ihnen dies im Handelsstande und anderen städtischen Bernsen gelungen ist. Hat sich erst ein wohlhabender jüdischer Landwirthsstand in unserem deutschen Vaterlande gebildet, dann kann sich ein ländlicher Beamten- und Gehilfenstand aus ärmereu Kreisen daran reihen; denn dann werden sie den nöthigen Stützpunkt durch ihre Glaubensgenossen finden können, und daran mögen sich dann zur Hebung auch des vierten Standes jene Wohlfahrtsbestrebnngen anreihen, die gewiß auch praktische Erfolge haben werden.