Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-12 · Heft 41 (12.10.1900) · p. Seite 482

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 41 (12.10.1900)
Date
1900-10-12
Page
Seite 482 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228407--56895-3293233
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

482 nicht allein um ihrer selbst willen, als vielmehr mib hauptsächlich zu dem Zwecke, daß wir gute Inden feien, gute Juden bleiben, meint wir es sind, und werden, wenn lvir es uictjt sind, und endlich, damit unser Selbstbewußtsein geweckt werde nnd sich in den Kämpfen, die wir durchmachen ltub die uns nach bevorstehen, bewähre. Sehr schon und treffend sagt Lazarus in seinem Vartrage: „Was heißt und zu welchem Ende studirt man. jüdische Geschichte nnd Litteratur," gerade über diesen Punkt.- „Wir sollen lvissen, wer und was wir sind. Wir Juden wissen es nicht. Es giebt immer nur Wenige, die es wahrhaft wissen; besonders diejenigen Juden, welche zu Bildung und Wissenschaft oder zu bürgerlichen Stellungen und zu Ehren nnd Titeln gelangt sind, sie halten alles das, was sie sich erworben haben, für höher als das, was sie zuerst von der Vorsehung empfangen habeil, nämlich dies, daß sie Juden sind. Das sollen die Inden wieder lernen. Sie sollen lernen, lvas es bedeutet, ein Jude zu sein. Was es bedeutet und welche schwere Pflicht ihnen damit auferlegt lvird. Selbstbewnßtsein heißt nicht blos ein Spiegelbild sehen, es heißt von dem eigenen Ideal ergriffen werden, die Mahnungen nnd den Antrieb von ihm empfangen. Diese Art des ellergischen, des schöpferischen Selbstbewußtseins ist aber il!l Jndenthum voll höchster Bedeutung, llicht für den ellgen Kreis der Judell, des jüdischen Lebells allein: sein Zweck und sein Ziel liegt draußen, zugleich in der ganzen menschlichen Familie. Die historische Forschung muß dahin führen, daß lllail ahnt ulld erkennt, welche Stellung das Judenthum im idealen Haushalt der Menschheit eillnimmt. Die Kenntlliß seiner Geschichte soll ten Juden aber auch helfen, die Kontinuität des Geistes im Jndenthum zu erhalten." Diese Kontilluitüt haben unsere Altvorderen in den trübsten Zeiten der Geschichte mit feltener Kraft fest gehalten. Wer da erfahrell will, lvelehe Bedelltullg mau dem Wissen beilegte, der höre das Wort eines der berühmtestell Lehrer des Midrasch, der die Würde der Lehre in folgendem Ausspruch verherrlicht hat: „Ehe die Thora gegeben ward, war die Welt hoch im Range, als die Thora gegeben lvard, da wurde die Welt gleichsanl geringlverthig. Die Welt wurde in sechs Tagell erschaffen, die Thora aber in 40 Tagen gegeben; überwiegt da nicht der Werth der letzteren den der ersteren?" So hoch stellten sie das Wissen, nlld daher konlltell sie mit ungetrübter Freudigkeit das Sinlchat-Thvra-Fest feiern. Erst welln das moderlle Judenthum sich zu dieser Erkenntlliß durchgerlmgen haben wird, erst wenn mit den: Propheten „alle beiue Kinder belehrt sein werden über Gottes Wort/' dann wird „viel Friede sein in Israel und mit Israel." Berlin, 10. Oktober. er Vorschlag des Herrn Professor Philippson, einen allgemeinen deutschen Judentag einzuberufen, hat mir da, wo man es erwarten durste, Widerspruch gefunden. Ulld zwar meist aus Mißverständniß der Intentionen, von denen der Artikel ausging. Die demokratische Presse spricht von einem „jüdischen Centrum", an das Niemalld im Ernstgedacht oder benfeu kann; andere Blätter derselben Richtung meinen, daß nur dem Antisemitismus ein Gefallen geschehe, was aber doch wohl nicht der Fall ist, da die antisemitischen Blätter am schärfsten gegen das Projekt