Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-05 · Heft 40 (5.10.1900) · p. Seite 474

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 40 (5.10.1900)
Date
1900-10-05
Page
Seite 474 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228406--56878-3293215
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

474 kraftvoll in Szene gesetzte nnb von großen Prinzipien getragene Vestrebnug, den Gesundheitszustand der arbeitenden Masse zu heben: die Bewegung zu Gunsten der Volksgenesnngsstätten. Es bedarf keines Vorwortes unb keiner weiteren Ausführung, das; ein großer Theil der Verarmten durch Krankheit in den Nothstand gebracht ist. Glücklicherweise ist in den letzten Jahrzehnten, sei es nun durch die Verbesserung unserer Hospitäler, sei es auch durch den ungeahnten Aufschwung nnb die ungeahnten Erfolge einzelner Zweige der Heilkunst, das Vorurtheil der Ungebildeten gegen die Krankenhäuser wenigstens in ben großen Städten geschwunden; durch gesetzgeberische Kraft ist dem Gros der arbeitenbell Bevölkerung eine Gelegenheit gegeben, die Krankheit selbst ohne Kostenaufwand im Hospitale behandeln zu lassen. Die Mauern des Krankenhauses schützen meist vor Sorgen, die erst beginnen, wenn die Insassen geheilt oder nur gebessert entlassen sind. Die Möglichkeit, sich „erholen" zu können, Gelegenheit, Kraft und materiellen Halt zu haben, eine Krisis zu überstehen, das ist es, welches im Laufe eines Menschenlebens die größten Chancen bietet gegen den Verfall, und diese Möglichkeit fehlt den Meisten. Der noch Schwache, kaum Genesene, konnte in seiner Kellerwohnung nicht die Kraft erwerben, den Kampf mit dem Leben siegreich zu bestehen. Die Krankheit selbst schuf bereits ein Defizit, welches der Halberwerbsfähige rricht einholen kann; der Strebsame und Charakterfeste verflicht es wenigstens mit aller Energie unter Aufopferung seiner selbst itub geht körperlich zu Grunde, der charakterschwache Melisch versucht es überhaupt liicht und wird zum Bettler oder zur Dirlie. Von liicht zu unterschätzender Bedeutung sind deulnach die in der ganzen civilisirten Welt seit Kurzem entstandenen großen Volkssanatorien, lvelcher in erster Lillie Genesungsstätten sein sollen für die verheerendste Volkskraiikheit, die Lungenschwindsucht. Und was mali in diesen Lungenheilstätten für Phthisiker erstrebt, das muß und kann geschafseii werden für die Krankenhaiisentlassenen irgend welcher Kategorie. Das Prinzip, welches in einzelnen Hospitälerii bereits mit Erfolg durchgeführt ist, ist das, daß man sobald wie möglich die Insassen der städtischen Hospitäler in ländliche Genesungsheime und Sanatorien abschiebt, in denen in frischer Waldluft Mid sonnigen Feldern äußere nnb innere Schäden schneller zur Heilung gelangen, nachdenl sie durch sachkundige ärztliche Hand auf die richtigen Wege geleitet sind. Hier werden die geheilt Entlassenen wieder den vollen Mllth unb die volle Kraft mit in die Stadt bringen, den sie so dringend zur Erhaltung ihrer Familie gebraucheli, und sie werden der öffentlichen Sorge nicht anheimfallen. Wer also lvirktich wahrer Wohlthäter seiner Mit- und Nachlebenden lverden will, der unterstütze diese Bestrebungen und versuche es, ein Schüler zu werden der Meister, die unter großen Schwierigkeiten diese Ideen zllr werkthätigen Ausführung gebracht haben. Gedanken dieser Richtullg drängten sich mir an einem der sonnigen Frühlingstage auf, als ich derEinweihung des jüdischen Genesungsheims beiwohnen durfte, welches von einem menschenfreundlichen