Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- Seite 3 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Medaillen aus der Brust. Der Kaiser hatte auf dem Wege vou der Residenz zum Zelt den Alten bemerkt und ging auf ihn zu. Unter ben Medaillen, die der Mann trug, befand sich die große silberne Tapferkeitsmedaille. Der Kaiser fragte ihn. bei welcher Gelegenheit er diese Medaille erhalten habe. Der Alte antwortete, daß er die silberne Tapferkeitsmedaille als Feldwebel im Feldzuge von 1859 bei Magenta für einen Bajonnetangriff erhalten hat. Daraus fragte ihn der Kaiser, woher er sei und wie er heiße. Er antwortete, daß er Abusch Weiß heiße und in Brzozow bei Sanok wohne. Mit der Bemerkung: „Es hat Mich gefreut, Sie hier zu sehen," schloß der Kaiser die Unterredung. Abusch Weiß wurde hieraus in die Kabinetskanzlei beschieden und erhielt die mit der großen silbernen Tapferkeitsmedaille verbundene Zulage, die er bis nun nicht bezogen hatte. — Der Kaiser hat den Regimentsarzt Dr. Wilhelm Benedikt zum Chefarzt der 24. Jnfanterie-Truppendivision, den Dr. Als red Preßfreund zum Oberarzte im Heere ernannt lind dem Schiffsbau-Oberingenieur Siegfried Popper den Orden der eisernen Krone III. Klasse verliehen. — In Olmütz ist der k. k. Oberbezirksarzt Dr. Leopold Löw im Alter von 56 Jahren verschieden. B. Budapest, 6. September. Die Auswanderungslust hat ungeachtet der traurigen Erfahrungen im Kreise der rumänischen Juden noch nicht vollkommen abgenommen. Einzelne kleine Gruppen, die mit Neisezertifikaten und den vorschriftsmäßigen materiellen Mitteln versehen sind, geben den ungarischen Kultusgemeindeu noch immer viel zu schaffen. Das Ministerium für innere Angelegenheiten hat infolge dessen an die Behörden nochmals die strenge Aufforderung erlassen, nur jene Emigranten den Weg fortsetzen zu lassen, welche über die entsprechenden materiellen Mittel verfügen, aber auch diese nur in der Richtung, wohin ihr Reisezertifikat lautet. — Der gr. o. Bischof M. Szevies besuchte die vergangene Woche die Stadt Mohol, wo er auch von der Kultusgemeinde begrüßt wurde. Bei dieser Gelegenheit erklärte der Bischof, daß ihn die schöne Eintracht zwischen den Konfessionen der Stadt nicht nur freue, sondern auch, daß er bestrebt sein werde, sie nach Möglichkeit zu fördern und jeden Versuch, Zwietracht zu säen, im Keime zu ersticken. — Der Schah von Persien hat dem Bi l d - Hauer Anton Szirmay den Sonnen- und Löwenorden verliehen. Rußland. 1'. Petersburg, iniSeptember. In dem Großfürsten Wlad imir Al ex an dr o w i t sch , dem Sohne des Zaren Alexander II. und Onkel des jetzt regierenden Kaisers von Rußland, haben die russischen Juden von jeher einen ehrlichen Freund und edlen Fürsprecher besessen. Als 1882 großes Leid über sie hereinbrach, empfing Großfürst Wladimir eine jüdische Deputation, um ihr sein inniges Mitgefühl über ihr Unglück sowie sein tiefstes Bedauern darüber auszudrücken, unter den obwaltenden Umständen für sie nichts thuu zu können. Kürzlich besuchte der Großfürst die Stadt Shitomir, um einer Feier seines dort garnisonirenden Regiments beizuwohnen. Die jüdischen Soldaten mit deni Rabbiner an der Spitze zogen ihm unter Vorantragen von Thorarollen entgegen; die jüdische Gemeinde brachte Brod und Salz auf einem kunstvoll gearbeiteten Präsentirteller, der von einem hiesigen jüdischen Goldarbeiter hergestellt worden war. Der Großfürst drückte dem Rabbiner seine Freude über den herzlichen Empfang sowie 'seine Bewunderung der kunstvollen Arbeit aus. Großfürst Wladimir Alexandrowitsch hat auch seiner judenfreundlichen Gesinnung, wenn es ihm nothwendig schien, unzweideutigen Ausdruck verliehen. Dieses bewies er 1882 gelegentlich der Kaiserzusammenkunft in Danzig, wo im Gespräch beim großen Diner ein hochgestellter Diplomat laut einige judenfeiudliche Bemerkungen fallen ließ.' „Die Juden seien eine Plage für alle Völker Europas" u. drgl. Die Anwesenden schwiegen sämmtlich. Da überraschte Großfürst Wladimir die Anwesenden mit der Erklärung, daß er die Juden stets als nützliche, sehr fähige und gute Staatsbürger gefunden habe. Der Diplomat erschrak sehr, an so hoher Stelle angestoßen zu haben, tröstete sich aber bald damit, daß an einer noch höheren Stelle, beim Kaiser Alexander III., seine Bemerkung gewiß beifällig ausgenommen wurde. — Christliche Vornamen bei Juden scheinen aus manchen russischen Tschinownik die Wirkung eines rothen Tuches auf einen bekannten Wiederkäuer auszuübem Ein solcher Tschinownik ist der Gouverneur von Cherson, welcher an den bekannten Kronrabbiner von Elisa bet h gra d, den früheren Ingenieur W. Temkin, zum zweiten Male schon die amtliche Anfrage