Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- Seite 2 (sequence 17)
- Language
- German
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3 einem Kapital von einer Million Mark begründeten Baron Moritz von Cohn-Stiftung zur Vertheilnng. Wie es uns schon diesmal möglich ist, einer großen Anzahl von Bedrängten in ihrer wirthschastlichen Noth zu helfen, so wird die Stiftung, welche den cblen Zweck hat. den Arbeiter- und Ha»ldwerkersia»»d,z»l heben, Bedürftige aller Stände ohne Unterschied der Konfession zli'unterstützen, tüchtigen Lehrlingen und Gehilfen die weitere Ausbildung zu,ermöglichen und für die bessere Erziehung von der Häuslichkeit eutbct)venbeii Kindern zu sorgen, für alle Zeiten eine Quelle des Segens für das Anhaltland werden. In treuer Eriunerung an den Verstorbenen, dessen irdische Laufbahn so bedeutungsvoll und reich gesegnet war, schmücken wir heute das Grab und danken der hochherzigen Wohlthäteriu, welche in kindlicher Pietät dem Heimgegangenen in der Stiftung ein herrliches, unvergängliches Denkmal gesetzt hat." Dessau, 14. September 1900. Der Vorstand der Baron Moritz von Cohn-Stiftung. Dr. Ebeling, Oberbürgermeister. Sonnenthal, Kommerzienrath. Trenkel, Geheimer Kanzleirath." Man muß es lobend anerkennen, daß die einzige Erbin des Titels und großen Vermögens seit dem Tode ihres Vaters in solcher Weise ihr Erbe verwaltet. Wie man ans sicherster Quelle »nittheilt, »verde»» demnächst auch 30 jüdische Anstalten von ihr mit hohen Summen bedacht »verde»». Die Worte der Frau Baronin verdienen verbreitet zu werden: „Ich will nicht haben, daß sich Menschen auf meinen Tod freuen. So lange ich lebe, will ich von den Gütern, die mir die Vorsehung beschieden, den bestell Gebrauch niachen und helfen, wo es »röthig ist." U. Hamburg, 22.September. Der Verein zur Gesurrd heitspflege schwacher israelitischer Kinder (Ferienkolonien), konnte allch in diesem Jahre einer größeren Anzahl von Kindern die Erholung eine§ Landaufenthaltes gewähren. Alls Anrathen eines Arztes wurde ein Theil der Pfleglinge ill das Soolbad „Wittekilld" bei Halle all der Saale geschickt, während die übrige»» Kleine»! ihrer» Aufenthalt in Bad „Nendorf" bei Hannover nahuien. Die Kinder standen unter Aussicht zweier Lehrerinnen, zlveier Lehrer lind einer geprüfter» Schwester. Außer den ärztlicherseits verordneten Bädern »vnrde ganz besonderer Werth auf kräftige, nahrhafte Kost gelegt, und es ersogte die Verpflegung selbstredend streng rituel genau nach ärztlicher Vorschrift. Das Resultat des diesjährigen Sonnnerauferlthaltes war ein sehr zufriedenstellendes, und haben sowohl die Kinder, die das Soolbad aufsnchten, als auch diejenigen, »velche in „Neudorf" weilten, ihre Gesruidheit bedeutend gekräftigt. Nach einem Aufenthalt von 4 Wochen trafen die Kinder am Freitag »vieder in Hamburg ein. Die Eltern und Verwandten, welche sich an» Bahnhof eingefunden hatten, lvare»» hoch erfreut über das gesunde Aussehen der Kleine»», welche die Freude»» des diesjährigen Somnieraufenthaltes nicht gen»»g rühme»» konnte»». Es wäre sehr wünsche»»swerth, lveni» dieser Verein, dessen segensreiches Wirke»» immer mehr Anerke»»n»»ng findet, sowohl dlirch den Beitritt neuer Mitglieder, als auch durch Zuwendung voi» Legate»» in die Lage