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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-05 · Heft 40 (5.10.1900) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 40 (5.10.1900)
Date
1900-10-05
Page
Seite 475 (sequence 9)
Language
German
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475 sich das Erioerbsverhältniß zwischen den Jüdinnen und den Feanen der Gesammtbevölkerung gestalten, wenn nur der sogenannte gebildete Mittelstand in Vergleichung gezogen wäre, dessen Grenze statistisch freilich schwer zu ziehen ist; aber in den Grenzen eben dieses Standes hielten sich die Be obachtungen meines vorigen Aussatzes. Es genügt bei der Beurtheilung sozialer Verhültnisie nicht,' von der hohen Warte wissenschaftlicher Erkenntniß der Beweiskraft der Zahlen allein zu vertrauen; man muß das Leben in der Mannigfaltigkeit gegebener Thatsachen, in den geistigen Strömen, in dem Stimmungsgehalt, der die breiten Massen dnrchdringt, mit Prüfendem Auge erschaut haben, um der tobten Zahl Wesen und Inhalt zu verleihen und in Bezug aus die Lage der Frau wird wohl nur die Frau eine zuständige Richterin sein. Bekanntlich ist es der dritte Stand, der seit der französischen Aufklärung die Kultur beherrscht und noch lange beherrschen ivird, und in ihm ist es das bildnngsverseinerte Bürgerthum, welches durch die richtige Verquickung von materiellem Zwange und individueller Freiheit die maßgebende»» Leistungen ans allen Gebieten hervorgebracht hat; hier, »vo jene großen äußeren Werthungsnorrnen: das Geld und der Wettbeiverb, dazu nöthigen, den Stoff, frei v » n jeden» Dilettantismus technisch souverän zn beherrschen, und »vo anderseits der große innere Werthlnesser, der geistige Drang des schaffenden Ich daz»» zivingt, das Stoffliche in seiner Tiefe zu erfassen. Sollen »vir Juden nun leicht darüber himveggehen, wenn es sich »in» die geistige »nid materielle Existenz unserer Frauen aus diesen» Stande handelt? Solle»» »vir leichthin als „Damenfrage" behandeln, als eine Art Luxusartikel, den die Kult»»r sich in einer Modelaune geleistet hat, »vas doch mit dem Kernpunkt der bisherigen sozialen Entivickelung in enger Verbindung steht? Es handelt sich thatsächlich um eine Damenfrage, »venu auch ivvhl in einen» tieferen Sinne, als in dem von dein Herrn Verfasser angedeuteten. Die Da »ne ist es, »velche sich die Frau erkämpfen will; jenes durch den jahrhundertelangen Druck einer falschen Erziehung geistig und körperlich geschioächte Geschöpf, die Dame, sie hat dennoch die Kraft gesunde»», theils durch die harte Nothwendigkeit, theils durch die sittliche Kraft des erkennenden Intellekts getrieben, die Rechte und Pflichtei» der Konvenienz freudig hinzngeben für die Rechte und Pflichten des Menschen. In diesem Sinne nennt eine bekannte Frauenrechtlerin die Dame die Feindin der Frau. Bei diesen» Kampfe hat man die Jüdii» bis jetzt, materiell forvohl als auch »beeil, znrückzudrängen gewußt. Der Herr Verfasser nen»»t freilich die ökonöinische Seite der Frage unwichtig i»n Vergleich zu der großen Kulturfrage der eigenen geistigen Befreiung. Wohl! — für den historisch Betrachtenden, »licht aber, solange es sich um riicgende Existenzen handelt. Daher also z»»nächst zum ökonomischen Theil der Sache. Wenn die Versagung der staatlichen Stellen, die sich übrigens gerade für die Franc» von Jahr zu Jahr verinehren, nur als ein Zeitsymptom zu betrachten ist, so doch zum Müdesten als ein fchlirnmes für die Gerechtigkeit. Sind solche Stellen an Zahl noch verhältniß- »näßig gering, so sind sie nichts destolveniger die begehrtesten, »veil sie die einzigen sind, welche eine lebenslängliche Sicherstellung garantiren, und es bedeutet die Ausschließung davon eine Erschwer»»ng des Erwerbes