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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-12 · Heft 41 (12.10.1900) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 41 (12.10.1900)
Date
1900-10-12
Page
Seite 486 (sequence 8)
Language
German
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486 finden. Man wird auch in dieser Beschränkung die Erwartungen nicht zu hoch spannen dürfen. Namentlich wurde die von ihm erhoffte günstige Wirkung auf die schwankenden Eterneute in unserer Mitte mtr dann eintreten, wenn die neue Institution in Bälde greifbare Erfolge zu verzeichnen hätte. Ob das nach aufceu der Fall sein wird, steht dahin; wir haben es jedenfalls nicht in der Hand. Unseres Erachtens büvfteit daher die Ziele einer so umfassenden Organisation nicht so eng gesteckt werden, wie Professor Phitippsou es Ihnt, indem er ihr lediglich die Bertheidigung der staatsrechtlichen Stellung der Juden sowie die Einwirkung auf die öffentliche Meinung und die leitenden Kreise der Staaten und des Reiches als Aufgabe zuweisen will. Eine Thätigkeit, die in bloßer Abwehr oder in der Formulirung voll Forderringen gipfelt, kann aus die Dauer nicht befriedigen. Mit derselben müßte eine positive Wirksamkeit nach Innen Hand iit Hand gehen, die sich die Hebung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der deutschen Juden mittelst Zusammenfassung und Anspannung der eigenen Kraft zum Ziele zu setzen hätte. Hier die rechten Wege zu weisen, zur Schaffung geeigneter Spezialorganisationen anzuregen und diesen den nöthigen Rückhalt in der öffentlichen Meinullg zu sichern — das wäre eine des allgemeinen deutschen Judentags würdige Aufgabe, die dazu noch den Vorzug hätte, auch in nichtjndischeu Kreisen — selbst miubei* wohlwollende nicht ausgenommen — Verständniß und Anerkennung zu finden. In der Voraussetzung, daß der Vorschlag des Herrn Professor Philippson eine Erweiterung nach der von uns angedeuteten Richtung sehr wohl verträgt, unterstützen wir seinen dankenslvertheu Aufruf an die deutschen Glaubensgenossen. Eine zeitgemäße Frage für die deutschen Juden. Vvii Engen Rose »stiel, Berlin, f ie Ernährungsverhältnisse der mittleren und niederen jüdischen Klassen in Deutschland sind im letzten Dezennium einer dauernden Veränderilng irnterworsen, sie werden vvn Tag zu Tag schwieriger. Ecist nicht nur der Antisemitismus mit seinem leider allzu wirkungsvollen Rus: „Kaust nicht bei Inden" und seinem unleugbaren Einfluß, der den Inden alle Aemter vom Minister bis zum Nachtwächter, vom General bis zum Unteroffizier, vom Geheimrath bis zum Büreauassistenten verschließt, es sind noch vielmehr die allgemeinen Verhältnisse, wie sie sich zeitgemäß entwickeln und zuspitzen, Ter Kampf der Agrarier gegen Handel, Industrie, Börse und Hausirhandel einerseits, daun die lautlose, aber um so gigantischere Monopolisirung des Detailhandels durch die großen Waarenhäuser andererseits, sind es. die den jüdischen mittleren und kleineren Geschäftsmann dem sicheren Ruin znführen. Der Zwischenhandel, meist von Inden ansgeübt, wird auf den Aussterbeetat gesetzt, denn mit der Erleichterung der Verkehrs- Verhältnisse ivird der Vertrieb vom Produzenten zum Konsumenten imnler direkter, Einkaufsgenossenschasten. Beamten- und Offiziers- Vereine, der Uebergang des Bankgeschäfts an die großen Banken, die Veränderungen im Getreidehandel u. s. w, untergraben geradezir die Existenzmöglichkeit der jüdischen Bevölkerung, denn gerade diese ist dabei am meisten betroffen. Ueberfüllt und daher zum größeren Theil schlecht ernährend sind auch die Gelehrtenstände, der Aerzte, Rechtsairwälte rc. Eine Besserung in diesen Verhältnissen ist in Zukunst nicht zu erwarten; im Gegentheil läßt die an sich gerechtfertigte wirthschastliche Entwickelung sowie die Strömung der gesetzgebenden Faktoren eine Verschlimmerung befürchten. Daher ist es zeitgemäß, sich mit der Frage zu beschäftigen, welche Wege ivir einzuschlagen haben, um der jüdischen Bevölkerung neue Quellen der Ernährung zu eröffnen, und naturgemäß richten sich unsere Blicke auf die Landwirthschaft, welche in Deutschland säst der Halste seiner Bewohner ihren Unterhalt gewährt und die von den Inden, obgleich sie ihnen auszuüben ungehindert gestattet ist, doch nur in minimaler Zahl betrieben wird. Nach der Statistik beschäftigen sich damit nur in ganz Deutschland ca. 3000 jüdische Familien, während sich entsprechend dem Verhältnis; zur christlichen Bevölkerung damit inindestens 75000 Familien beschäftigen müßten. Aber nicht nur die oben dargelegten mißlichen Ernährungsverhältnisse drängen naturgemäß die Inden zur Landwirthschaft und Gärtnerei; es gebieten dies auch die sozialen, ethischen und nicht zuletzt die hygienischen Verhältnisse. Wer wollte leugnen, daß die Inden im Allgemeinen sehr schivächlich und nervös sind und daß die Nervosität ihren Nährboden in den Städten und den dort betriebenen Beschäftigungen findet? Eine Stärkung der künftigen Generation ist einzig und allein durch das Leben auf dem Lande und die Beschäftigung in Gottes freier Natur zu erwarten. Diese Gesichtspunkte und viele andere haben zur Begründung des „Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Inden Deutschlands" geführt. Zwei Grundfragen kommen für uns zuvörderst in Betracht. 1. Auf ivelche Weise muß die Ueberleitnng erfolgen? 2. Was kann und muß der Verein zu ihrer Förderung thun? Wir sind im Vorstande des Bodenkulturvereins und den sich mit diesen Fragen eingehend Beschäftigenden darüber einig, daß zur Ausübung landwirthschaftlicher und gärtnerischer Gewerbe Fachkenntnisse gehören und sonstige Qualifikationen erforderlich sind, die anerzogen und gelernt werden müssen. Dies alles findet man in Deutschland nur bei sehr wenigen Inden. Wir können daher gegenwärtig jüdische Landwirthe, Gärtner nicht ans der Erde stampfen, sondern müssen in erster Reihe dafür agitiren. daß jüdische Knaben dazu erzogen werden. Daher begrüßten wir freudig von Anfang an die für diese Zwecke von Konsul Simon errichtete jüdische Erziehungsanstalt in Ahlem. Es sind dort gegenwärtig circa 80 Knaben, meist aus armen jüdischen Familien kommend, welche aus Kosten mildthätiger jüdischer Glaubensgenossen und besonders der Jewish Colonisation Association (Baron Hirsch-Stiftung) ausgebildet werden. Wir haben es in unser Programm aufgenonnnen, der Anstalt selbst, insbesondere aber den dort ausgebildeten Lehrlingen ans ihrem ferneren Lebenswege förderlich zu sein. Um schon die Liebe zur Natur in früher Jugend zu erwecken, haben wir ferner die Errichtung vvn Schulgärten gefördert, und wenn auch der Anfang noch nicht groß ist, so hoffen wir, daß diese Idee sich nach und nach ausbreiten wird. Die ferneren Vorschläge, die zur Förderung gemacht werden, sind verschiedenartige; so schlägt der Vorsitzende des Vorstandes

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