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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-05 · Heft 40 (5.10.1900) · p. Seite 479

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 40 (5.10.1900)
Date
1900-10-05
Page
Seite 479 (sequence 13)
Language
German
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479 solltest Sophie auf ihrem Wege zu den russischen Auswanderern am Hafen begleiten. Dort wirst Du sehen, daß es Menschen giebt, die noch unglücklicher sind als Du." Helene rührte sich nicht. „Es sind auch Glücklichere dazwischen," murmelte sie, „sie sind wenigstens beisammen, Mann und Weib, Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern. Das Schrecklichste auf der Welt ist, allein zu stehen." Ihre Tante hatte sich hoch aufgerichtet. „Jetzt kleidest Dll Dich sofort an und gehst mit Deiner Cousine, meirr Kind," sagte sie so nachdrücklich, wie Helene die immer Gütige seit ihren Kinderjahren nicht mehr hatte sprechen hören, „glaubst Du, es hungert sich leichter, wenn kleine Kinder mithuugern? Oder Jene, die man aus ihrer Heimath austrieb wie Vogelfreie, sind glücklicher, weil auch ihre alten Eltern nicht wissen, wo sie dereinst ihr Haupt auf das Sterbekissen legen werden? Geh, und wenn Du nicht heimkehrst mit der Erkenntniß, daß im Verhältniß zu solchem durch Menschenwillen über Tausende verhängten Unheil eine von Gott kommende Heimsuchung wie die Deine sich leichter trägt, dann will ich glauben, was ich bisher stets bestritt, — daß es Menschen giebt, die das Unglück nicht läutert, sondern verbittert und sebstsüchtig macht. Geh, sage ich und überzeuge Dich, daß es Unzählige giebt, auf denen die Hand des Herrn schwerer liegt als auf Dir." In ihrer Stimme lag etwas so unwiderstehlichzumGehorsam Zwingendes, daß Helene sich wortloserhob, um sich im Nebenzimmer zum Ausgehen zn rügten. Die beider: Arideren schwiegen einen Augenblick; dann sagte Sophre halblaut: „Ich hätte nicht gedacht, daß Du so viel erreichen würdest." „Ehrlich gesagt, ich auch nicht!" gab ihre Mutter im gleichen Ton zurück. „Daß sie uns Alle so garnicht rechnet!" murrte das junge Mädchen, „von mir und den Geschwistern rede ich nicht, obwohl wir doch miteinander aufwuchserr. Aber Du, die Du Mutterstelle bei ihr vertreten hast, könntest doch wohl etwas mehr Liebe und Anhänglichkeit von ihr erwarten." „Ach, Kind schweig! Ein Thor ist, wer auf dergleichen zählen und es als etwas ihm Znkommendes begehren will! Im Uebrigen ist sie uns herzlich zugethan, und wir wollen mit der Aermsten, die nie Elternliebe gekannt hat, und derber Manu ihrer Wahl so schnell wieder entrissen wurde, nicht um jedes einzelne Wort rechten. Leid genug thut mir^s ohnehin", — über das feine Antlitz der Matrone glitt ein bekümmerter Zug, — „daß ich sie so rauh anfassen mußte". „Na, sehr schlimm war es nicht!" warf ihre Tochter mit leisem Lächeln ein. „Jedoch immerhin sprach ich schärfer mit ihr, als ich es gethan hätte, wäre ich nicht von ihrem Arzt zu solch energischem Aufrütteln veranlaßt worden. Er sagt, sie sei auf dem besten Wege,'schwermüthig zu werden und muß neue Interessen bekommen. Ewig kannst Du ihr auch nicht Gesellschaft leisten, Du mußt einmal wieder zu uns zurück, nach Hause. Still, dort kommt sie," unterbrach sie sich anfhorchend. Das Gesprächstherna wurde schleunigst gewechselt, und Mutter und Tochter verhandelten eifrig über Fernliegendes, als Helene mit einem müden: „Ich bin fertig, Tante Fanny, wenn Du es wünschst, können wir aufbrechen,". wieder