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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-12 · Heft 41 (12.10.1900) · p. Seite 485

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 41 (12.10.1900)
Date
1900-10-12
Page
Seite 485 (sequence 7)
Language
German
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485 lässigen Meineides. Wie dem auch sei, wir haben als rechtsgehorsame Menschen nichts zu thun, als den Gang des Verfahrens abzuwarten. Ob der Angeschuldigte Lewy heißt oder Speisiger, ist gleichgiltig; nur fanatischer Parteihaß und Geschäftsinteresse dürfen es wagen, dem Spruch der Richter vorzugreifen und einen Angeschnldigten bereits für schuldig zu erklären. Man hält es für gröbsten Unverstand, wenn ein ungebildeter Mensch sagt: „dieser Mensch muß schuldig sein, sonst hätte man ihn doch nicht angeklagt!" Mit dieser Logik der Antisemitenblätter wäre Speisiger auch schuldig. Auch er war ja angeklagt. Niemand wird ja auch von den Blättern, die Könitz durch ihre Sendboten aufgewühlt und die Leitung der Rechtsangelegenheit sich angemaßt hatten, erwarten, daß sie von den fundamentalsten Sätzen der Kriminalistik eine Ahnung haben. Niemanden wird es verwundern, daß sie ohne Weiteres dekretiren: „Leugnen ist Schnldbewußtseiu." Aber ein Meister der Kriminalistik, der auch ein musterhaftes Buch über die Thütigkeit des Untersuchungsrichters schrieb, Professor Hans Groß in Czernowitz, hat in seiner Kriminalpsychologie darauf hingewiesen, daß die schwerwiegendsten Fehler in Uukeuntniß der Thatsache begangen werden, daß Angeschuldigte ganz um wesentliche Dinge leugnen, um nur nicht irgendwie in eine Strafsache verwickelt zu werden. Dies geschieht naturgemäß am ehesten, lvenn eine berufsmäßige Hatz gegen Jemanden ausgeübt wird. Ob Moritz Lewy einen Meineid geschworen hat, lveiß noch Niemand. Aber selbst wenn er es gethan hat, wird man nur psychologisch Nachweisen können, wie viel Schuld die Organe hatten, die die Konitzer Juden insgesammt zur bewußtlosen Furcht und Scheu vor jeder, auch der harmlosesten Beziehung zu Winter getrieben haben. Jeder Schuldige, Christ oder Jude, wird hoffentlich seine gerechte Strafe erhalten. Nur die intellektuelleu Urheber alles Unheils werden frei ausgehen. Nach den jetzt öffentlich bekannt gelvordeneu und den Behörden natürlich längst bekannten Antecedentieu des ermordeten Gymnasiasten, den in der kleinen Landstadt der Nachtwächter fast allnächtlich auf der Straße gesehen hat, lag ein einfaches Verbrechensmotiv nahe genug. Durch planmäßige Hetzarbeit ist Unglück über friedliche Bürger und über ein ganzes Gemeinwesen gekommen. — Als man die Thäter im Chikagoer Bombenattentat nicht eruireu konnte, hingen die praktischen Amerikaner Diejenigen auf, die die geistigen Veranlasser des Verbrechens waren. Wir haben zahmere und bessere Rechtsbegriffe. Aber mitunter wünschte man doch, daß die Führer der antisemitischen Anarchisten an Stelle ihrer Opfer Jsraelski und Speisiger die Annehmlichkeiten des Strafverfahrens hätten durchkosten können. Und das von Rechtswegen. ^r Zum Vorschläge des Herrn Professor Nr. Philippfon. Eine Stimme aus Süddeutschland. f er verehrte Vorsitzende des Deutsch-Jsraelitischen Gemeindebundes fügt feinen vielfachen Verdiensteil um die deutsche Judenheit ein neues hinzu, indem er bei seinen Glaubeusgellossen, die sich in gewohntem Optimismus nur gar zu gern über ihre gegenwärtige Lage wie über ihre Aussichten für die Zukunft Täuschungen hingeben, volle Klarheit über den wirklichen Stand der Dinge zu verbreiten und den Entschluß zu kräftiger, zielbewußter