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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-10-05 · Heft 40 (5.10.1900) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 40 (5.10.1900)
Date
1900-10-05
Page
Seite 473 (sequence 7)
Language
German
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473 Vaterländern am Hun§erkrcl)e nagen, sie sollen oor Untergang beloahrt und ihnen soll geholfen »verde»», daß sie ihre Kräfte zu ihrer Erhaltung verwerthen und verwendell könne»». Und die Einen wie die Anderen, sie sollen körperlich wie geistig gehoben und gefördert werden, damit sie als nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, als würdige Träger des Judenthinns sich erweisen. Den Männern, deren Mort Gewicht und Geltung hat in Israel, den Männern, die an der Spitze der große»! jüdischen Hilfsoerbände stehen, ist ihre Aufgabe klar vorgezeichnet. Sie haben die Wege und Mittel zu erforschen, um des Riesenele»»ds Herr zu werden. Sie tragen eine große Verant- »vortung vor Gott und unserer Geschichte, sie dürfen nicht ruhen »»och rasten, bis sie das Rechte und Zweckmäßige gesunde»», bis sie wirkliche, nicht blos scheinbare Hilfe gebracht de»» Berz»veifelte»». Solle»! aber ihre Bemühunge»» »»icht vergeblich sein, dann muß jede einzelne jüdische Gernei»»de für die dauernde Mitarbeit an dem Rettnngswerke gewonnen, dann »nässen alle Glieder Israels von der Ueberzengnng durchdrungen rverden, das; hier Generationen hindurch Opfer gebracht »verden »nässen, die einigermaßen der Größe des Ele»»ds entsprechen, das^zu bekämpfen und z»» lindern ist, u»»d daß nnr durch vereinte Kraft große Bruderstänune i»» Israel vor Untergang und Verderben bervahrt werden kön»»en. So möge denn Israel zu der sittlichen Höhe sich erheben, auf "der es die Aufgaben und Pflichten klar erkenne, die unsere Zeit ih»n stellt, und den unerschütterlichen Willen haben, sie zu erfüllen, »vie es dem jüdische»» Herzen gezie»»»t. Möge diese schwere, prüfu»»gsreiche Zeit, die vielleicht einen Wendepunkt bilde»» wird in der jüdischer» Geschichte, Israel nicht klein und kleinlich oder kleimnüthig finden, möge dieser Festmonat mit Kraft und Beharrlichkeit ausrüsten die Ei»»en im Dulden und Ertragen, die Arideren im Helfen und Retten! Dann wird aus der thränenreichen Saat Heil und Segen emporsprießen für Israel und am Nachthimmel seiner Geschichte das Tagesgestirn seirrer heiligen Lehre sichtbar werden, Licht und Glanz ausgießend über die ga»»ze Menschheit, danr» wird sich erfülle»! des Propheten Wort: „Es »vird anbrechen »vie Morgenroth dein Licht und deine Heilung schnell gedeihen, es »vird vor dir einherziehe»» deine Tugend, und die Herrlichkeit Gottes »vird schließen deine»! Zug, dann wirst du rufen und der Ewige »vird antworten, du wirst flehen und er »vird sprechen: Hier bin ich." Moderne Wohlfahrtsbestrebungen. Von Dr. Eugen Holländer. 8 giebt gewiß naive Leute, welche glauben, daß zum Wohlthun nur Geld gehöre, und daß es eine Kleinigkeit sei, an seinen Mitmenschen ein wahrer Wohlthäter zu iverden, wenn nur die Absicht vorhanden und diese kleine Vorbedingung erfüllt ist. Daß jedoch ein Studium dazu gehört, die Frage nach zweckmäßiger Verwendung geschenkter Kapitalien zu Wohlfahrtszwecken zu lösen, und daß man sich im Einzelfalle gezwungen sieht, den Rath Jemandes einzuholen, der im Dienste der Humanität ergraut ist, das werden nur Solche bezweifeln, die noch nie nennenswerthe Opfer gebracht oder diese Angelegenheiten bisher nur als Zuschauer betrachtet haben. Und so ist es begreiflich, daß gerade aus diesen, Gebiete