richtete, mit welchem Rechte er einen christlichen Vornamen (Wladimir) führe. Herr Temkin erwiederte: 1. daß er seinen Vornamen j auf Grund eines auf Stempelpapier geschriebenen, mit Unterschrift und Siegel der dazu ermächtigten Obrigkeit versehenen Geburtsscheines führe, 2. daß er sich infolge dessen laut 8 254 des russischen Strafgesetzbuches strafbar machen würde, wollte er einen anderen als den ihm attestirten Vornamen führen, 3. daß ferner kein Gesetz den Juden verbietet, christliche Vornamen zu führen und 4. daß es endlich spezifische, den Christen allein zukommende Vornamen ebensowenig wie spezifisch jüdische Vornamen giebt. — Eine Ansprache an seine jüdischen Soldaten hat gelegentlich des Auszuges der Garnison von Witebsk nach China der kommandirende General des XVI. Armeekorps, M. P. Bortjanew, gehalten: „Hebräer!" sprach der General. „Manche Leute behaupten, daß Ihr im Kriege gern Euer Leben schont. Das ist aber nicht wahr! Ich habe die Juden gesehen, wie sie im Kaukasus gefochten haben. Beweist auch Ihr bei der nächsten Schlacht, daß ich Recht habe!" Von Nah und Fern. ----- Am 29. v. M. ist hier Frau Nina Auerbach, die Wittwe Berthold Auerbachs, eine Schwester von Hieronymus Lorm im 76. Lebensjahre nach langem Leiden gestorben. Die Beerdigung fand am 2. d. M. in Weißensee statt. — Gegen den Schriftleiter der „Deutschen Wacht", H. Berthold, ist Anklage wegen Beleidigung der Bromberger Polizei durch einen Artikel: „Allzu zärtlich besorgt für das Wohl der lieben Mitbürger jüdischen Glaubens" erhoben worden. — Ahl wardt'geht jetzt mit Kuxen für den Nudolfstädter Bergbau bei Pilsen in Böhmen hausiren. Er soll sich rühmen, daß er bei dem Vertriebe solcher Kuxen bereits eine Vermittlergebühr von 150000 Mark verdient hat. Andererseits aber hat Ahlwardt noch für 30 000 Mark Gerichtskosten zu bezahlen aus den Judenflinten-Prozessen und sonstigen Verlenmdungsklagen. Das Gericht hatte ihn hierauf nur zu einer Abzahlung von monatlich 5 Mark verpflichtet. — In Chemnitz ist am 26. v. M. in der Synagoge ein Einbruchsdiebstahl verübt worden. Der Dieb scheint sich beim Abendgottesdienfle eingeschlichen zu haben und hat sich voraussichtlich einschließen lassen. Er hat. soweit er es mit mangelhaften ' Instrumenten vermochte. Schränke und Kisten erbrochen und die kostj baren Vorhänge und Decken des Altars aus den Schränken hinausgeworfen. um nach Geld zu suchen. Von den Thoraschmuckgeräthen hat er nur einzelne Theile. silbervergoldete, abgerissen, weil er wahrj scheinlich bei Mitnahme größerer Stücke eine Entdeckung befürchten mußte. — Zum Oberlehrer der israelitischen Religionsschule in Straßburg i. E. ist Lehrer Josef Samuel von der Töchterschule in Hamburg gewählt worden. — In Paris ist der Dichter Louis Ratisbonne, der Sohn des früheren Präsidenten des elsässischen Konsistoriums, im 73. Lebensjahre gestorben. Er begann damit, Dantes „Göttliche Komödie" in Versen zu übersetzen, und war in dieser Zeit am „Journal des Debats" thätig. Dann ließ er 1860 die berühmte „Comedie enfantine“ erscheinen, eine Sammlung von kleinen gereimten Stücken, die sich dem Verständniß der Kinder sehr gut ani paßten. Unter seinen übrigen Werken sind eine Studie über Heinrich > Heine und ein Versdrama „Hero et Leandre“ befonbei’3 zu erwähnen, j Ratisbonne wurde 1870 zum Unterbibliothekar im Palais du Luxem-! bourg ernannt. Bei der Beerdigung hielt der Großrabbiner von Frankreich die Rede. — Am 23. v. M. ist in Paris der Journalist Carl Hirsch einem langwierigen Nierenleiden erlegen. Nachdem er seine Studien auf der Berliner Universität beendet, wandte er sich nach Paris, korrespondirte von dort aus für mehrere deutsche Blätter, und gründete später die „Französische Korrespondenz". Es war eine stille, bescheidene Natur, dabei aber ein überzeugungstreuer, charakterfester und kenntnißreicher Mann, dem bei Allen, die ihn: näher getreten sind, eine ehrende Erinnerung bewahrt bleiben wird. — In Paris ist der Forschungsreisende Robert Stein von seiner Entdeckungsreise in die arktischen Regionen, auf die ihn Leopold Kahn und Samuel Warmbath begleiteten, glücklich zurückgekehrt. Die französischen Blätter feiern den Muth und die Erfolge der Expedition. — Im Ghetto von Konstantinopel brach am 21. v. M. ein heftiges Feuer aus, durch das mehr als 2000 Bewohner obdachlos und 250 Häuser sowie die Misrachi-Synagoge eingeäschert wurden.— In Tetuan ist der Oberrabbiner Samuel Nahon gestorben. Sein Hinscheiden hat allgemeine Theilnahme erweckt. Er wird als ein eifriger, sreigebiger und toleranter Mann gerühmt, der sich um die Alliance-Schulen sehr verdient gemacht hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.