Ehepaar, das schon andere Metsterproben wirklicher Nächstenliebe geliefert hat, in Lehnitz gestiftet worden war. Hier ist der Idee die vollkommenste Ausführung gefolgt. Am Lehuitzer See erhebt sich aus der waldigen Umgebung ein ca. 60 Betterl enthaltendes Gebäude, welches in technischer und hygienischer Beziehung eine Milsteranstalt darstellt, voll der nicht genug Kopien genommen werden sollten. Wenn man Millionen sammelt und zeichrret für Hungernde in Indien, so ist das gewiß eilte schöne und vielleicht auch vor dem Herrn angenehme Opferfreudigkeit, ob aber irr Indien die Huugernderr dadurch gesättigt rverden, das ist eine andere Frage. Von hier aber lverden mit Sicherheit die Genesung Suchenden gestärkt und nerr belebt irr die Möglichkeit versetzt, wieder schaffende und nützliche Mitglieder ihrer Gemeinschaft zu werden. Für die große Mehrzahl der minderbegüterten Mitbürger werden solche Schenkungen mrd solche Wohlfahrtseinrichtungen unerreichbare Ideale bleiben, und vollkommen im Rechte sind sie, wenn sie, statt sich mit verschwindend kleinerr Sunrmerr an solchen Bestrebungen zu betheiligerr, lieber nur zurrr obersterr Grundsätze ihrer Mildthätigkeit den Wahlspruch der in letzter Zeit so viel geschmähten Engländer machen: Charity begins at home. V/JSssk- Noch etwas über die jüdische Frauenfrage. Von Elise Elösser. aß man auch mit dem schweren, wissenschaftlichen Geschütz statistischen Beweismaterials sein Ziel nicht immer völlig zu erreichen im Stande ist, diesen Beweis lieferte der interessante Artikel „Zur jüdischen Frauenfrage" in Nummer 24 dieses Blattes. Der ungenannte juristische Verfasser ivünscht, wie es den Anschein hat, die in dem Leitartikel in Nummer 21 ausgesprochenen Ansichten über Mißverständnisse in der sozialen Lage der jüdischen Frau zu widerlegen, Mißstände, wie sie ja das nothwendige geschichtliche Ergebniß der staatlichen Stellung des gesannnten jüdischen Volkes sind. Bei der Negirnng erheblicher Erwerbsschwierigkeiten dienen dem Herrn Verfasser folgende Zahlenverhältnisse znm Beweise: Es giebt in Deutschland rund 40000 erwerbsthätige jüdische Frauen gegen rund 165000 erwerbende Männer. In der Gesammtbevölkerung Deutschlands sind rund 6,5 Millionen Frauen und 15,5 Millionen Männer thätig. Nach einer einfachen Proportion verhält sich demnach die Anzahl der jüdischen Arbeiterinnen zu der der Arbeiter wie 8:33, sie bildet also nicht einmal den vierten Theil der arbeitenden Männer, während in der Gesammtbevölkerung die arbeitenden Frauen sich zu den Arbeitern wie 13:31 verhalten; sie bilden somit fast die Hälfte der arbeitenden Männer. Der im ersten Moment sich aufdrängende Einwand, dieses ungleiche Berhältniß komme daher, weil es den deutschen Juden an einer eigentlichen Arbeiter- und Arbeiterinnenklasse fehle, wird durch dieThatsache eingeschränkt, daß ihnen anderseits auch ganze Standesklassen mangeln, in denen die Frau offiziell, also statistisch nachweisbar nicht arbeitet: Das Regierungs-Beamtenthum, der Offizierstand und der Groß- und Mittelgrundbesitz. Oder sollte dieses verschiedenartige Berhältniß allein aus der wirthschaftlichen Besserstellung der Juden, über welche sich noch streiten läßt, oder aus einer Mehrheit der Eheschließungen die noch zu erweisen bliebe, zu erklären sein? Erhärtet es nicht vielmehr zur Genüge, daß wir ein volles Recht haben, die Lage der jüdischen Frau als eine Sache separaten Interesses zu betrachten? Noch ungünstiger würde

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.