Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 483 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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483 aus, der gegenwärtig Lhef der konservativen Partei ist und in den nächsten Tagen beim Zusammentreten der rumänischen Kammer zu deren Präsidenten gewählt werden wird. Zn der hervorragenden politischen kommt die soziale Stellung, die er in feinem Lande einnimmt — Georg Cantacuzene ist der größte Grundbesitzer, einer der reichsten Männer im ganzen Königreich Rumänien. Er ist also in jedem Sinne eine maßgebende Persönlichkeit. Hören nur nun, was er einem Interviewer über die Aussichten der rumänischen Inden sagte: „Gestatten Sie mir, daß ich über die Judenfrage in aller Freiheit zu Ihnen spreche. Es ist ein sehr delikates Thema, und ich meine, das Ansland sollte nie anders als mit Reserve darüber urtheilen. Die leitenden Männer Rumäniens sind keine Barbaren. Carp ist, wie Sie wissen, ein Mann von deutscher Bildllng und von großer allgemeiner Kultur. Was mich anbelangt, so habe ich in meiner Jugend sechs Jahre in Wien verbracht — dann machte ich meine Studien in Paris, uw ich Doktor der Rechte wurde. . . . Ich sage dies, damit das Ausland uns nicht für Männer halte, freuen die Ideale des Westens nub die Humanität moderner Civilisation unbekannt wären. Wir sind auch den Inden gegenüber Menschen. Vergessen Sie aber nicht, daß das Volk in Rumänien noch nicht auf der Höhe der Bildung und der Vornrtheilslosigkeit angelangt ist. Rassenhaß oder Religions- Fanatismus ist allerdings dem Rumänen im Allgemeinen fremd. Er ist im Wesen tolerant. Die Judenfrage ist dem Rumänen keine religiöse, sondern eine wirthschastliche Frage. Die Lage der Juden in Rumänien wird sich bessern, aber — ich betone dies — langsam bessern. Die Regierung kann mit Rücksicht auf die im Volke bestehenden Strömungen nicht mit radikalen Maßregeln eiugreifen, sie kann nur langsam verbessern. Und sie wird desto erfolgreicher wirken können, je weniger stark der Druck der öffentlichen Meinung seitens des Auslandes ist. Lassen Sie es mich offen sagen: Es ist nicht gut, wenn sich das Ausland zu lebhaft für die Inden Rumäniens einsetzt. Es ist nicht gut, wenn die ausländische Presse mit zu starken Accenten von dem Drucke spricht, der auf den Juden Rumäniens laste. Ich habe als Minister es in diesem Sinne den Rotabeln der rumänischen Judenschast selbst nahegelegt, sie möchten sich nicht an das Ausland wenden, sondern in uns Vertrauen setzen. Diese ewigen Appelle, die das Ausland betreffs der Inden Rumäniens an uns richtet, haben etwas Verletzendes für unser nationales Selbstbewußtsein . . . Man hat in den letzten Monaten in Europa so viel über die Emigration der Inden Rumäniens geklagt. Vergessen Sie doch nicht, daß das Elend der Inden ein Theil des allgemeinen Elends war. Die Inden mußten eben mit den Christen leiden und hungern. Geht es dem rumänischen Landvolke schlecht, so muß dies auch der Jude empfinden, der unter den Landlenteu und als kleiner Gelverbsmann von ihnen lebt. Ich besitze die ausgedehntesteli Güter in Rumänien. Meine Erfahrungen reichen Jahrzehnte zurück. Run, ich habe solches Elend, nüe es im vergangenen Jahre in Rumänien bestand, nie im Leben gesehen. Menschen und Thiere liefen massenweise Gefahr, Hungers zu sterben. Dies war die Folge der vorjährigen Mißernte. Ich ließ Getreide und Früchte in Oesterreich und Siebenbürgen ankaufen und Vertheiluugen au unsere Bauern, namentlich zu Saatzwecken, vornehmen. . . . Die letzte Ernte war günstig und dies wird nun Allen zugute kommen, auch den Inden, von delien manche Emigrirte in der Hoffnung besserer Zeiten zurückkehren." Die einzig richtige Antwort auf diese merkwürdigen Auslassungen giebt derselbe Spartacus, dessen Broschüre über die rumänischen Juden wir jüngst besprochen haben, indem er sagt: „Durch zlvei Jahrzehnte hat das Ausland die rumänischen Juden ihrem Geschick überlassen, und diese Jahre wurden benützt, um immer neue Ausnahms- und