Vorkehr zu wecken sucht. Seine Schilderung des Umsichgreifells antisemitischer Gesinnung in weiten Volkskreisen, der gesellschaftlichen Ausschließung der Juden, ihrer Fernhaltung oder Verdrängung von der militärischen, administrativen, richterlichen und akademischen Laufbahn trifft in vollem Umfange vor allem auf Preußen zu. Aber unverkennbar drückt das Schwergewicht dieses größten Bundesstaates immer niehr auch auf die Verhältnisse in den Mittel- und Kleinstaaten. Es ist zwar nicht zu befürchten, daß Bayern, Württemberg und Baden in derinneren Politik und namentlich in der Behandlung der Juden durchaus den Spuren Preußens nachwandeln werden. Die Fürstellhäuser dieser drei Länder befolgen traditionell den jüdischen Unterthanen gegenüber eure tolerante Politik und betrachten dieselbe mit Recht als einen so werthvollen Bestandtheil ihres partikulareil Staatslebens, daß sie antisemitische Allüren anderer Länder nicht nur nicht mitmacheu, sondern sogar geneigt sein werden, mehr oder welliger ostentativ dagegen Stellmlg zu nehmen. Und was Elsaß-Lothringen betrifft, so gebietet schon das nationale Interesse, die Juden, die einen wichtigen Bestandtheil der Bevölkerung dieses Grenzlandes bilden, nicht vor den Kopf zu stoßen. Wenn darnach die Lage im Süden im Allgemeinen günstiger und auch für die Zukunft nicht so bedrohlich erscheillt, so fehlt es doch nicht an Exempeln, daß auch hier im Einzelnen gegenüber den Juden manches geschieht, was mit Gerechtigkeit und verfassungsmäßiger Gleichstellung nicht zu vereinbaren ist. Wir süddeutschen Juden werden es daher schon im eigenen Interesse nicht an uns fehlen lassen, wenn es gilt, für die Rechtsstellung der deutschen Juden insgesammt eillzutreten und eine zweckentsprechende Organisatioll zu schaffen. Herr Professor Philippson schlägt die Einrichtirng eines periodisch zu versammelnden al lg e m e i ll en d e u ts ch e u I n d e utags vor. Der Gedanke lvird im ersten Augenblick den Meisten befremdlich sein. Er erinnert sofort an den deutschen Katholikentag, der voll vornherein als eine Kampfinstüntion in dem Streite der Kircheugewalt mit der Staatsgewalt gedacht war. Eiil solcher Streit liegt uns Juden natürlich ganz fern. Wir streben keine kirchliche Macht im Staate all, und für unsere religiösen Einrichtungell beallspruchen wir feinerlei Sonderrechte, die irgendwie mit der Staatsordnung oder mit den paritätischen Interessen Andersgläubiger in Widerstreit gerathen könnten. Wir wünschen nicht eine schwache, sondern eine starke und unabhängige Staatsgewalt, da nur eine solche über den Bestrebungen der Parteien und Konfessionen zu stehen ulld Gerechtigkeit zu üben vermag. Den Zielen nach ist also eine dem deutschen Katholikelltag ähnliche Institution für uns kein Bedürfnis^ Es lväre aber auch eine thörichte Illusion, von einem deutschen Judentag eine ähnliche Wirkung nach außen erwarten zu wollen, lvie sie dem Katholikentag eignet. Hillter diesem stehen 20 Millionell deutsche Katholikell, während die jüdische Bevölkermlg Deiltschlands nur eine halbe Million beträgt — dort ein politischer Faktor ersten Ranges, hier eine guuntite negligeable. Das muß man sich klar vor Augen halten, wenn man ben hier in Frage stehenden Vorschlag auf feine Durchführbarkeit und Zweckdienlichkeit prüfen will. Das verkennt auch Professor Philippsoll nicht. Er erhofft nichts voll unserer materiellen Macht, dagegeil viel voll der Macht der uloralifcherl llnd ideellen Moulente, lvenn sie eine kraftvolle Ulld muthige Vertretung im Lichte der Oeffentlichkeit

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