Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- Seite 477 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228406--56881-3293218- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
477 zugeftimmt, aber zugleich erklärt, es sei gestattet, sich in den Sephiratagen zu barbieren. Wäre es richtig, diese Konflikte einfach zu registriren, ohne sich »ach Motiven umzusehen? In diesem Falle haben wir es nicht nöthig. Ezechiel Landau sagt es uns ziemlich klar. In Prag gab es Leute, die, wie Israel von Hönigsberg, bei Fürsten und Grafen ein- und ausgingen, die nach der Mode der Zeit glatt barbiert waren und sich ihrer Bartstoppeln am Chol Hamoed schämten. Deshalb und weil zu befürchte»! war, daß in dieser liberalen Umgebung das Beispiel eiirzelner Radikaler Schule machen würde, welche sich den Gebrauch des Rasirmessers gestatteten, erlaubt Rabbi Ezechiel Denen, welchen ihr gesellschaftliches Auftreten den Bart besonders unbequem machte, die Salbe an den Halbfeiertagen. (Roda bi - Jehuda, Orach Chajim, 1. Ausgabe 13; 2. Ausgabe 99—101.) In Amsterdam war diese Nothwendigkeit nicht vorhanden, und Rabbi Saul »nag auch sonst ein Gegner aller Kompromisse gelvesen sein und geglaubt haben, man »nüsse allen Neuerungen durch unbeugsame Strenge entgegentreten. Wenn man die religiöser» Zustände Amsterdams mit denen Prags vergleicht, und wenn man berechtigt wäre, sie als Resultate der seelsorgerischen Thätigkeit ihrer Rabbiner aufzufassen, so muß man Rabbi Saul Recht geben. Er könnte jedenfalls mit größerer Zufriedenheit auf seine Heerde blicken als sein Bruder Hirsche! Levin von Berlin. Chajin» Joses David Aznlai, der palästinensische Sendbote, dessen Nachkonrinen im fünften Geschlecht heute eine Musikschule in London leiten, lebte in den» schon damals freigeistigen Italien, wo inan sich mit dein Rasirmesser schon so abgefundei» hatte, daß er entrüstet ausrnft: „Unsere Großen in Israel wenden Zwangsmaßregeln gegen säumige Steuerzahler a»i, aber das'Seelenheil der Gemeindemitglieder ist ihnen gleichgiltig." Er hält es darmn für angezeigt, das Barbieren mittelst der Salbe in den Tagen vom Pessach- bis zum Schabuothfeste zu gestatten, wenn man glaubt, dadurch den Gebrauch des Rasirmessers verhindern zu können. (Resp. Chajim Scha-al 6.) Ganz »nerkwürdigerweise will er von dem Kompromiß Ezechiel Landaus nichts wissen und sagt von ihm: „Obwohl er in der Frage des Barbiere»is am Chol Hamoed einen falschen Maßstab angelegt hat, so sieht man doch aus seinen Werken, daß er ein großer Mann, ja einer der bedeutendsten Kapazitäten seiner Zeit war/' (Schem Hagedolim, Artikel: Noda bi-Jehuda.) Was war der Grund von Azulais Inkonsequenz? Hier verläßt uns die Quellenforschuilg. Vielleicht >var es italienisches Selbstgefühl, denn die Italiener des 18. Jahrhunderts Raphael Salomo Levi aus Finale und der berühmte Isaak Lampronti aus Ferrara (S. Lamprontis Lexikon, Artikel mbl) haben sich gegen das Barbieren am Chol Hamoed auch im Nothfalle erklärt und Azillai wird einem „Polacco", — über die er sich in seiner Autobiographie so abfällig äußert —, nicht gegenüber den Autoritäten seines Adoptivvaterlandes Recht geben. Vielleicht war es auch Dankbarkeit gegen Rabbi Saul, der ihn, als er in Amsterdam für das heilige Land Almosen sammelte, 1778 sehr höflich behandelte, wie das auch dessen Vater Arjeh Löb im Jahre 1755 gethan hatte. Auf alle Fälle sehen wir, daß zum Verständniß