in» Allgemeinen. Nicht des Breiteren »vill ich die tausend anderen Hindernisse erwähne», welchen die Jüdin aus ihre»» Wege zun» Erwerbe begegnet?; tver diese»» Weg einmal geinacht hat, »vird sie zur Genüge an sich selbst erfahren haben; hier aus Ostpreußen sind mir, trotzdem der eigentliche Antisemitismus hier fast keinen Eingang gefunden hat, die verschiedensten Fälle bekannt. Doch nun zn de»»» Standpunkte des historischen Betrachters! Eine naturgemäße Folge der erivähnten Einschränkungen ist das Hindrängen jüdischer junger Mädchen zn Handel und Getverbe, r»nd dieses, »vie der Herr Verfasser sehr richtig nach- »veist, in ungleich höherem Maße, als es bei der nichtjüdischen Bevölkerung der Fall ist. Was muß in kurzer Zeit dadurch erreicht werden? Ein »veiblicher jüdischer Handels- und Ge- »verbestand, eine vollkommene Ausbildung der jüdischen Fraueu- »velt in» Geiste des Kastenlvesens, mit möglichster Unterdrückung der Varietäten und Individualitäten, kurz, das Jahrhunderte alte Kerkerlied des Mannes, mit Vorliebe von seinen Feinden gesungen, verschärft ins Weibliche übersetzt. Kann da von einer geistigen Befreiung die Rede sein? Nun »nacht, »vie der Herr Verfasser meint, nicht der Berns den Menschen, sondern der Mensch den Beruf, genau so »vie nicht die Religion den Menschen »»»acht, sondern die Religion eines Menschen so viel »verth ist als ihr Träger. Beide Verhältnisse können »vohl n cht als ähnliche Größen mit einander verglichen werden; der Einfluß der Religion auf die Lebensführuiig des Einzelnen ist, frühere»» Jahrhunderten gegeriüber, »veseutlich z»»rückgedrängt, der Beruf aber, die Lebensarbeit, ist heute mehr denn je ein Stück Leben selbst, und in dem Maße, als er der Ausdruck der inneren Persönlichkeit oder nur äußerlich aufgezwnngen ist, ivird er intellektuelles Genügen oder seelisches Krankheitsgefühl Hervorrufen. Ein »vahres inneres Wohlbehagen des Individuums kann aber nicht erreicht »verden, »venn die Kultur genöthigt ist, sich ge.»Visserinaßen schematisch zu entivickeln, »vie es bei den Juden inännlicheu und weiblichen Geschlechtes bisher der Fall geivesen. Daher ist es bei der gebildeten Jüdii» »licht Erfolgsanbetung, sonder» ihr gutes Recht, wenn sie unbeschränkte Freiheit der Berufs- »vahl verlangt. Wie die Jüdin durch Resignation in diesem Punkte ihre Zugehörigkeit zu ihrer Nation besser bekunden soll, ist nicht völlig verständlich; wir haben >»uu einmal aufgehört, eine Art Staat in» Staate zu bilde»», und für »ins gelten die Existei»zbedingu»lgen der Allgemeinheit. Zun» Schl»»ß noch einige Beinerkungen über die Frauenfrage im Allge»»eii»er», da der geschätzte Herr Verfasser auch auf sie eingeht. Ich halte die Frauenfrage in keiner der verschiedenen Gesellschaftsschichten für gelöst, »inr ihre Form ist es, die sich durch die verschiedenen Standesklassen ändert. Sie trügt im vierten Staude fast rein realen Charakter »»nd gipfelt besonders in den Kreisen der Fabrikarbeiter in der noch unerfüllten Forderung: Wie läßt sich der Wirkrnrgskreis der Fabrikarbeiterii» durchaus mit den Anforderungen der Moral, der Gesundheit und eines gedeihlichen Familienlebens vereinen? Einen ähnlichen Charakter tragen die Verhältnisse auch noch im dritten Stande in den Kreisen des kleinen Bürgers und Handlverkers, die in den Großstädten das bedeutendste Kontingent an Verkäuferinnen, Konfektiviisarbeiterinnen rc. stellen. Hier handelt es sich u»»» den Konflikt zivischen den schlechten, häufig erbärmlichen Löhnen mit de»» immerhin berechtigten und psychisch erklärbaren Ansprüchen eines jugendlichen und genußfrohen Temperaments ai» das Lebe»» der Großstadt und »ln» die aus diese»»» Ztviespalt erivachsenden sozialen Mißstünde.

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