eintrat. Hierauf fragte sie: „Soll ich einen Wagen holen lassen?" „Ach, bewahre!" wehrte Sophie ab, „in das Gängegewirr hinein können wir doch nicht fahren. Weit ist der Weg überhaupt nicht." Die Andere zögerte. „Ich war bisher Vonnittags noch nie wieder auf der Straße." „Eben darum, mein Kind," sagte ihre Staute mit sanfter Bestimmtheit. „Einmal mußt Du doch wieder anfangen. Ja, ich weiß, lvir sind sehr hart und grausam," - als die Augen der jungen Frau sich mit Thränen füllten, - „aber sei versichert, Du wirst es uns dereinst danken. Nun geht mit Gott, ich hüte Dir derweil Dein Hans." Die Cousinen schritten anfangs wortlos nebeneinander her. Es war ein milder, sonnenloser Herbsttag, wie Hainburg deren so viele aufzuweisen hat. Die Umrisse der Häuser, der Bäume tu den jene umgebenden Gärten, alles hatte in dem matten Licht etwas Weiches, Verschwonunenes. Ueber dem ganzen Bilde lag der dem Herbst eigene melancholische Frieden, was durch die verhältnißmäßige Menschenleere der von den Zweien durchschrittenen Villenstraßen noch mehr hervortrat. Es war so still, daß man sich kaum in der Nähe der großen Handelsstadt wählten konnte. Hin und wieder freilich begegneten sie doch einzelnen Bekannten und tauschten mit ihnen einen Gruß ans. Und jedesmal meinte Helene Wagner die sie ftreifeubeu mitleidig-ehrerbietigen Blicke Peinlich zu empfinden und zog leise zusammenschauernd unwillkürlich den dichten Kreppschleier fester voiLs Gesicht. Entwöhnt wie die seit Monaten in die Einsamkeit ihres Hauses Vergrabene von allem menschlichen Verkehr war, empfand sie selbst die Begegnung mit jenen ihr völlig Gleichgiltigen als etwas Qualvolles. Von Natur sehr sensitiv veranlagt, war sie seit ihrer Jugend mit so viel behutsamer Schonung behandelt worden, daß ihre ursprüngliche Empfindlichkeit gegen alles Widrige sich noch beträchtlich gesteigert hatte. Als dreijähriges Kind schon beider Eltern beraubt, war sie von ihrer Tante Fanny, der Schwester ihrer Mutter, erzogen worden. Erfüllt von mitleidiger Liebe zu der kleinen Waise, der die Vorsehung so früh bereits Unersetzliches genommen, war Jene stets viel nachsichtiger mit ihr verfahren als mit ihren eigenen Kindern, immer von der Furcht getrieben, Helene könne sich zurückgesetzt fühlen. Dann hatte die Siebzehnjährige Hugo Wagner kennen gelernt, war von ihm heimgeführt und so glücklich geworden, daß sie, als ihr Gatte ihr nach kaum dreijähriger Ehe in der Blüte seiner Jahre nach kurzem Krankenlager entrissen lvurde, fühlte, alles, was Leben heißt, sei für sie vorbei für inunerdar. In sich versunken, abgekehrt von der Außenwelt, widrnete sie seitdem ihre Tage nur dem Kultus ihres Leides. Voll jeher hatte sie staunend das rege, wohlthätige Schaffen ihrer Tante beobachtet, auch gern und oft aus ihren reichen Mitteln dazu beigesteuert. Da sie indeß nie den Wunsch äußerte, sich aktiv daran zn betheiligen, so hatte Jene, die ihre eigellen Töchter eifrig zu werkthätiger Barmherzigkeit anhielt, sie, ihrem Prinzip zärtlichen Gewährenlassens getreu, auch nie dahingehend zu beeinflussen versucht. Zum erstell Mal war die Tante heute von dieser Gepflogenheit abgewichen, um, wie sich Helene jetzt eingestand, so streng mit ihr zir sprecherl wie lloch llie zuvor. Und stets von Neuem legte sie sich im Wandern die Frage vor: Weshalb gerade jetzt, da ihr alles geriommen? Warum hatte sie sie zu diesem Wege gezwungen und was konnte der Anblick fremden Leides ihr frommen? (Forts, folgt.)

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