Verfolgungsgesetze gegen die Juden zu ersinnen und zu dekretiren; das rumänische Selbstbewußtsein hat sich nicht gekränkt gefühlt, als man arme, wehrlose Juden in der Donau ertränken ließ. Wenn aber die Ertrinkenden nicht lautlos in den Tod gehen, sondern unwillkürlich einen Weheruf vernehmen lassen, so „hat das etwas Verletzendes" für das rumänische Natioualgesühl; wenn die Mißhandelten ruid Gepeinigten aus dem Laude der Verfolgung und Knechtschast sich flüchten, so zeigt das „von einem Mangel an Vertrauen" zu den Rumänen. Die Juden des Westens sollen Rumänien nur die uöthigeu Millionen vorschießeli, alles Uebrige werden die Rumänen selber schon besorgen. Das ist die Ansicht des Herrn Cantacuzeue. Uns will scheinen, daß mau lange genug den Gräuel" thaten schweigend zugeschant. Run aber muß Europa seiner Verpflichtung gegen die Civilisation auch eingedenk bleiben. Der gewesene Ministerpräsident versichert, daß die Rumänen auch dem Juden gegenüber „Menschen" sind. Das rumänische Menschenthum offenbarte sich aber in Heller Beleuchtung am 14. November 1897, als man die Läden der Inden in Bukarest, Galatz und Jassy ans direkten Befehl des Ministers Ferikidis plündern ließ und mit Hilfe der Banden des derzeitigen Miliisters Filipescn Juden mißhandelte, oder als unter seiner Ministerpräsidentschaft Hunderte von Inden aus die Polizeikommissariate geschleppt wurden und von den Untergebenen des Polizeipräsekten Pnin Alexandrescn blutig geschlagen und sodann über die Grenze geschafft wurden, aus dem einzigen Grunde, weil sie — sich ihre Bürte nicht abnehmen lassen wollten. „Menschliche" Anwandlungen empfinden die Rumänen immer nur. wenn die Staatskassen leer geworden. — und sie ans neuen Pump ansgehen. i Es läßt sich gar nicht sagen, wie viel Elend die täglichen Austreibungen der Juden ans solchen Gegenden Rußlands Hervorrufen, wo sie das Aufenthaltsrecht zu haben glaubten. Auf 1000 Vertriebene finden sich immer nur ein oder zwei, die den Mnth haben, die Justiz gegen diese Willkürakte, deren Opfer sie sind, anzugehen, und sehr oft wollen die Gerichte auch nichts zu schaffen haben mit der Administraliou. Der Senat hat oft einzelne Mißstände bei den Behörden verurtheilt. Aber was null das sagen gegenüber dem ganzen System fortdauernd ansgeübter Unterdrückungen. Fast tragikomisch ist das neueste Edikt gegen die Juden, das die Rechte des erblichen Adels betrifft. Es enthält folgenden Paragraphen: „Die Juden, die Rechte des erblichen Adels genießen, werden nicht in die Register des örtlichen Adels eingetragen." Dieser Artikel bezweckt, die Juden auszuschließen, welche die Berechtigung hatten, an den Versammlungen theilzunehmen, in welchen die Interessen des russischen Adels verhandelt werden. Die Thatsache, welche dieses Edikt veranlaßt hat, ist folgende: Eine Versammlung von Rotabeln bekundete den Wunsch, die Juden von ihren Berathungen auszuschließen. Die antisemitischen Zeitungen berichteten bei dieser Gelegenheit über die Gefahr, die dem Erbadel durch das Eindringen von 20 Juden in die Versammlungen drohe. Die Behörden folgten und schufen so etwas neues: eine jüdische Noblesse. So giebt es also von jetzt ab in Rußland einen dreifachen Adel: mit Land belehnter Adel, Adel ohne Land und jüdischer Adel. * Der Konstantinopeler Korrespondent des „Woschod" theilt über die Juden in der Türkei Folgendes mit: „Die Juden werden jetzt in der Türkei in den Staatsdienst sehr gern ausgenommen, und viele von ihnen bekleiden hohe Posten. Der Sultan Abdul-Hamid sprach sich sogar prinzipiell in dieser Frage in einem Gespräche mit dem Chacham-Baschi folgendermaßen aus: „Sagen Sie Ihren Glanbensgenossen, so sagte er in der Audienz, daß ich mit ihnen sehr zufrieden bin. und daß es mich sehr freuen wird wenn sie sich mehr als früher dem Staatsdienste widmen werden." Die Türken hatten bis jetzt blos mit den absterbenden orientalischen Juden zu thun, die Energie und die Fähigkeiten der neuen Generation werden ihnen wahrscheinlich noch mehr Sympathien gewinnen."