Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- Seite 476 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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476 Die Frauenfrage des gebildeten Mittelstandes trägt, wie bereits ausgeführt, theils reellen, theils ideellen Charakter, während sie im zweiten Stande, der Geburts- und Geldaristokratie, rein ideeller Natur ist. Es ist hier der Kampf weiblicher Kernnaturen, sich loszulösen von den Schranken der Repräsentation, der Konvenienz, traditioneller Standesvorurtheile und in geistiger Arbeit Zurückzugehen auf die Quellen des rein Menschlichen. (Grosze Wohlthätigkeitsbestrebungen, Malerinnen, Schriftstellerinnen, aber auch Dilettantismus in allen Künsten.) So ist die Frauenfrage weit davon entfernt, gelöst zu sein, so weit wie die soziale Frage überhaupt. Am weitesten ab von der Lösung aber ist die jüdische Frauenfrage. Doch nicht Resignation, jene greisenhafte Stimmung kampfesmüder Seelen, soll diese Erkenntniß in uns Hervorrufen, sondern jugendfrohe Zuversicht, daß es einst besser werde, denn und) steht ja die Frauenbewegung tm Zeichen der Jugend. Zum Beweise, daß wir uns nicht utopistischen Träumen hingeben, wenn wir eine Aenderung ersehnen, brauchen wir nur einen Blick nach Frankreich zu werfen, wo längst gleiches Recht für Alle herrscht. Wenn in Deutschland die Judenfrage nicht mehr ein heißes Gericht sein wird, das auch die Wohlwollendsten meiden, aus Furcht, sich daran den Mund zu verbrennen, wenn dieselbe in kaltem Zustande genieß- und diskutirbar ist, dann erst wird man auch der jüdischen Frauenfrage in weiteren Kreisen näher treten. Aus dem amerikanischen Israel. Von Professor Dr. G. Deutsch. I. einigen Jahren habe ich es mir zur Aufgabe gentacht, Äp/ die Strömungen im Judenthum der westlichen Hemi- "A sphare an der Hand der Verhandlungen der Rabbinerkonferenz zu schildern. Ich Prätendire damit nicht, daß drese Verhandlungen der Mittelpunkt des jüdischen Lebens seien, sondern folge dabei dem leitenden Gedanken, daß alles, was das amerikanische Judenthun: bewegt, mehr oder weniger die Interessen der Rabbiner berührt und darum auf ihren Versammlungen zur Sprache kommt. Diese sind für mich nicht der Mittelpulikt, um den sich das amerikanische Judenthunl bewegt, sondern der Gesichtspunkt, von - dem aus man dessen Bewegungen folgen kann. Man wende nicht ein, daß Ereignisse, nach denen man ein Zeitalter benrtheilen wolle, sich im Vordergründe abspielen niüssen. Das gerade Gegentheil ist der Fall. Man hat nur allzulange Heroenbiographien für Geschichte gehalten und vergessen, daß die mächtigsten Individualitäten' ohne Gefolge wirkungslos auf der Weltbühne vorüberziehen mußten sowie, daß sie ohne ihre Uingebung nicht verständlich wären. Unsere jüdische Geschichte ist ja dürftig genug, aber gesetzt, wir wüßten genau, daß Simon Kajara die Halachoth geschrieben habe, wie verschwindend wäre ein solches Stück Litteraturgeschichte gegenüber dem Tagebnche des schlichten Hausirers am Hofe Karls des Großen, von dem uns der anonyme Mönch von St. Gallen erzählt. (S. Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit. Bd. 1, 322.) In dieser beneidenswerth läppischen Geschichte bedient sich Karl der Große des jüdischer: Händlers, um einem als geizig verschrieenen Bischof eine ausgestopfte Maus als eine große Rarität für schweres Geld anzuhängen und den geizigen Bischof dann auszulachen. Wir sehen hier beu Juden als Importeur, der die seltensten Güter aus dem Orient in die der Kultur neuerschlossenen Gebiete bringt. Wir sehen ihn als schlauen Händler, der bei dem Gotte seiner Väter bethenert, die Waare koste ihn selber mehr, als der Käufer bietet. Wir sehen ihn endlich als Vertrauten des mächtigen Kaisers lind, was ja besonders wichtig ist, als einen des Zutrauens vollständig würdigeil Manu, der die erhaltene Summe auf Heller und Pfennig abliefert. Wenn nun dieser Hansirer uns beschrieben hätte, wie er in das Geschäft gerathen, wo er geboren und erzogen, wo seine Heimath gewesen, wie er an den Hof des Kaisers gekommen sei, lvo er in jener Zeit, da es keinen Lnach mit der Sammlung jüdischer Hotels gab, überall das koschere Restaurant gefunden, ob er trotz Osias Heschel Schor, der die Tephillin tm dreizehnten Jahrhundert erfunden sein läßt, Tephillin gelegt, endlich, wie er an Weib und Kinder geschrieben, ob er auch schon die Phrase „bis hundert Jahr" verwendet habe u. dergl., welch' reiche Fülle geschichtlicher Information! Kurz, ich glaube an die Bedeutung des Kleinen in der Geschichte. Der ainerikanische Dichter James Russell Lowell sagt: Wlio deemetli small things are beoeak his state Will be too small for what is truly great. Ein anderer wichtiger Faktor in dem Plane meiner Darstellungen ist der Versuch, den Zusammenhang zwischen den geschichtlichen Ereignissen und ihren treibenden Kräften darzustellen. Das fehlt uns leider fast durchgehends in der älteren Geschichte. Da ist z. B. das Privilegium Heinrich IV. für die Juden voll Speyer mit der Bestimmung, daß Juden nur auf das Zeugniß von Juden verurtheilt werden dürfen. Mancher germanische Historiograph hat sich ob dieses Beweises von Judenherrschaft in Deutschland gegrämt. Ich denke, mit Unrecht, denn ich schließe atls dieser Bestimmung, daß matt in Speyer im 11. Jahrhundert ebenso bereit war, eine Unwahrheit zu beschwören, wenn es galt einen Inden zu verderbet!, als in Könitz oder Polna im zwanzigsten. Diese Vorgeschichte fehlt, denn Jehuda, Sohn des Kalonymos, dem das Privilegirtm eingehändigt wurde, hat wohl ebenso wie seine Söhne und Enkel hebräische Hyntnen verübt, die uns Staunen abzwingen über die Virtuosität in der Mißhandlung einer Sprache, aber die Geschichte seiner Verhandlungen mit Kaiser Heinrich ist er uns schuldig geblieben. Und das ist schade, dentl solche Dinge vergesset: sich schnell. Manche der Gesetze, die zur Zeit der angestrengten Thätigkeit der Gesetzesmühle während der französischen Revolution erlassen wurden, sind utts unverständlich, weil wir die Motive nicht kennen. Und Motive giebt es für jedes Gesetz. Wenn R. Elieser die Psticht, das Schema zu rezitiren, auf die Zeit bis zehn Uhrbeschränkt und Rabban Gamaliel sie bis zum Morgengrauen erstreckt, so muß jeder der beide:: Männer seine Gründe in irgend einen: Prinzip gehabt haben. Als Parallele stelle ich mir vor, wir besäßet: aus dem achtzehnter: Jahrhundert statt ausführlicher Abhandlungen über religiot:sgesetzliche Fraget! nur kurze Entscheidungen. Nehmen wir an, Ezechiel Landau hätte schlechtweg gesagt, es sei gestattet, sich am Chol Hamoed zu barbieren, und sein Zeitgenosse Saul aus Amsterdam hätte ebenso lakonisch erklärt, es sei verboten. Dann itzätte Azulai