von Thatsachen die Erkenntniß des Zusammenhanges nothweudig ist, »md das soll noch ein interessantes Beispiel aus dem Midrasch beweisen, ehe ich an die Darstellung meines Gege»»standes gehe. Buren und Juden. Amsterda in im September. ugeublicklich iveilen hier viele Buren a»ls der Kapkolonie, dem Freistaat und Transvaal, auf deren Kopse V die Engländer hohe Preise gesetzt haben. Unter ihnen sind Jünglinge von kau»» 20 Jahren, Männer in» besten Lebensalter und Greise; zrllneist stille, in sich gekehrte Leute, die erst nach längerer Bekanntschaft aus sich herausgehen. Im beinahe täglichen Umgänge mit ihnen haben wir Manches erfahren, das für Ihre Leser voi» besonderen Jiiteresse sein dürfte. Kürzlich kan» unser Gespräch über das Verhältnis; der Buren auf dem Plattlande auch auf die Inden. Alle erklärten: Der B»>r ist »nißtrauisch gegen Jedermann, ob er nun Deutscher oder Franzose, Russe, Türke oder Amerikaner ist; so auch gegen den Juden. Es dauert sehr, sehr lange, bis er dieses Mißtrauen überwunden hat. Deshalb sind auch ehrliche Fremdlinge, die sich hierüber gekränkt fühlen, häufig recht ungehalten über den Bur und äußern dies unverhohlen in der europäischen Presse. Hat aber Jemand das Vertrauen eines Bnrs gewonnen, so besitzt er dies voll und ganz. So wohnte bis vor Kurzen» in einem Kapscheir Distrikt ein Jude Namens Katzenstein, der die Verwaltung verschiedener großer Bauernhöfe führte. Er kaufte und verkaufte für sie. Hatten die betreffenden Buren mal Geld nöthig, so holten sie's. Zinsen brauchte Katzensteiu nicht zu bezahlen, und für die Verwaltung bekanr er jährlich obendrein noch eine bestimmte Summe. Viele Juden habei» sich von fliegenden Marskrämern zn Ladenbesitzern emporgearbeitet. Auf ihren Wanderungen haben sie die Bedürfnisse der Buren kennen gelernt irnd auch die Weise, wie sie sie zu behandeln haben. Erzeugnisse, die der Bur für werthlos hält, kaufen sie ihm noch für gutes Geld ab. Dafür ist der Bur empfänglich, ivenngleich er das so gewonnene Geld für andere höher berechnete Gegenstände demselben Händler »vieder zurückzahlen muß. Dazu kommt, daß der Jude manch derben Scherz des Burs versteht, dem andere Leute eine witzige Seite nicht abgewinnen können. Auch niachen sie sich bei dem Bur dadurch beliebt, daß sie ihm in der Korrespondenz mit den Steuerbehörden und den Regierungsorganen hilfreich zur Seite stehen. Ein solch sehr beliebtes Faktotum war, wie »ins der junge Dries de Wet, ein Neffe des bekannteu Generals, mittheilt, ein dentscher Jude Namens Hermann. Ob dies sein Vor- oder Zuname war, weiß der Erzähler nicht, wo er her war, weiß er auch nicht; er hieß einfach „Hermann de Jood". Hermann wohnte vor Ausbruch des Krieges in» Distrikt Wolmarans. Als die Kolnmandos a»»fgerufen wurden, um ins Feld zu ziehen, meldete er sich auch. Der Feldkornet wollte anfänglich nichts von ihm »vissen, Hermann erklärte jedoch, er würde unter allen Umständen mitgehen und setzte seinen Willen auch durch. So kam er denn zum Kommando von General Cronje vor Mafeking, wo er sich »licht allein als sehrbrauchbar erwies, sondern auch durch seine Tapferkeit — erschlich sich Nachts manchmal ganz allein an die feindlichen Vorposten heran — Aller Achtung erwarb. Als die Engländer bei Modderriver sein Pferd todtgeschossen hatten, bürschte er sich am helllichten Tage an den Pferdekraal der Engländerheran, schwang sich auf eines der besten Pferde,