große Fehler begangen sind und noch gemacht werden. Wvhlthu» ist ein weiter Begriff; wen hat noch nicht momentan das seelische Befriedigungsgefühl erfüllt, wenn er einem Bettelnden eine Münze in den Schovß geworfen, quasi als captatio benevolentiae einer höheren Macht oder als Selbstbesteuerung nach einem guten Diner; und so lobenswerth auch eine mildthätige Gabe als sofortige reflektorische Bethätigung einer augenblicklichen Gemüthsstimiiinng sein mag, zweckmäßig ist sie in den wenigsten Fällen, und ein Wohlthäter wird man aus diese Weise nicht, auch wenn man noch so oft wirft und noch so viel wirft. Diese kleinen Einzelgabeir summirt, bedeuten ein unzweckmäßig vergeudetes Kapital, welches, auf einmal zielbewnßt gegeben, einen dauernden Nutzen hätte schaffen können. Bismarck ist einmal einem Begleiter, der einem Bettler ein Geldstück hinwerfen wollte, mit den Worten in die Parade gefahren: „Wozu die Krisis aufhalten!" Wieviel Wahres ruht in diesen, souveränen Standpunkt. Jedenfalls ist das Almosengeben ans der Straße die niedrigste Stufe menschlicher Nächstenliebe und Mildthätigkeit und überall dort in Blüthe, wo zweckmäßige Wohlfahrtseinrichtungen fehlen und die Länder auch sonst auf relativ niederer Kulturstufe stehen. Und noch eins: betteln wirkt kontagiös; das wird Jeder zngeben, der dies zu einem Gewerbe, zu einer Industrie entivickelte Bettelwesen in südlichen Ländern und Kolonien zu beobachten Gelegenheit hatte. Bon diesem Gesichtspunkte aus müßte uns der Anblick unserer Hauptstadt mit einigem Stolz erfüllen, denn Thatsache ist es, daß die Straßenbettelei in Berlin eine sehr geringe ist. Verdanken wir das nun thatsächlich der Zweckinäßigkeit unserer Wohlfahrtseinrichtungen, oder hat sich das Bettel,vesen Abwege gesucht unter dem strammen Reginrent unserer Polizei? Ich glaube, man kann beiderseits die Antwort in positive», Sinne geben; allmälig beginnt auch hier bei uns die öffentliche Sorge um das Wohl der Besitzlosen weite Kreffe zu intereffiren, und in dem letzten Jahrzehnt sind erstklassige derartige Wohlfahrtseinrichtungen gegründet worden, wenn wir auch von einem Höhepunkte noch weit entfernt sind; eine stattliche Reihe von Vereine», Gesellschaften wetteifern, indem sie die Hebel an den verschiedenen Unterstützungspunkten ansetze», das Loos der materiell Unselbständigen zu heben. Die Kehrseite dieser Rettungsmedaille ist jedoch die, daß die Bettelei von der Straße in das Haus geflüchtet ist, und hier, ich kann nur sagen: ihr Unwesen treibt. Nach diesem kleinen Streifzug auf das Gebiet des Ariiienwesens entsteht die Frage: Kan» man einer Volksverarmung überhaupt durch derartige Veranstaltungen und Einrichtungen entgegentreten? Giebt es keine prophylaktischen Mittel gegen diese Volkskrankheit? Das Unterstützungs- und Armenwesen einer Großstadt kann noch so vorzüglich geregelt sein, die Mittel müssen ungenügend werden und sich erschöpfen bei immer stärker werdendem Andrange. Man muß eben versuchen, der Verarmung vorzubeugen; das Uebel an seiner Wurzel zu treffen scheint zweckmäßiger, als die zahllosen Auswüchse zu bekämpfen. Fern liegt es mir, hier die ganze Frage der sozialökonomischen Verhältnisse zu entrollen, die so viel und oft diskntirte Nothlage des vierten Standes hier zu bespreche». Zweck dieser Zeilen soll es sein, auch ein ferner stehendes Publikum auf eine Erscheinung aufmerksam zu machen und seine Antheilnahme zu erbitten, welche wohl die erfreulichste im Beginne dieses neuen Jahrhunderts ist, ich meine die

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