versetzt würde, den gestellten A»»sorderungen ganz z»» entsprechen, dem» auch in diesem Sommer n»ußte eine größere Anzahl Kinder, denen die Erholung eines Somnieraufenthaltes sehr z»» statte»» gekon»mel» »väre, zurückgewiesen werde»», »veil eben die vorhandenen Mittel nicht ausreichten. Für die OpferwiÜigkeit der Gemeindemitglieder bleibt hier »»och ei»» weites Feld offen, namentlich da die Verlvaltnng gern ihr Ziel erreichen möchte, nämlich ein eigenes Kinderhei»»» in Cuxhasen zu erbauen. 6. Hamburg, 2. Oktober. Das Scheiden des Herrn Dr. M. Spanier von hier, der »»ach langjähriger erfolgreicher Thätigkeit an der höheren Mädchenschule des Herrn Dr. I. Loelvenberg als Direktor cu» das jüdische Lehrerseminar in Münster berufen »vorder» ist, erweckt!>» »veiten Kreisen lebhaftes Bedauern. Seinen Ausdruck fand es in einem Abschiedskommers, den der Vorstand der litterarischen Gesellschaft ,»» Hamburg und die Hamburgische Lehrervereinigung zur Pflege der künstlerischen Bild»»ng, i»i denen Herr Dr. Spanier lange Zeit gelvirkt bat, dein Scheide»»der» veranstaltete. Eine Reihe angesehener Harnbnrgischer Gelehrter, Kü»»stler und Schriftsteller hatte»» sich zu dieser ueier z»lsamu»e»»gesu»»den. Es »var ein schöner Abend, an dem der ächmerz um de»» herben Verlust in »on»»dervollen Humor aufgelöst >var. Ei»»e Schilderung der reichen künstlerischen Veranstaltungen verbietet sich an dieser Stelle a»»s Mangel ai» Raum. Der ga»»ze Abend »var ein fortgesetzter Beweis vo»» der Liebe und Hochachtmrg, die dieser vortreffliche, pflichttreue Mann sich in Hamburg errungen t'-at. Er »vird sie sich auch i»i seinem neuen Wirkungskreise sicher in kurzer Zeit z»» er»verben »vissen. München, 21. September. Der Verein jüdischer St»rde»»ten an der hiesigen Universität versendet seinen ersten Semesterbericht. Wir en1»»eh»nen dernselben: Nach Schluß der Gründungsfeierlichkeiten schritt der Verein daran, z»»r »visse»»schaftlichen Anregung seiner Mitglieder beizutrage»». Einige Mitglieder schenkten dem Vereine zur Grü»»du»»g einer eigenen Bibliothek mehrere Bücher. Außerdem bernühte sich der Verein, seine Organisation a»»szubauen uub sich »»ach innen »vie »rach außen zu festige»». Es w»»rde mit der akadernischen Verbindu»»g „Uiritas" zu Wien ein Freundschaftsvertrag geschlossen; ferner »vurde beschlossen, mit den V. I. St. in Berlin, Leipzig und Breslau behufs späteren Abschlusses eines Kartells in nähere Fühlu»»g zu treten. Da»»n »vurde eine Geschäftsu»»d Ehrer»gerichtsordr»ung geschaffen, so»vie Bestimmungen über die „Burschung" der jüngeren Mitglieder getroffen. Es fanden folge»»de Vorträge statt: stuck.jur. Appel: Handelsgeschichte der Juden in» Alterthun»; stuck. jur. Böhm: Der Antisemitislnus und die Jude»» in» Lichte der nrodernen Wisserrschaft nach Cesare Lonrbroso; stuck, »neck. Calvary: Die Juden zu A»»fa»»g des XIX. Jahrhn»»derts; stuck, meck. Crtron: Zionis»»»ns; stuck.jur. Lemche: Die jüdische Moderne »»ach M. Acher; stuck, raed. Schweitzer: Ei»» geschichtlicher Ueberblick über die Lage der Inden im Deutsche»» Reiche; stuck, mack. Tützer: Der Blutaberglanbe bei den Völker»» mit besonderer Berücksichtiguirg der Konitzer Verhält»»isse. Außerden» verlas stuck, jur. Appel einen Vortrag seines Vaters: „Ueber die