losgehen. Wenn aber ein Blatt meint, daß mit einer solchen Institution dem Antisemitismus ein „festes Angriffsziel" gegeben würde, so möchten wir doch fragen, ob es diesem je an einem solchen gefehlt habe? Die „Breslauer Zeitung" sagt, die Bekämpfung antisemitischer Bestrebungen sei gemeinsame Sache der aufgeklärten Christen und Juden. Gewiß, das sollte sie sein, ist sie es aber auch thatsächlich? Die „Miltheilungen zur Abwehr des Antisemitismus" aber wollen gar nicht an die „Richtigkeit der Meldung" glauben und meinen, daß der „abenteuerliche Vorschlag von der ganz überwiegenden Mehrheit der deutschen Juden zurückgewieseu werden würde." Wir können dem Blatte schon heute verrathen, daß es sich sehr geirrt hat. Denn aus den uns zugehenden Mittheilungen entnehmen lvir, daß das Projekt, dem übrigens schon vor sieben Jahren Dr. I. Kastan in unserem Blatte (1893 Nr. 2) einen besonderen Artikel gewidmet hat, im Norden wie im Süden Deutschlands lebhaften Anklang gefunden hat. Zunächst wird es nun allerdings die Aufgabe Derer, die au der Berlvirklichung desselben arbeiten wollen, bleiben, die Mißverständnisse und Vorurtheile, die selbst in wohlwollend gesinnten Kreisen gegen dieses Projekt herrschen, gründlich zu widerlegen. * Sogar der Kampf um die Theatercensur giebt der „Kreuzzeitung" willkommenen Anlaß, den Juden eins zu versetzen. Das „fromme" Blatt schreibt u. a.: „Aber es giebt in der neuen Gesellschaft eine Reihe ganz anderer Leute, die als Typen ihrer Gattung angesehen lverden können, obwohl sie mit den sittlichen und christlichen Idealen der Gegenwart in schärfstem Widerspruch stehen, wie z. B. die kleinen und die großen Börsenjobber, die Konfektionäre, die Glücksspieler im Frack, die Theaternnd Konzertagenten nnd ähnliche Vermittler, sämmtlich nicht einzelne Erscheinungen, sondern Typen, die Jedermann kennt. ...» Weshalb lverden diese Typen nicht gezeigt? Weshalb erscheinen sie niemals, selbst nicht nur in der allerleisestell Alldentnng, in den modernen Stücken, weshalb nicht einmal in denjenigeli. die allermodernste Zustände wiederspiegeln wollen? Die Antwort ist: weil hier schon eine höhere Macht als die Censur selbst vorbeugend nnd verhindernd eiugreift. Alle Welt weiß nachgerade, was mlter dieser geheimen O be r censur zu verstehen ist, die mit beispielloser Rigorosität darüber lvacht, daß nicht ein einziger jener modernen jüdischen Typen auf dem Theater erscheint. Da gegenlvärtig in erster Reihe jüdische Blätter die Berliner Theatercensur so erbittert angreifen, so erscheint es an der Zeit, darauf hiuzuweisen, daß in jener geheimen Obercensnr noch eine andere Instanz besteht, die viel einseitiger, genleinschädlicher und rücksichtsloser wirkt." Der Verfasser dieser mysteriösen Andeutungen über eiu geheimes jüdisches Obercensurkollegium scheint in der modernen Litteratur sehr schlecht bewandert zu sein. Er kennt nicht einmal die Stücke von Sud ermann (Sodoms Ende) nnd Georg Hirschseld (Zu Hause, Agnes Jordan), ferner die von Schnitzler, Dehmel, Rosmer, Herzl (Das neue Ghetto), Gans- Ludassy, Keyserliugk, Buchbinder u. A., in denen — zum großen Theil von Juden selbst — jüdische Typen, und zwar gerade die von der „Kreuzzeitnng" hervorgehobeneu, dem schärfsten Spott des Theaterpublikums preisgegeben werden. Mau ersieht auch aus diesem Falle, welchen Werth die autisemitischeu Behauptungen haben. Y Auf die offiziöse Friedensschalmei folgt jetzt aus Rumänien wieder eine, wie es scheint gleichfalls offiziöse, Abwiegelung. Sie geht von dem bisherigen Ministerpräsidenten Cantaeuzene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.