A»»fänge des Christenthuurs". An die Vorträge schlosse»» sich Disk»issio»»en a»», an denen sich stets Mitglieder wie Gäste rege betheiligte»». Zum Schlüsse des Semesters zählte der Verein z»va»»zig Mitglieder. Der Verein blickt mit Befriedigung auf das abgelaufene Semester zurück. Wenn auch nicht alle Vorsätze zur Ausführung gebracht »verde»» ko»»»»ten, insbesondere die Ei»»richtu»»g von hebräische»» Sprachstunde»» und T»»r»lk»»rsen, so ist doch deren Znstandekommen für das nächste Semester schon jetzt gesichert. An» Schlüsse des Berichtes heißt es: „Wir sehen mit Vertrauen in die Zukuirft und wünschen, daß u»»sere alten Freu»»de uns treu bleiben, u»»d daß das ne»»e Semester u»»s viele neue, alte itnb junge Freunde bringen »»»öge, bcimit der V. I. St. z»» Mi'nrche»» in Wahrheit das »verde, »vas er zu sein sich bestrebt: Der Verei»»ign»»gsort aller jüdischfühlenden u»»d jüdisch-de»»kenden Akademiker Münchens." Oesterreich - Ungar«. LI Wien, 1. Oktober. Nun tagt der G e rne in d era t h »vieder. Dr. L»»eger beantwortet alle J»»terpellatio»»en (gernaßregelte Lehrer »». s. w.) in der gewohnten Manier, die Antiserniten rufen: „Ruhig Jud!" u. s. s. mit mit» ohne Grazie; »vir sind also wieder in» alten Geleise. Großen Aerger ver»»rsachte den Christlich-Sozialer» die strafweise Entlassung ihres Parteige»»offen, des antisenritischen Gemeinderathes Krikawa, vor» der Direktioi» der Bau- und Betriebsgesellschaft für städtische Straßenbahner» wegen verleumderischer Angriffe aus diese Gesellschaft, in deren Die»»sten der strarnme Antisemit sich als Expeditor befand; ebenso wurde der Obmann des christlichsozialen Rechtsschutzvereins der Tramwaybediensteten, Kondukteur Lucca, aus Aulaß seiner Haltung in der Affäre Krikarva entlassen. Außerden» wurde der christlichsoziale Obmann eines Leichenvereins in Margarethe»», Johann Pint »vegen Veruntreuung ur»d Defraudation von Vereinsgeldern verhaftet. Und trotz alledeu»! — Die »»er» eingeleitete Untersuchung gegen den in Hast befindlichen Leopold Hilsner ist nunmehr beendet, und es wurden gegen ihn z»vei »»euerliche Anklage»» erhoben. Diese lauten auf Mord an Marie Klirna, welche ein Jahr vorder That an Agrres Hruza bei Polna ernrordet ansgefunder» »vorder», sowie auf Verleumdung des Josua Erbrnann u»»d des Salomon Wassermann. (Bekan»»tlich hatte Hilsner bald »rach sei »rer Verurtheilnng, erschreckt durch die Vorspiegelung mehrerer Zellengenossen, es »verde schon der Galgen für ihn auigerichtet, ei»» Gesrändniß über feine angebliche Theilnahme an der Ermordung der Hr»»za abgelegt, inbem er zugleich Erbma»»»» u»»d Wassermann als die Mörder bezeichrrete. Es ergab sich jedoch die Unschuld der Beiden, und Hils»»er »»ahn» seine Angabe vollinhaltlich zurück.) Die neu erhobenen Anklagen »verde»» im Vereitle mit dem Falle Hruza, »velcher vo»» dem Obersten Gerichtshöfe unter Aufhebung des Kutterrberger Schulderkenntnisses vor das Sch»v»»rgericht in Pisek gerviesen »vurde, zur Verhandlung gela»»gen. Der Prozeß selbst, der im Oktober stattfinden sollte, »st vertagt »vorder». — Bei der An»vesenheit des Kaisers in Jaslo besa»»d sich an» 16. d. M. »rnter dem Publikum, welches vor der Residenz des Kaisers Aufstellung genommei» hatte, ei»» alter Jude in lange»»» Kaftar» mit mehreren